„Das letzte Lagerfeuer, das alle Gesellschaftsschichten versammelt“

DFB-Präsident Reinhard Grindel sitzt an seinem Schreibtisch und lächelt in die Kamera.
Foto: DFB
„Ein Schock für uns alle“: DFB-Präsident Reinhard Grindel bedauert das frühe Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der Fußballweltmeisterschaft.

Herr Grindel, die Weltmeisterschaft in Russland war für die deutsche Nationalmannschaft erheblich schneller als erwartet vorbei. Wie haben sie das Aus vor Ort erlebt?
Das war natürlich ein Schock für uns alle – Spieler, Trainer, Betreuer und Delegation. Nach dem 2:1 gegen Schweden in allerletzter Minute waren wir alle von einer Initialzündung ausgegangen, die für mehr Sicherheit und Selbstvertrauen in der Mannschaft gesorgt hat. Aber die Angst vor dem Ausscheiden hat die Mannschaft wie einen Rucksack im Spiel gegen Südkorea mit sich getragen und das hat unser Spiel gelähmt, obwohl die Chancen, das Spiel für uns zu entscheiden, da waren. Jogi Löw und Oliver Bierhoff werden die WM jetzt sehr genau analysieren und dann die notwendigen Veränderungen herbeiführen.

Nicht nur zu den großen Turnieren hat der Fußball die Macht, Stadien zu füllen, Millionen Menschen vor die Fernseher zu locken. Was ist das Geheimnis dieses Sports?
Insbesondere durch die digitalen Medien zerfällt unsere Gesellschaft in immer mehr Einzelteile, was in der Folge zu einer gewissen Sprachlosigkeit zwischen den Generationen führt. Der Fußball ist das letzte Lagerfeuer, das alle Schichten der Gesellschaft versammelt: Männer und Frauen, Ältere und Jüngere, Menschen mit hohen und niedrigen Einkommen sowie mit und ohne Migrationshintergrund. Einschaltquoten wie die während Europa- oder Weltmeisterschaften haben im deutschen Fernsehen früher höchstens Rudi Carrell oder Peter Frankenfeld erreicht. Sie sind ein Zeichen dafür, dass der Fußball für viele Menschen eine wichtige Bedeutung für ihr Leben hat. Deshalb ist es auch wichtig, dass er auf und neben dem Platz die richtigen gesellschaftlichen Akzente setzt.

In der jüngeren Vergangenheit wurden jedoch auch einige dieser Akzente kritisiert: zum Beispiel die zunehmende Kommerzialisierung des Sports. Sehen Sie darin eine Gefahr für die Popularität des Fußballs?
Man muss bedenken, dass heutzutage nicht nur die sportliche Qualität eines Spielers zählt. Für seinen Verein entfaltet er auch eine enorme wirtschaftliche Kraft. Deshalb bezahlen Vereine ja auch Ablösesummen bis in den neunstelligen Bereich. Spieler wie Ronaldo, Messi oder Neymar haben um die hundert Millionen Follower auf Twitter und Instagram. Dadurch haben die Vereine, die diese Spieler verpflichten, die unglaubliche Chance, Märkte zu durchdringen, die ihnen bisher verschlossen waren. Dank Neymar erfährt die französische Liga eine größere Aufmerksamkeit in Südamerika. Dass die spanische La Liga im gesamten amerikanischen Kontinent bei der Auslands-TV-Vermarktung deutlich höhere Erträge als die Bundesliga erzielt, hat genau zwei Gründe: Ronaldo und Messi. Diese Entwicklung werden wir nicht aufhalten können.

Wer sind die beliebtesten Spieler der Welt? Ronaldo und Messi – die eben durchkommerzialisiert sind

Können Sie dennoch die Kritik nachvollziehen, dass es mittlerweile weniger um den Sport geht als um das Geschäft?
Gegenfrage: Wer sind die beliebtesten Spieler in der Welt? Ronaldo und Messi, die eben durchkommerzialisiert sind. Wer ist der beliebteste Club in ganz Deutschland? Der FC Bayern München, der wirtschaftlich und sportlich der stärkste Verein ist. Es ist eine Mär, von einem grundsätzlichen Widerspruch von Sport und Geschäft auszugehen. Wer sportlichen Erfolg hat, tut sich leichter, geschäftlichen Erfolg zu haben. Und die Fans sehen darin offenbar kein großes Problem. Gleichwohl bleibt der Auftrag insbesondere an die UEFA, für faire Wettbewerbsbedingungen zu sorgen. Es wäre natürlich nicht gut, wenn sich durch die hohen Summen, die etwa in der Champions League verdient werden, die Schere zwischen armen und reichen Clubs in den nationalen Ligen immer weiter öffnet.

Und was ist mit der deutschen Bundesliga?
Hier hat Bayern München zugegebenermaßen eine herausragende Position. Aber die Geldrangliste ist nicht identisch mit der Tabelle am Ende der Saison. Sonst hätten der HSV oder der 1. FC Köln nicht absteigen dürfen. Es kommt eben nicht nur auf viel Geld an – sondern auch darauf, dieses Geld richtig einzusetzen. Gleichwohl zeigen vor allem die englischen und die spanischen Vereine, dass mehr Geld auch mehr sportliche Möglichkeiten eröffnet. Die Vereine investieren mittlerweile nicht nur in die Fußballer selbst, sondern erheblich auch in ihre Nachwuchsleistungszentren sowie in gute Trainer, Scouts, Physiotherapeuten und sogar Ernährungsberater. Sie stellen sich also nicht nur ein gutes Team, sondern auch ein gutes Team hinter dem Team zusammen. Auf mittlere und längere Sicht muss sich der deutsche Fußball überlegen, welche Konsequenzen er ziehen will, um nicht strukturell ins Hintertreffen zu geraten. Ich bin sicher, dass die Diskussion um die sogenannte 50+1-Regel – also die Möglichkeit, im größeren Stil Investoren an einem Verein zu beteiligen – weitergeführt wird.

Wie ist Ihre Meinung dazu?
Das ist in erster Linie eine Frage der Bundesliga. Daher warte ich die Diskussion innerhalb der Bundesliga erst einmal ab. Weil aber die Vereine der Bundesliga über ihren Dachverband DFL Mitglied des DFB sind, entscheidet darüber am Ende der DFB-Bundestag. 2019 oder zu einem späteren Zeitpunkt.

Wer in unserer Nationalmannschaft spielt, muss für die Werte des Fußballs einstehen, für Fair Play, Toleranz und Respekt

Einen weiteren Akzent neben dem Platz haben die Nationalspieler Özil und Gündogan gesetzt, als sie sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan fotografieren ließen. Welche Konsequenzen hat dieses Ereignis für die Integrationsdebatte im DFB?
Dass wir die Gültigkeit unserer Werte von der Nationalmannschaft bis in die Kreisklasse noch stärker betonen und gerade unsere Spieler mit Migrationshintergrund in den U-Mannschaften noch stärker sensibilisieren für sportpolitische Themen. Integration heißt nicht Assimilation. Wer in unserer Nationalmannschaft spielt, braucht seine familiären Wurzeln nicht verleugnen und auch nicht seine Religion, statt die Nationalhymne zu singen kann er von mir aus still beten. Aber er muss für die Werte des Fußballs einstehen, für Fair Play, Toleranz und Respekt. Dafür steht Herr Erdogan nicht ein und deshalb darf man für ihn keine politische Werbung machen. Das habe ich beiden Spielern klar gesagt.

Der DFB bewirbt sich um die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 2024. Womit will Deutschland punkten?
Deutschland setzt vor allem auf das Thema Nachhaltigkeit. Wir haben die Stadien, wir haben eine gute öffentliche und private Verkehrsinfrastruktur, wir haben die Hotelkapazitäten für die Unterbringung der Fans, wir haben große Plätze in den ausrichtenden Städten, in denen wir die Fan-Zonen einrichten können. Wir müssten kaum einen Hektar neu versiegeln, um die Europameisterschaft zu organisieren. Demzufolge können wir ein ökologisch schonendes und ökonomisch sparsames Turnier versprechen.

Mitbewerber ist die Türkei…
…gegenüber der wir außerdem stabile politische Verhältnisse garantieren können. Wir sind ein verlässlicher Partner und in der Organisation solcher Fußball-Großveranstaltungen erfahrener Verband, der auch für einen gewissen wirtschaftlichen Erfolg des Turniers sorgen kann. Vor allem ist unsere Lage im Herzen Europas geradezu prädestiniert für die Austragung der EM, weil viele Fans der teilnehmenden Mannschaften sehr leicht zu uns kommen können.

Erwarten Sie von der möglichen Euro 2024 eine Verlängerung des Sommermärchens der WM 2006 in Deutschland?
Insbesondere im Ausland wird die Weltmeisterschaft 2006 als eine der besten Weltmeisterschaften gesehen, die es je gegeben hat. Viele haben die schönen Bilder der Fanzonen und die Begeisterung in den Stadien noch vor Augen. Wir hoffen natürlich, eine ähnliche Stimmung bei der Europameisterschaft 2024 erleben zu können. Insofern ist das Sommermärchen ein ganz starkes Argument für unsere Bewerbung.

Und was ist mit den Vorwürfen über gekaufte Stimmen vor der WM 2006?
Dafür gibt es bis heute keinen Beweis. Die Verwendung der berüchtigten zehn Millionen Schweizer Franken hat meiner Meinung nach einen anderen Hintergrund. Aber das sollen jetzt Gerichte entscheiden. Vor dem Hintergrund der Affäre um die WM 2006 haben wir allerdings Konsequenzen gezogen. Wir haben bei der Art und Weise unserer Bewerbung sehr für Transparenz und Nachvollziehbarkeit gesorgt. Transparency International begleitet den gesamten Prozess. Ich glaube, dass wir die richtige Bewerbung im richtigen sportpolitischen Umfeld haben.

Im Zuge der Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Sommerspiele 2024 zeigte sich, wie groß die Vorbehalte der Bürger gegenüber sportlichen Großereignissen sind. Ist die Fußball-EM beliebter als Olympia?
Laut unseren monatlichen Umfragen wächst die Zustimmung zu unserer Bewerbung und liegt bereits bei 80 Prozent aller Bürger. Das Problem der Olympia-Bewerbung Hamburgs war, dass den Bürgern zunächst Olympische Spiele der kurzen Wege und der kleinen Investitionssummen versprochen wurden – und am Ende durch einen taktisch unklugen Streit zwischen der Stadt Hamburg und dem Bund insbesondere über die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur eine Summe im zweistelligen Milliardenbereich im Raum stand, die die Bewerbung als vermeintlich teuerste im Vergleich zu den Mitbewerbern erscheinen ließ. In zeitlicher Nähe zu dem Volksentscheid ereignete sich dann auch noch die große Flüchtlingswelle. Sie erweckte bei den Menschen den Eindruck, dass das Geld eher für andere Dinge einzusetzen sei als für die Olympischen Spiele. Für mich ist es kein Zufall, dass der Volksentscheid in Kiel positiv ausging, weil die Menschen dort die Infrastruktur kannten und wussten, dass die Segelwettbewerbe nicht teuer werden.