Vom Schandfleck zum Leuchtturm

Dieter Moll (72) steht zwischen Bauschutt mit einem großformatigem Papier in der Hand. Im Hintergrund ist das Metallskelett einer Halle zu sehen, die zurzeit abgerissen wird.
Foto: tonwert21.de
Dieter Moll ist einer von drei Geschäftsführern der Egra. Aktuell gibt es 22 Gesellschafter. Alle verzichten in den ersten 15 Jahren auf Gewinne und reinvestieren das Geld stattdessen in die Zukunftsfähigkeit Rethems. Nach dem ersten Sanierungsprojekt sollen bis Ende 2019 auf den ehemaligen Toschi-Gelände drei weitere gewerbeparzellen entstehen.

Als Manager von Großprojekten in Entwicklungsländern zählte Dieter Moll zu den Spitzenverdienern seiner Branche. Den, wie er sagt, tollsten Job seines Lebens macht der 72-Jährige jetzt für 80 Cent die Stunde: Die Aufwandsentschädigung erhält er für die ehrenamtliche Geschäftsführung der Energie- und Gewerbepark Rethem GmbH & Co. KG (Egra). Die Gesellschaft ist 2013 aus einem Arbeitskreis zur Zukunft Rethems heraus gestartet und hat sich die Sanierung und Vermarktung des asbestbelasteten Geländes der ehemaligen Zement-Fabrik Toschi an Rethems Stadtrand zur Aufgabe gemacht.

„Ist das nicht ein großartiges Projekt?“ In Molls Stimme schwingen Stolz und Euphorie mit, während er seinen Laptop aufklappt. Er sitzt an einem Besprechungstisch im ersten Stock des modernen Bürogebäudes, das die Egra bereits auf dem Gelände des Energie- und Gewerbeparks an der Hainholzstraße gebaut hat. Neben dem Computer liegen Ordner, Mappen, Pläne und Berichte. Moll hat sich vorbereitet, denn bei der Geschichte des Projekts geht es um viele Zahlen. Und um viel Geld.

Den Anfang aber machten sieben Bürger und Unternehmer, darunter Moll, die die Egra 2013 mit privaten Einlagen gründeten. Ein Anteil kostet damals 20.000 Euro, eine Gewinnausschüttung ist in den ersten 15 Jahren ausgeschlossen. Das Ziel war und ist ein anderes: „Wir wollen Rethem voranbringen und Arbeitsplätze schaffen, um besonders jungen Menschen vor Ort eine berufliche Perspektive zu bieten“, sagt Moll. Er blickt über den Rand seiner Lesebrille: „Uns war schnell klar, dass das asbestbelastete Areal der ehemaligen Zement-Fabrik Toschi eine Chance zur Ansiedlung von Unternehmen bietet, die wir nutzen wollen.“

Seit Jahrzenten schon war das Toschi-Gelände eine Problemfläche. Die Asbest-Zement-Fabrik hatte tonnenweise kontaminierten Boden und asbestverkleidete Gebäude hinterlassen. Außerdem gab es über Jahre undurchsichtige Besitz- und Pachtverhältnisse für das Areal, sodass es schwierig war, jemanden für den illegal abgeladenen Müll auf dem Gelände zur Verantwortung zu ziehen. Es gab also jede Menge zu tun für die Egra – und jede Menge zu investieren.

Ob es um ein Projekt in einem Entwicklungsland geht oder bei uns in Rethem: Die Fördertöpfe sind da, man muss nur ebenso nachhaltige wie überzeugende Konzepte einreichen.

DIETER MOLL

Allein die Sanierung des ersten Bauabschnitts – 76.000 Quadratmeter, auf denen seit 2017 ein modernes Bürogebäude mit einer Produktionshalle steht – kostete rund zwei Millionen Euro. Für die Bürgergesellschaft Egra wäre das allein nicht zu stemmen gewesen. Aber zum Glück gab es ja Moll, der beim Aufbau von Infrastruktur- und Schulprojekten in Entwicklungsländern fünfstellige Millionenbudgets verantwortet hat – samt Organisation und Management der entsprechenden Fördermittel. Er sagt: „Ob es um ein Projekt in einem Entwicklungsland geht oder bei uns in Rethem: Die Fördertöpfe sind da, man muss nur ebenso nachhaltige wie überzeugende Konzepte einreichen.“

Gesagt, getan: Die Egra-Gründer konzipierten ein Konzept, welches für die Entwicklung strukturschwacher Räume Modellcharakter haben sollte. Die Kernelemente: ehrenamtliche Projektumsetzung und Geschäftsführung, keine Gewinnentnahmen, sondern Reinvestition, Schaffung neuer Arbeitsplätze und Risikoverteilung auf viele Schultern. Ein Punkt, der Moll besonders wichtig ist: „Das war eine Gemeinschaftsleistung.“

Zusammen konnten sich die Egra-Macher dann im November 2014 über den ersten Zuwendungsbescheid der NBank freuen. Insgesamt 779.400 Euro flossen aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW) in die Sanierung des Energie- und Gewerbeparks Rethem. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann begründet: „Durch die Revitalisierung des Geländes der ehemaligen Asbest-Zement-Fabrik Toschi können der regionalen Wirtschaft auf ressourcenschonende Weise Gewerbeflächen zur Verfügung gestellt werden. Davon profitiert die regionale Wirtschaft, zudem können bestehende Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden.“

Moll blättert in einer Mappe und zeigt auf eine Tabelle, die Stand April 2017 in drei Unternehmen 63 neu geschaffene Arbeitsplätze auflistet: „Inzwischen sind es um die 80, die Entwicklung geht ja weiter.“ Um diese Entwicklung zu unterstützen, hat die Egra ein spezielles Mietpreismodell erdacht: Für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz erhält ein Unternehmen ein Prozent Mietnachlass. „Aber maximal bis zu zehn Prozent“, sagt Moll.

Sieben Unternehmen haben sich in dem neuen Gewerbekomplex neu niedergelassen, weitere Firmen sollen mit dem zweiten Bauabschnitt folgen. Auf einer neu erworbenen Fläche von 32.000 Quadratmetern werden nach Sanierung, Neubau und Fertigstellung Ende 2019 drei Gewerbeparzellen für Produktion, Montage, Lager und Büro zur Verfügung stehen, zwei davon sind schon so gut wie vermietet. Außerdem sehen die Pläne für das Gelände an der Hainholzstraße eine eigene Abbiegerspur für den Energie- und Gewerbepark von der B 209 und einen Kreisel auf dem Gelände vor. Gesamtinvestition: rund 3,106 Millionen Euro. Umgesetzt wird das Ganze wiederum mit GRW-Mitteln in Höhe von rund 2,8 Millionen Euro, weitere zehn Prozent finanziert die Egra gegen.

Dass die Sanierung des ehemaligen Toschi-Geländes „maßgeblich durch das ehrenamtliche Engagement von Rethemer Bürgern und Unternehmern möglich geworden ist, die sich hoch motiviert und mit privater Finanzierung für die wirtschaftliche Weiterentwicklung Rethems einsetzen“, kommt auch bei Wirtschaftsminister Althusmann gut an: „Dieses Modell wird hoffentlich noch viele Nachahmer in anderen Regionen finden.“

Dieses Modell wird hoffentlich noch viele Nachahmer in anderen Regionen finden.

Nds. Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann

Die Egra hat inzwischen bereits ein neues Zukunfts-Projekt direkt vor Ort ausgemacht: die Sanierung des alten Ratskellers in Rethem. In das nahezu abrissreife Gebäude könnte ein kombiniertes Angebot aus Restaurant und Hotellerie einziehen. „Die Idee dabei ist es, den Ratskeller in das Konzept einer Stadtkernsanierung einzubinden“, sagt Moll, der je nach Ausführung mit 1,3 bis 1,9 Millionen Euro für Bau und Sanierung kalkuliert, hinzu kämen 150.000 bis 200.000 Euro für Ausstattung und Mobiliar.

Rethems Stadtdirektor und Samtgemeindebürgermeister Cort-Brün Voige äußert sich in Bezug auf die Höhe einer möglichen Förderung vorsichtig-zurückhaltend. Für die gesamte Stadtkernsanierung stünden sechs Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung und es gäbe viele private Antragsteller, die ebenfalls auf Unterstützung hoffen: „Letztlich muss der Rat entscheiden.“ Doch selbst wenn der Zuschuss für das Egra-Projekt „Ratskeller“ nicht in der gewünschten Höhe erfolgt, der findige Fördermittel-Manager Moll und seine Mitstreiter finden bestimmt einen Weg.