Coach mit Gottes Segen

Porträt von Pastor Peer-Detlev Schladebusch
Foto: Carolin George
Moderne Interpretation: Das Kruzifix in seinem Wolfsburger Büro hat Peer-Detlev Schladebusch selbst gesprayt.

Als Peer-Detlev Schladebusch seinen im Internet ersteigerten Karton voller Kruzifixe öffnete, war er enttäuscht: Keines der Jesus-Kreuze aus der blind bestellten Sammlung mochte ihm gefallen. Also griff der Pastor zur Spraydose. Den Jesus lackierte er knallrot, das Kreuz rabenschwarz. Nun hängt das Kruzifix in seinem neuen Büro auf dem Gelände der Wolfsburg AG, zwischen Start-ups und Jungunternehmern.

Die Bibel fällt kaum auf zwischen den Fachbüchern über Public Relations, Kommunikation und Konzernstrukturen, und auch dem Mann selbst ist sein Amt nicht anzusehen. Schladebusch hält sich an die Kleiderordnung seiner Klientel, weißes Hemd zu dunkelblauem Anzug. Das ist vielleicht auch nötig, denn so ein wohlmeinender, etwas naiver Pastor aus der Kirche nebenan, der wird nicht gerade ernst genommen von Menschen, die über millionenschwere Etats entscheiden.

Peer-Detlev Schladebusch ist Pfarrer, angestellt bei der Landeskirche Hannovers. Und er coacht Führungskräfte. Dass die erst einmal skeptisch sein können, wenn sie das hören, versteht er. „Wir von der Kirche erheben schnell den pädagogischen Zeigefinger“, sagt Schladebusch selbstkritisch. „Und von Wirtschaft haben viele Pastoren tatsächlich wenig Ahnung.“

Er selbst schon: Neben Theologie hat Schladebusch Betriebswirtschaftslehre studiert, und sein Studium finanzierte sich der junge Mann über Unternehmertum. Er gründete einen Handel für Öko-Produkte und führte ihn gemeinsam mit seiner Frau, bis die Kinder kamen. Dann verkauften sie die Firma.

Schladebusch wurde Gemeindepastor in Bramsche und Burgdorf, doch den Kontakt zur Wirtschaft ließ er nicht abreißen. Sondern arbeitete in einem Netzwerk christlicher Unternehmer mit. Als dort ein Mitglied Suizid beging und ein anderer kurz vor Ende seines Insolvenzverfahrens an Herzinfarkt starb, bot Schladebusch gemeinsam mit einem Kollegen eine Art Notfallseelsorge für die Führungskräfte an. Das sprach sich herum, die Anrufe wurden immer mehr. Die Idee des „Spiritual Consultings“ war geboren.

Schließlich konnte der umtriebige Gemeindepastor auch seinen Arbeitgeber überzeugen, Führungskräften und Unternehmern Coaching und Consulting unter dem Dach der Kirche anzubieten – unter der Voraussetzung, dass sich das Angebot selbst trage. Soll heißen: Gespräche über Gott sind gratis, über Probleme im Betrieb nicht.

Menschen wollen schwierige Dinge aussprechen, auch private. Bekennen und Vergebung spielt eine große Rolle. Gerade da bin ich auch als Seelsorger angesprochen. Wir entwickeln gemeinsam Rituale, wie Fehler der Vergangenheit verarbeitet werden können.

Wenn Familien zum Beispiel am Punkt einer Unternehmensnachfolge stehen, dann sind es laut Schladebusch meist nicht die wirtschaften Fragen, die den Übergang zur nächsten Generation scheitern lassen, sondern die menschlichen. Dann holt Schladebusch die Alten und die Jungen an einen Tisch und vermittelt, damit sie sich besser verstehen. Ein anderes Beispiel sind Fusionen: „Dort treffen oft unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander und treten in harten Verdrängungswettbewerb“, sagt Schladebusch. Es gehe darum, Vertrauen aufzubauen, damit beide Kulturen sich wertschätzen und kooperieren. „Wo das nicht gemacht wird, scheitern Fusionen leider sehr oft, es entsteht großer menschlicher und finanzieller Schaden. Das christliche Menschenbild hilft hier, Situationen real einzuschätzen, Fehler offen zu benennen und gemeinsam einen Neuanfang zu starten.“

Apropos Fehler. Peer-Detlev Schladebusch kennt Mitarbeiter der Firma Volkswagen vom Azubi bis zum Aufsichtsrat, arbeitet als Seelsorger im Konzern. Wenn er nach dem Diesel-Skandal hörte, es müssten nun „Köpfe rollen“, sagt der Pfarrer: „Natürlich muss Strafbares verfolgt werden. Aber: Die Suche nach Schuldigen macht keinen Neuanfang.“ Der allgemeine Wunsch nach einer Kategorisierung in Schwarz und Weiß, schuldig und nicht schuldig sei in der Realität aber nahezu unmöglich. „80 Prozent sind nicht schwarz oder weiß, sondern grau.“

Der Pastor spricht mit den Ratsuchenden auch darüber, wie viel Öffentlichkeit diese Fehler bekommen sollen oder können. „Machen wir es dadurch noch schlimmer? Es ist ein Abwägen. Es hängen Arbeitsplätze, Familien, Zulieferer und so weiter daran. Ich kann keine einsame Entscheidung treffen, die nur mich betrifft.“ Und natürlich geht es hier immer auch um den Umgang mit Schuld. „Menschen wollen Schuld abladen und wiedergutmachen“, weiß er. „Das ist sehr schwierig in komplexen Situationen. Sie wollen schwierige Dinge aussprechen, auch private. Bekennen und Vergebung spielt eine große Rolle. Gerade da bin ich auch als Seelsorger angesprochen. Wir entwickeln gemeinsam Rituale, wie Fehler der Vergangenheit verarbeitet werden können und Strategien, wie Fehler künftig leichter vermieden werden können.“

Doch nicht alle, die sich für die spirituelle Form von Unternehmensberatung interessieren, buchen den Pastor dann auch. So wollte ein Unternehmen einmal zahlreiche Stellen streichen, und der Pfarrer sollte die Kündigungsgespräche führen. Schladebusch lehnte ab und bot den Chefs stattdessen ein Seminar zur Vorbereitung auf die Gespräche an. Sie buchten dann jemand anderen.