„Der Acht-Stunden-Arbeitstag ist überholt“

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Herr Magnussen, Ihr GedankenGut-Vortrag steht unter dem Titel „New Work – Das Büro der Zukunft“: Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus?
Das lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Wir sind aber dabei, die Zukunft der Arbeit heute zu gestalten. Es gibt immer wieder Phasen in der Geschichte, in der sich so viele Dinge grundlegend verändert haben, dass sie bis heute die Arbeitswelt gestalten. Die Gründerzeit im 19 Jahrhundert beispielsweise war eine ähnliche Phase und wir haben die Aufgabe, heute dafür zu sorgen, dass die Welt von morgen so aussieht, wie wir es möchten. Das passiert nicht von allein. Da ist jeder selbst für mitverantwortlich. 

Ist New Work mehr als nur ein Buzzword?
Oh ja, sehr viel mehr. Der Begriff geht auf Frithjof Bergmann zurück, der bereits in den 70er Jahren von der neuen Arbeit gesprochen hat. Es geht um die grundlegende Frage, wie wir arbeiten wollen und was wir wirklich, wirklich mit unserer Zeit anfangen wollen. Technologie ist dabei ein wichtiger Treiber, da sie uns von überflüssiger Arbeit befreien kann. Als Menschen arbeiten wir aber viel zu gerne, um ganz auf Arbeit zu verzichten oder uns von Maschinen ablösen zu lassen. Das wird nicht passieren. Wir sollten deshalb überlegen, wie wir Arbeit anders organisieren, damit sie unser Leben bereichert, statt uns zu belasten.

Sie selbst sind Gründer mit Führungsverantwortung. Welche Herausforderungen haben Sie auf dem Weg zu New Work erlebt?
Meinen sie heute oder generell? Ich erlebe jeden Tag Herausforderungen. Es fängt bei meiner eigenen Arbeit an und wie ich meinen Tag einteile und hört damit auf, dass ich mich frage, wie unser Team immer selbstbestimmter an den Themen und unseren Projekten arbeitet. Das passiert heute schon sehr viel mehr als früher. Über die Tools, mit denen wir arbeiten, bekommen wir Transparenz in alles, was wir als Team zusammen organisieren. Dadurch kann jeder in seiner Rolle einen eigenen Beitrag dazu leisten.

Welche Aufgaben hat eine Führungskraft in der New-Work-Welt?
Friktionen, also Widerstände und Verzögerungen, aus dem Weg räumen. Alles was meine Leute bei der Arbeit behindert, habe ich als Chef aus dem Weg zu räumen. Das fängt bei komplett unnötig aufgeblasenen IT-Infrastrukturen oder Ordnerablagen an und hört bei komplizierten Freigabeprozessen auf. Fachkräfte wissen schon lange sehr viel besser, wie die Aufgaben im Detail zu erledigen sind. Als Chef störe ich da nur, es sei denn, ich habe auch eine spezielle Rolle im Team. Führen heißt heute die Steine aus dem Weg räumen und einen sicheren Raum zu schaffen, in dem ein Team arbeiten kann.

Wie lässt sich New Work in einem Unternehmen etablieren?
Es ist ein Prozess, der sicher von oben initiiert wird, denn wenn dieser Weg nicht konsequent gegangen wird, kann ich den Prozess nicht durchhalten. Ich kann mich zum Stadtmarathon anmelden, T-Shirts anziehen und die besten Laufschuhe haben, aber um ein Training komme ich nicht umhin und einen Muskelkater werde ich auch mit ziemlicher Sicherheit haben.

Die neue Arbeit fußt auf moderner Technologie, fordert jeden Menschen mit der Sinnfrage heraus und stellt die Unternehmensorganisation auf den Kopf. Der Prozess ist für viele Branchen, die durch die Digitalisierung unter Druck stehen, unvermeidlich. Aber es wäre von Vorteil selbst damit anzufangen und die Initiative zu ergreifen, statt hineingestoßen zu werden.

Mit welchen Problemen müssen Unternehmen bei der Umsetzung neuer Arbeitsstrukturen rechnen?
Das kommt auf das Unternehmen an, aber es wird immer Mitarbeiter geben, die nicht bereit sind, den Wandel mitzugehen. Wenn sich diese nicht vom Sinn und Ziel dahinter überzeugen lassen, geht man getrennte Wege. Und das ist auch völlig in Ordnung.

Wie verbreitet ist New Work schon in Deutschland?
Das lässt sich sehr schwer messen. Klar ist, dass der Begriff an vielen Stellen noch falsch verwendet wird. Einzelne Maßnahmen, wie der Schritt in die Cloud oder flexiblere Arbeitszeiten und -orte sind zwar Bausteine, aber keine finalen Ergebnisse. Die Reise hat gerade erst begonnen, da wir heute die Technologien besitzen, um Arbeit neu zu organisieren.

Wie arbeiten unsere Nachbarn? Können wir uns von anderen Ländern etwas abschauen?
Ja, das können wir. Vor allem im Hinblick auf die Haltung. Wir können lernen, angstfreier und neugieriger an die neue Arbeit gehen können. Die Niederlande oder auch Norwegen zum Beispiel haben einen lockereren Umgang damit. Es muss nicht immer alles bis zum Ende durchdacht und ausformuliert sein. Es ist okay und gewollt, bei neuer Arbeit Dinge auszuprobieren.

Ist der Achtstundentag überholt?
Ganz klar: ja! Die reine Arbeitszeit ist in Zeiten digitaler Produkte längst überholt.

Wie geht man mit Menschen um, die nicht willens oder fähig sind, mit den neuen Rahmenbedingungen umzugehen?Wir begleiten Kollegen und versuchen viel zu erklären, was wir tun und warum wir es tun. Wer aber nicht willens ist, sich zu verändern, sollte sich die Frage stellen, was er oder sie wirklich möchte. Es besteht ja kein Zwang zusammenzuarbeiten.

Hol- oder Bringschuld: Liegt die Verantwortung für Freude an der Arbeit allein beim Arbeitgeber?
Die liegt nicht beim Arbeitgeber. Das sollte ich vielleicht noch klarstellen. Die Aufgabe, die der Arbeitgeber hat, ist es transparent zu machen, was die Werte sind, wie gearbeitet werden soll und wo die Reise hingehen soll. So können die Arbeitnehmer selbst entscheiden, ob sie dabei sein wollen oder nicht. Ob das, was sie wirklich, wirklich wollen in der Arbeit mit dem Unternehmen erreicht werden kann. Ich bin als Arbeitgeber nicht für die Karriere und das Glück meiner Mitarbeiter verantwortlich.

Sie sagten mal in einem Interview, dass sich Krisen durch schnelle und produktive Zusammenarbeit abfangen lassen. Wie lässt sich das umsetzen?
Je friktionsfreier und schneller im Unternehmen zusammengearbeitet werden kann, desto besser können alle auf eine neue Herausforderung reagieren. Das hilft bei Krisen enorm, denn die werden nicht vom Chef gelöst.

Ist New Work in allen Branchen – in der Industrie oder im Handwerk – überhaupt möglich? Wie kann das aussehen?
Das ist auf jeden Fall möglich, warum denn nicht? Die Frage, ob die Art wie ich arbeite und auch die Arbeit an sich die ist, die ich wirklich, wirklich machen möchte, kann immer gestellt werden. Selbst wenn mein Job nur ein Baustein ist, um Geld zu verdienen, sollte ich mich fragen, ob er dann zum Rest meines Lebens passt oder mir dabei hilft, dahin zu kommen.