Bilder, die unter die Haut gehen

Ein Mann sitzt mit ausgestreckten, nackten Beinen auf einem Tisch und lässt sich von dem neben ihm sitzenden Tätowierer ein Tattoo stechen.
Foto: culture shocks
Vor 25 Jahren eröffnete Oliver Fiedler sein Tätowier-Studio in Wolfsburg, heute erfüllen dort bis zu 20 Künstler die Wünsche der Kunden.

Tätowierer? Als Oliver Fiedler vor Jahren beim Gespräch über einen Hauskredit diese Berufsangabe machte, da legte sich die Stirn des Bankberaters in strenge Falten. „Tätowieren war Subkultur“, sagt Fiedler lachend, während er die Episode erzählt: „Das schockte eben. Heute ist das Tattoo längst in der Gesellschaft angekommen.“ Und der Tätowierer auch. Mit „culture shocks“ eröffnete Fiedler im Januar 1995 das erste Wolfsburger Tätowierstudio. Der Name war ganz klar Programm. Heute ist der 50-Jährige Inhaber von zwei Studios, in denen bis zu 20 Menschen arbeiten. Dafür brauchte er keinen Businessplan: „Irgendwie habe ich intuitiv alles richtig gemacht.“

Schwarz-weiß-Porträt von Oliver Fiedler, der auf einem Stuhl sitzt. Er trägt ein T-Shirt und auf seinen Armen sind Tatoos zu sehen. Oliver Fiedler ist der Kopf des Tattoo-Studio „culture shocks“ in Wolfsburg. 

Foto: culture shocks

Wer Tätowieren mit Rockermilieu oder Seemannsromantik verbindet, sollte die alten Klischees schnell begraben. Sportler und Popstars machen vor, was heute als angesagter Körperschmuck gilt. Laut einer aktuellen Umfrage des Ipsos-Instituts ist bereits mehr als jeder fünfte Bundesbürger tätowiert, bei den unter 30-Jährigen ist es sogar fast die Hälfte. Das Spektrum der Motive und Stile sei mit den Jahren immer breiter geworden, sagt Fiedler. „Der Trend geht zu immer großflächigeren Tätowierungen.“ Die Kundschaft ist dabei so bunt wie die Körperkunst und umfasst alle Alters- und Berufsgruppen. „Die meisten Kunden haben eine ganz genaue Vorstellung, die kommen oft mit Fotos aus dem Netz. Aber Eins-zu-eins-Kopien machen wir nicht, das ist unter den Künstlern verpönt.“

Wie kommt man an diesen Beruf, den Fiedler zwischen Handwerk und Kunst verortet und für den es keine geregelte Ausbildung gibt?  Zeichnerische Begabung sei die wichtigste Voraussetzung, sagt der Wolfsburger, den alle schlicht Olli nennen: „Was man auf dem Blatt nicht beherrscht, beherrscht man auf der Haut sowieso nicht.“ Fiedler selbst studierte nach dem Abitur einige Jahre „alles querbeet“, genauer: Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Kunst. Geprägt hat ihn dann vor allem die alternative Szene in Berlin. „Da habe ich zum ersten Mal ein richtig gut gestochenes Tattoo gesehen und war fasziniert.“ Er tastete sich an die Technik heran: „Man fängt klein an, während der Meister daneben sitzt und einem über die Schulter schaut.“ Als er bei Wettbewerben erste Pokale gewann, kam die Aufmerksamkeit und mit ihr die Aufträge. Fiedler schmiss das Studium. „Ich hätte nie gedacht, dass ich an einer Sache so dranbleiben kann“, sagt der Mann mit dem Glatzkopf und lacht. „Aber es hat mir einfach super viel Spaß gemacht.“

Zwei Männer im Gespräch auf einer Tatoo-Messe, rechts Oliver Fiedler. Oliver Fiedler organisiert regelmäßig die „Tattoo Palooza“, eine Tätowier-Messe mit Gasttätowierern aus der internationalen Szene.

Foto: culture shocks

Es ist auf jeden Fall ein Kunststück, sich in der Szene geschäftlich dauerhaft zu etablieren. 25 Jahre sind da gefühlte hundert. Dass es bei Fiedler so gut läuft, liegt wohl nicht nur an Können und Spaß. Er ist kein Typ, der nur im stillen Kämmerlein vor sich hin arbeitet. Eloquent, aufgeschlossen und vielseitig interessiert betätigt er sich erfolgreich als Netzwerker. So organisiert er regelmäßig  „Tattoo Palooza“, eine Art Tätowier-Kultur-Messe mit Gasttätowierern aus der internationalen Szene. Und er lädt zu Lesungen und Kunstausstellungen bei „culture shocks“. An der Kleiststraße gibt es seit Anfang 2019 dafür den perfekten Ort: Ein neues Studio im edlen Loft-Style. Schwarze Wände, dazu barocke Spiegel, üppige Sessel und klassische Teppiche schaffen eine ganz besondere Atmosphäre.  „Ich schare die Tätowierer um mich“, erklärt Fiedler das Prinzip. Diese arbeiten selbstständig, während der Inhaber Räume und Ausstattung gegen eine Umsatzbeteiligung zur Verfügung stellt. Hohe technische Versiertheit, individueller Stil und große Vielfalt gehören zur Maxime. „Wir haben hier eine stramme Order. Wir machen nicht nur Termine und Abrechnung. Wir kümmern uns um die Kundschaft und wir sorgen für das richtige Ambiente. Dadurch können wir viele sehr gute Tätowierer über einen langen Zeitraum an uns binden.“

Alles was ich kann, habe ich durchs Tätowieren gelernt

Klingt, als ob der Geschäftsmann den Tätowierer längst abgelöst hat. Das stimmt nicht ganz: Der 50-Jährige ist immer noch ein sehr gefragter Tätowierer. Vor vier Jahren habe ihn jedoch eine Augenkrankheit zeitweise matt gesetzt. „Da denkt man dann intensiver über Alterssicherung nach.“ Rückblickend ist der Wolfsburger mit sich und seinem Weg schon lange im Reinen: „Für mich war das identitätsstiftend. Alles was ich kann, habe ich durchs Tätowieren gelernt“, sagt er und zählt auf: „Es geht um den Umgang mit Menschen, es geht um Überzeugungen, um Abmachungen. Dass ich davon auch noch leben kann, das ist ein Riesenglück, für das ich dankbar bin.“