Die Corona-Krise als Chance für neue Arbeitsmodelle

Portrait Kirsten Frohnert.
Foto: Netzwerkbüro - Heiko Adrian
Kirsten Frohnert ist Leiterin des Netzwerkbüros "Erfolgsfaktor Familie". Sie gibt Auskunft über verschiedene Arbeitszeitmodelle im Home-Office und der Vereinbarkeit von Familie und Arbeit in Zeiten der Corona-Krise.

Noch nie haben so viele Deutsche im Homeoffice gearbeitet. Welche Erfahrungen spiegeln Ihnen Ihre Mitglieder? 
Kirsten Frohnert: Unternehmen, die schon frühzeitig eine familien- und lebensphasenorientierte Personalpolitik – auch mit Blick auf den Fachkräftemangel – umgesetzt haben, profitieren jetzt ganz besonders. Für sie sind flexible Arbeitszeiten und -orte selbstverständlich. Sie haben schon länger mit der in Deutschland noch vorherrschenden starken Präsenzkultur gebrochen. Das zahlt sich jetzt aus.  

Was sind die größten Herausforderungen, vor allem für die Unternehmen, die noch nicht viel oder gar keine Erfahrung mit Homeoffice haben? 
Frohnert: Drei Themen treiben die Unternehmen ganz besonders um: Kommunikation und Führung, arbeitsrechtliche Fragen sowie der Datenschutz.  

Wie können Unternehmer die Belegschaft jetzt so im Homeoffice managen, dass beide Seiten zufrieden sind? 
Frohnert: Es ist unerlässlich, sehr regelmäßig, mindestens zweimal die Woche, zu kommunizieren, um Geschäftliches zu besprechen. Manche Chefs machen das sogar täglich, meist gleich am Morgen. Aber auch die informelle Kommunikation darf nicht zu kurz kommen. Wer allein am Küchentisch arbeitet, dem fehlen die sozialen Kontakte ganz besonders. Es ist zudem wichtig, der Belegschaft ein klares Regelwerk an die Hand zu geben: Was erwartet der Arbeitgeber, was nicht? Wie muss die Arbeitszeit erfasst werden?  

Eine Krise bietet auch die Chance für unkonventionelle Lösungen… 
Frohnert: Ja, auf jeden Fall. Eine innovative Idee wäre, wenn zwei Arbeitgeber betriebsübergreifend die Arbeitszeiten eines verheirateten Paares abstimmen, damit die Beiden sich besser um die Kinder kümmern können. Das ist aufwändig, könnte aber vorteilhaft für alle Beteiligten sein. 

Wie hilft das Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ in dieser für die Wirtschaft schwierigen Zeit? 
Frohnert: Auf unserer Website geben wir spezielle Tipps rund um „Vereinbarkeit und Corona“. Wir bieten auch viele Webinare an, z.B. zu Fragen zum mobilen Arbeiten. Normalerweise halten wir gemeinsam mit den IHKs in ihren Regionen ca. 80 Veranstaltungen jährlich ab.

Wenn Mitarbeiter schulpflichtige Kinder haben, sind sie in dieser Krise ganz besonders gefordert und oftmals überfordert. 
Frohnert: Es ist wichtig, dass die Führungskräfte ihr Erwartungsmanagement an diese Situation anpassen. Qualität und Geschwindigkeit können nicht immer in gewohnter Form erbracht werden. Mir haben Arbeitgeber gesagt, dass es ihnen lieber sei, wenn ein Mitarbeiter dann eben nur sechs Stunden arbeitet als gar nicht. Arbeitgeber und Beschäftigte müssen sich darüber austauschen.  

Nicht alle Mitarbeiter sind im Homeoffice voll ausgelastet. Könnte man die Zeit für Weiterbildung nutzen? 
Frohnert: Die IHKs bieten ihren Mitgliedern zahlreiche Webinare an, an denen man jetzt teilnehmen könnte. Eine besondere Herausforderung für die Kammern besteht jetzt allerdings auch darin, niedrigschwellige Angebote zu machen, weil nicht jeder Mitarbeiter gewohnt ist, allein zu lernen. Darauf muss man sich einstellen.  

In der Krise werden viele Erkenntnisse gewonnen. Werden diese auch später Bestand haben? 
Frohnert: Viele Unternehmen durchlaufen jetzt einen Crashkurs in Digitalisierung. Die Präsenzkultur wird nicht mehr so präsent sein. Die Corona-Krise bietet die einmalige Chance, innovative Arbeitszeitmodelle und Arbeitsprozesse zu etablieren ebenso wie neue Konzepte für partnerschaftliche Aufgabenteilung. Genau das wünschen sich auch viele Paare und Familien. Nutzen wir die Gelegenheit.