Ausbildung für die Arbeitswelt von morgen

Vier junge Menschen, zwei Mädche
Foto: tonwert21.de
Die angehenden Elektro- und Informationstechnikerinnen Nele Hasemann, Melissa Wehle, Sebastian Kranz und Mark Bulatov (v.l.) haben eine Smart Factory nachgebaut.

Klackernd kullern die bunten Smarties in die kleine runde Plastikbox. Gleich darauf transportiert ein Miniatur-Laufband den Behälter zur nächsten Station. Mit einem zischenden Geräusch drückt die Maschine einen QR-Code auf den Deckel. Es folgt ein kurzer Halt am Scanner, bevor ein Roboter nach der Box greift und sie vor Melissa Wehle und Nele Hasemann auf dem Tisch absetzt.

Die beiden jungen Frauen haben die Smart-Factory-Anlage zusammen mit zwei weiteren dualen Studierenden der Elektro- und Informationstechnik bei Volkswagen mitkonstruiert, das Steuerungsprogramm geschrieben und mit einem Server in Berlin verbunden, sodass sie die Anlage über eine selbstprogrammierte App auf ihrem Handy steuern können.

Die Smart Factory ist nur eines von vielen Projekten, die Lehrer Stefan Manemann an den Berufsbildenden Schulen (BBS) 2 in Wolfsburg mit den Schülerinnen und Schülern umsetzt. In den Klassenzimmern, die hier Labore genannt werden, sitzen die Nachwuchskräfte vor Rechnern und programmieren, sie bauen ganze Fertigungsanlagen samt Schaltschrank und speicherprogrammierbarer Steuerung nach. Anlagen, die exakt so im Volkswagen-Werk zu finden sind und daher praxisnahes Wissen vermitteln. Die Schritt-für-Schritt-Anleitungen stellen die Schüler auf der Online-Lernplattform der Schule ein, die auf der kostenfreien Open-Source-Software Moodle basiert.

BBS2 in Wolfsburg teilt Wissen über eine Lernplattform mit anderen

„Die Online-Plattform ist die Basis für das digitale Lehren und Lernen an unserer Schule“, sagt Manemann. Aufbauend auf den Inhalten organisiert die BBS 2 Fortbildungen für Lehrer und Projektwochen, bei denen duale Studierende wie Melissa Wehle und Nele Hasemann anderen Azubis als Tutoren zur Seite stehen. „Die Anleitungen sind aber nicht nur für den internen Gebrauch gedacht“, sagt Manemann, „auch andere Berufsschulen und Betriebe können die Lernplattform www.xplore-dna.net nutzen.“ So seien etwa Videos allein im vergangenen Jahr 27.000 Mal aufgerufen und 800 Stunden angesehen worden. „Das werden kaum nur User unserer Schule gewesen sein.“ Ein stolzes Lächeln huscht über Manemanns Gesicht.

Die Digitalisierung macht Schule – und es ist höchste Zeit dafür, denn in den Unternehmen ist der digitale Wandel längst angekommen. Tischler müssen digitale CNC-Fräsen bedienen, Metaller sich mit der additiven Fertigung auseinandersetzen und Elektroniker und Mechatroniker kommen nicht mehr ohne Programmierkenntnisse und differenziertes IT-Wissen aus.

Volkswagen schult Problemlösungskompetenz der Azubis

Volkswagen richtet seine Berufsausbildung danach aus. „Wir vermitteln den Fachkräften von morgen zukunftsrelevante Kompetenzen zu Themen wie Elektromobilität, autonomem Fahren und Softwareentwicklung. Dabei setzen wir Technologien wie Virtual Reality und 3-D-Druck ein“, erklärt Christoph Görtz, der die Berufsausbildung von Volkswagen in Wolfsburg leitet. „Damit sie ortsunabhängig in Schule und Betrieb lernen können, stellen wir allen technischen Auszubildenden iPads zur Verfügung und kooperieren auch mit der Lernplattform Vocanto.“

Das Arbeiten im digitalen Zeitalter ist komplexer, gleichzeitig gilt es, schneller auf Veränderungen reagieren zu können. Die Berufsausbildung von Volkswagen vermittelt dem Nachwuchs daher nicht nur das digitale Fachwissen, sondern schult auch die Problemlösungskompetenz der Auszubildenden, sagt Christoph Görtz: „Wir müssen die Auszubildenden so qualifizieren, dass sie die richtigen Fragen stellen, Zusammenhänge verstehen, und den Mut haben, auch neue Wege zu gehen.“

Digitales Fachwissen und interdisziplinare Azubi-Teams

Bevor die technischen Volkswagen-Azubis im zweiten Lehrjahr in den unterschiedlichen Bereichen in der Produktion qualifiziert werden, arbeiten sie daher schon im ersten Lehrjahr im werkseigenen Trainingszentrum in interdisziplinären Projekt-Teams zusammen. Zum Beispiel am E-Beetle-Projekt, für das ein Bobbycar zu einem autonom fahrenden E-Fahrzeug umgebaut wird. Angehende Kaufleute bestellen Materialien, Elektroniker löten das Fahrzeugnetz, Zerspanungsmechaniker stellen Achsen und Räder im 3D-Druck-Verfahren her. „So lernen sie projektbezogen und sehr eigenverantwortlich, komplexe Aufgabenstellungen im Team zu bewältigen. Die Ausbilder sind in solchen Projekten zunehmend Lernbegleiter“, sagt Görtz.

Der 54-Jährige leitet seit rund vier Jahren die Ausbildung an der Volkswagen Akademie und macht sich auch als Vertreter im IHK-Berufsbildungsausschuss viele Gedanken darüber, wie die berufliche Ausbildung gestaltet sein muss, um zukunftstauglich zu sein. Denn nicht nur die Digitalisierung, auch die Mega-Trends Elektromobilität und Softwareentwicklung verändern die Kompetenzanforderungen in  der Automobilindustrie.

Weltweit lieferte Volkswagen im vergangenen Jahr 10,97 Millionen Fahrzeuge aus, die Zahl der verkauften Elektroautos, hat nach Konzernangaben um 80 Prozent auf mehr als 140.000 Fahrzeuge zugelegt. Volkswagen will zu einem der größten Mobilitätsanbieter der Welt werden und baut deshalb seine Kompetenzen in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, Software-Entwicklung, Elektrifizierung und Connectivity aus.

Keiner weiß, welche technischen Innovationen in 20 Jahren aktuell sind

Vor diesem Hintergrund reicht es längst nicht mehr aus, Auszubildenden beizubringen, mit neuen Technologien umzugehen. Der technologische Wandel läuft so schnell, dass keiner weiß, was in zehn, zwanzig Jahren folgen wird.

In Wolfsburg bereitet Volkswagen den Nachwuchs Hand in Hand mit der BBS 2 auf die Arbeitswelt von morgen vor. Beide Partner tauschen sich eng aus. Da Volkswagen-Azubis ganze Klassen füllen, können Projekte individuell auf die Anforderungen im Werk abgestimmt werden. Und manchmal geht es auch darüber hinaus.

Weil Melissa Wehle, Nele Hasemann und ihr Team ihre Smart Factory frühzeitig fertiggestellt hatten, haben sie außerdem den dort eingesetzten Roboter konstruiert, programmiert und mit Hilfe eines 3D-Druckers nachgebaut. „Das war cool, weil Konstruktion eigentlich nicht Teil unserer Ausbildung ist, aber die Arbeit ist so spannend“, sagt die angehende Elektronikerin Melissa Wehle. „Was wir nicht wussten, haben wir in anderen Abteilungen im Betrieb erfragt und die Kollegen haben uns in Crashkursen alles beigebracht.“ So viel Eigeninitiative dürfte ihre Ausbilder stolz machen – und ihnen zeigen: Sie sind auf dem richtigen Weg.