„Die Krise wird etwas verändern“

Portrait von Christoph Kaufmann im schwarzen Anzug und verschränkten Armen in die Kamera guckend.
WMG, privat
Christoph Kaufmann ist Bereichsleiter Tourismus bei der Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH.

Herr Kaufmann, knapp 400 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2018 gehen auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus in der Stadt Wolfsburg zurück. Aktuell trifft die Corona-Krise das Gastgewerbe und Einzelhändler besonders hart. In welcher Höhe rechnen Sie mit Einbußen?
Wir erleben gerade eine wirtschaftliche Vollbremsung aus vollem Lauf, die die hiesige Wirtschaft über nahezu alle Branchen hinweg vor aktuell noch unbekannte operative und wirtschaftliche Herausforderungen stellt. Das konkrete Ausmaß dieser Vollbremsung für Gastgewerbe und Einzelhandel kann derzeit keiner wirklich absehen.

Wie wird sich das auf weitere Dienstleistungen im touristischen Umfeld auswirken?
Die Auswirkungen sind derzeit keineswegs vorhersehbar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Corona-Pandemie langfristig zu Veränderungsprozessen auch bei Dienstleistungen im touristischen Umfeld – sowohl im Angebot als auch bei der Nachfrage – führen wird.

Inwiefern unterstützt die WMG die Betriebe und wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Die hiesigen Betriebe aus Handel, Beherbergung und Gastronomie müssen sich gegenwärtig der Situation stellen, die aktuellen Allgemeinverfügungen der Stadt zum Schutz der Bevölkerung vor der Verbreitung des Coronavirus umzusetzen. Die Umsetzung und deren wirtschaftliche Folgen beschäftigen die Unternehmen daher in besonderem Maße. Meine Kollegen der Wirtschaftsförderung erhalten hierzu unzählige Anfragen und stehen mit der IHK Lüneburg-Wolfsburg ebenso wie mit der NBank im stetigen Austausch. Infolge des hohen Informationsbedarfs hat die Wirtschaftsförderung daher die Servicezeiten umgehend bis 20 Uhr und auf das Wochenende erweitert, um den Unternehmen in Wolfsburg bestmögliche Hilfestellung leisten zu können.

Darüber hinaus wurde ein Web-Angebot eingerichtet, um Unternehmen auf einen Blick mit aktuellen und verlässlichen Informationen rund um die Pandemie sowie Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten übersichtlich zu informieren. Die Geschäftsführung steht im stetigen Austausch mit dem Krisenstab der Stadt Wolfsburg. Das ermöglicht allen Geschäftsbereichen einen bestmöglichen Informationsfluss und Umgang mit der sich stetig veränderten Situation. Ebenso wurden die Voraussetzungen für mobiles Arbeiten nochmal verbessert, so dass die vielen Kollegen aus dem Homeoffice arbeiten können.

Welche Maßnahmen sind jetzt wichtig, damit der Tourismus ein relevanter Wirtschaftsfaktor bleibt?
Von entscheidender Bedeutung ist es, dass wir gemeinsam alle Anstrengungen ergreifen und alle Maßnahmen unterstützen, unser Gesundheitssystem stabil zu halten. Klar ist aber auch, dass die Tourismuswirtschaft, und hier insbesondere die Familien- und Kleinstbetriebe, zügig wirksame und unbürokratische Überbrückungs- und Soforthilfen von Bund und Land benötigen. Diese Unterstützung wird von maßgeblicher Bedeutung sein, damit die Betriebe in der Zeit danach weiterhin wettbewerbsfähig sind und der Tourismus auch in Zukunft ein relevanter Wirtschaftsfaktor bleiben kann.  

Mal unabhängig von der aktuellen Situation: In Ihrer Studie wird der Tourismus als „stabiler Umsatzbringer“ und „wichtiger Arbeitgeber“ beschrieben – wie relevant ist die Tourismusbranche im Vergleich zu anderen für die Stadt Wolfsburg?
Die größte und wichtigste Branche in Wolfsburg ist die Automobilbranche. Die Volkswagen AG mit über 60.000 Mitarbeitern am Standort in Wolfsburg und die vielen Zulieferbetriebe und Dienstleister, die ausschließlich für Volkswagen tätig sind, stellen die wirtschaftliche Kraft der gesamten Region dar. Der Tourismus in Wolfsburg steht in direkter Abhängigkeit zur Automobilbranche, da ein Großteil unserer Gäste Geschäftsreisende und Fahrzeugabholer sind. Die Relevanz der Tourismusbranche in Wolfsburg ist für den Standort groß, da die touristischen Leistungsträger mit ihren Produkten und Serviceleistungen diese Wechselwirkung erst möglich machen.

Wird sich dadurch durch die Corona-Krise etwas verändern?
Es ist leider unwahrscheinlich, dass eine derartige Vollbremsung keine Spuren hinterlässt. Insofern ist davon auszugehen, dass sich etwas durch diese Krise verändern wird. Was genau, lässt sich gegenwärtig nur erahnen. Ungeachtet der Situation stimmt es uns zuversichtlich, dass viele Veranstaltungen nachgeholt werden und wir derzeit schon Alternativtermine ausarbeiten. Die veranstaltenden Unternehmen und Verbände setzen also weiterhin auf die persönlichen Kontakte und den (Tourismus-)Standort Wolfsburg.