Die Krise als Chance

Die Corona-Pandemie hat die regionale Wirtschaft schwer getroffen. Gleichzeitig entstehen vielerorts neue Ideen und Kooperationen. Das macht Mut.

Herr Schladebusch, Ihr Motto als Pastor und Coach für Führungskräfte lautet: Mit Werten in Führung gehen. Welche Werte sind in Krisensituationen besonders wichtig?
Peer-Detlev Schladebusch: In Krisensituationen bewähren sich letztlich die Werte, die wir auch als Kardinaltugenden kennen: Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Treue, Rechtes Maß, Versöhnung, Klugheit und Weisheit. Diese Werte sind wie ein Rückgrat, das uns in schwierigen Zeiten aufrecht hält – wenn wir dieses Werteverständnis solide entwickelt haben und es gemeinsam im Unternehmen oder im Team leben.

Werte sind wie ein Rückgrat, das uns in schwierigen Zeiten aufrecht hält.

Sie beraten Menschen und Unternehmen in Krisensituationen. Inwiefern hilft Ihnen Ihr Glaube an Gott dabei?
Schladebusch: Zum Glauben gehört für mich immer das Thema Beziehung. Und zwar die Beziehung zu Gott und die Beziehung zu anderen Menschen. Paulus nennt im 13. Kapitel des ersten Korintherbriefs Glaube, Hoffnung und Liebe. Gemeint ist die Liebe zu meinen Nächsten, zu mir selbst und zu Gott. Und wer jemandem gegenüber verantwortlich ist, der handelt weitsichtiger als auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet. Ich versuche also immer, verantwortlich zu handeln gegenüber Gott, meinen Mitmenschen, aber auch mir selbst gegenüber. In der Krise bedeutet das, jetzt nicht alles nur für andere zu geben, sondern auch an sich selbst zu denken. Schließlich kann ich auch anderen nicht helfen, wenn ich mich selbst vernachlässige. Dazu gehört auch die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema Scheitern.

Scheitern keine Schande. Es ist richtig und wichtig, zu seinen Fehlern zu stehen. Nur dann ist das Scheitern eine Chance zum Neuanfang.

Inwiefern ist diese Auseinandersetzung mit dem Scheitern wichtig?
Schladebusch:
Weil man nur durch eine ehrliche Auseinandersetzung aus möglichen Fehlern lernen kann. Wir greifen das auch auf in unserem Celler Talkformat „Schramme – Der Talk“, benannt nach der ehemaligen Celler Straßenbahn Schramme und angelehnt an den Gedanken, dass keiner ohne Schrammen durchs Leben kommt. Scheitern gehört zum Leben und wir fragen unsere Gäste immer nach ihren Erfahrungen und wie sie mit dem Scheitern umgegangen sind. Menschen sind eigentlich nur dann erfolgreicher als vorher, wenn sie das Scheitern nicht verleugnet haben. Wer sich dagegen selbst etwas vormacht, wird schnell feststellen: Das gelingt nicht auf lange Sicht. Trotzdem kennen wir alle dieses „Mehr Schein als Sein“, auch in der Wirtschaft. Dabei ist Scheitern keine Schande. Jeder kennt das. Und es ist richtig und wichtig, zu seinen Fehlern zu stehen. Nur so kann ich mir und anderen eine Hilfe sein. Und nur dann ist das Scheitern eine Chance zum Neuanfang.

Als Coach begegnen Ihnen viele unterschiedliche Führungspersönlichkeiten. Welchem Typ gelingt es am besten, eine Krisensituation erfolgreich zu meistern?
Schladebusch: Es gibt nicht die eine bestimmte Persönlichkeit, die man in Krisensituationen braucht. Wichtig ist, sich die eigene Persönlichkeit bewusst zu machen. Auch hier greift wieder das Thema Beziehungen, denn ich bin in einem Team ja nicht auf mich allein gestellt, auch als Führungskraft nicht. Wie können wir als Team miteinander vorankommen, diese Frage sollte man beantworten. Wer im Team kann helfen, die Dinge in ihrer Komplexität zu beurteilen? Wer ist besonders feinfühlig und kann die Menschen abholen? Und ebenso braucht es Leute, die einfach anpacken. Gott hat die Menschen so unterschiedlich geschaffen, damit sie sich ergänzen können. Und wenn ich Unternehmen berate, ist für mich eigentlich immer das A und O, Menschen mit ihren verschiedenen Fähigkeiten und Talenten wahrzunehmen und dafür ein Feeling zu bekommen, wie sich Teammitglieder gegenseitig unterstützen und dadurch auch die schwierigen Situationen besser meistern können.

Hilfe anbieten klingt so banal, aber im Grunde braucht es oft nicht mehr als dieses offene und ehrliche Angebot und die entsprechende Handlung.

Was können Führungskräfte tun, um Mitarbeiter zu stärken? 
Schladebusch:
Sie können fragen, wie es ihren Mitarbeitern überhaupt geht. Manche werden mehr betroffen sein als andere. Hilfe anbieten klingt so banal, aber im Grunde braucht es oft nicht mehr als dieses offene und ehrliche Angebot und die entsprechende Handlung. Da ist der Personalbereich ganz besonders gefragt. Und wir wissen ja: Der Fachkräftemangel wird nach wie vor ein Problem sein. Deswegen ist es jetzt umso wichtiger, die Mitarbeiter positiv an das Unternehmen zu binden.

Was wird sich nachhaltig durch die Corona-Krise verändern?Schladebusch: Die Pandemie wird uns auf jeden Fall nachhaltig ver­ändern, sowohl positiv als auch negativ. Die gesamte Tourismusbranche, das Hotel- und Gastronomiegewerbe, aber auch Reisebüros und -veranstalter mussten lange Zeit auf null gefahren werden, das wird noch lange negative Folgen haben. In der Automobilbranche trifft es aktuell vor allem kleine Zulieferer, die ohnehin bereits durch den technologischen Wandel betroffen waren und jetzt obendrein mit einer geringeren Nachfrage zu kämpfen haben. Auch werden Ängste bleiben: Kommt irgendeine Pandemie bald wieder oder wird alles wieder gut? Positiv ist, dass viele Menschen bewusster handeln und achtsamer miteinander umgehen. Viele kleine Dinge im Leben erscheinen ja plötzlich wieder viel wertvoller, Familie und Freundschaften rücken stärker ins Bewusstsein und viele Menschen sind plötzlich sehr dankbar für Dinge, die sie vorher als selbstverständlich betrachtet haben – zum Beispiel für den sicheren Job, mit dem sie vor der Krise vielleicht gar nicht so glücklich waren.

Wir sind auf einem guten Weg und kommen langsam aus der Krise heraus und entwickeln Ideen, Pläne und Maßnahmen, die wir umsetzen können.

An welchem Punkt der Krisenbewältigung stehen wir? 
Schladebusch:
Wir sind auf einem guten Weg. Ich würde sagen, wir kommen langsam aus der Krise heraus und entwickeln Ideen, Pläne und Maßnahmen, die wir umsetzen können. Auch ist Trauer in der aktuellen Situation zu spüren, denken Sie nur an all jene, die herbe Verluste erleiden mussten und sich mit Existenzängsten konfrontiert sehen. Für diese Menschen ist die Situation gerade richtig schlimm. Das darf man nicht weg­wischen, da braucht es Zeit zur Verarbeitung – und die ehrliche Aus­einandersetzung mit dem Scheitern.

Warum und wofür ist die Corona-Krise auch eine Chance?
Schladebusch:
Jede Krise ist eine Weggabelung: Ich muss mich entscheiden, kann nicht so weitermachen wie vorher. Das ist eine Chance, zu reflektieren und sich neu zu sortieren. Darin liegt auch eine Kraft für einen Neuanfang. An vielen Stellen hat sich jetzt gezeigt, dass wir gemeinsam Verantwortung übernehmen. Darauf lässt sich wunderbar aufbauen.