Der Kaufmann im Dorf

Heiner Lüchow und seine Tochter Lisa Lüchow vor ihrem Edeka-Markt in Amelinghausen.
Foto: Kussmann
Heiner Lüchow hat den Lebensmittelmarkt 1992 von seinem Vater übernommen, seine Tochter Lisa Lüchow ist bereits mit an Bord - und will die 200-jährige Geschichte des Familienunternehmens fortführen.

Heiner Lüchow feiert in diesem Jahr doppelt Geburtstag. Er wird 60 Jahre alt, sein Geschäft im Heideort Amelinghausen stolze 200 Jahre. Beide Jubiläen gehören unbedingt zusammen: „Der Laden und die Familie, das war früher immer eins. Und eigentlich ist es das immer noch“, sagt der Kaufmann, hält kurz inne und schmunzelt: „Meine Tochter sagt immer: Papa, du sollst nicht immer von früher sprechen. Aber ich finde: Früher war ja auch nicht alles schlecht.“

Früher – das ist für Lüchow etwa die Erinnerung an eine Kindheit, die nie langweilig war: Mit dem Spielzeug-Lkw durch den Laden schieben und Konservendosen laden, mit dem VW-Käfer zur Molkerei, um Milch und Sahne zu holen. Früher – das ist der große Tonkrug mit Senf, der immer nachgefüllt wurde. Und die Erbsensuppe am Samstag, zu der sich die ganze Belegschaft um den Esstisch der Großeltern versammelte.

Heute wird der Nachschub für die rund 24.000 Artikel im Sattelschlepper geliefert, darunter auch etwa zehn Sorten Senf. Die 122 Mitarbeiter passen nicht mehr an den Esstisch. „Aber der Teamgeist ist geblieben“, sagt Lüchow. Das habe sich jüngst gezeigt, als ein Mitarbeiter durch einen Hausbrand seine Habe verlor. „Da haben die Kollegen gespendet und angepackt.“ Und für spezielle Kundenwünsche hat Lüchow nach wie vor ein offenes Ohr. „Ich besorge auch die elfte Sorte Senf, wenn der Kunde das wünscht und der ins Sortiment passt. Aber Sodawasser aus Schottland geht dann nicht mehr. Wir sind bodenständig und kein Delikatessengeschäft.“

Unternehmergeist und Mut zum Wandel haben die Geschichte des Unternehmens bestimmt

Bodenständigkeit allein ist es nicht, mit der die Familie ihr Geschäft durch 200 Jahre gelenkt hat. Vielmehr haben Unternehmergeist und der Mut zum Wandel die Geschichte bestimmt, die 1818 mit dem Schneidermeister Jürgen Christoph Lüchow beginnt. Die Nachfahren erweitern das Sortiment zum Kolonialwarenhandel und werden 1930 Mitglied im Großeinkauf Edeka. Die 70er-Jahre nennt der Kaufmann „die dramatische Zeit“. Der Tante-Emma-Laden hatte ausgedient, die Discounter gingen auf Kundenfang: „Es war für meinen Vater ein Wettlauf mit der Zeit. Er hat erst angebaut, dann neu gebaut und erweitert, von 300 auf 800 Quadratmetern – nur, um noch dabei zu sein.“

Mit seinem modernen Supermarkt blieb Lüchow der Kaufmann im Dorf. Für Sohn Heiner, der 1992 übernahm, stellte sich das Problem erneut: „Nur mit einer Vergrößerung konnten wir im Wettbewerb mithalten.“ Der Stammsitz war jedoch ausgereizt, auf die grüne Wiese am Ortsrand wollte Lüchow nicht: „Wir wollten das Dorfleben in Gang halten.“ 2009 fand er am Grenzweg den idealen Standort. Der Discounter nebenan und sein Edeka-Vollsortiment mit Fleischer und Bäcker auf 1.400 Quadratmetern ergänzen sich nun. Am alten Stammsitz führt Lüchow einen Drogeriemarkt und den Getränkehandel. Er hat 2017 einen weiteren Lebensmittel-Markt in Munster übernommen, plant auch dort gerade einen Neubau. Tochter Lisa Lüchow (23) ist schließlich mit an Bord und will die Geschichte fortschreiben.

Die Anbindung an den genossenschaftlichen Edeka-Verbund hält Heiner Lüchow für alternativlos: „Der Konzern liefert das Gerüst, mit dem ich als selbständiger Kaufmann gut arbeiten kann.“ Dabei zeigt sich, dass manches von früher auch für heute gut ist: „Regionale Produkte wie Kartoffeln, Erdbeeren und Käse sind wieder stark gefragt. Und der Laden ist immer noch ein Dorftreffpunkt, wo man jetzt auch mal einen Kaffee trinken kann.“ Der Mut zum Wachstum hat sich also ausgezahlt. Lüchow kann bleiben, was er immer war: der Kaufmann im Dorf.