Die Kümmerer

web-netz-Mitarbeiterinnen vor einer Tafel

Ein Foto vom Essen mit den Chefs, ein anderes von den Bürohunden und eines vom letzten Kicker-Turnier in der Agentur: 30 Beiträge sind unter #darumwebnetz auf Instagram zu finden. „Wir hören ganz oft von Bewerbern, dass sie über unsere Social-Media-Kanäle auf uns aufmerksam geworden sind“, sagt Janine Boldt, Personalleiterin der Lüneburger Online-Marketing-Agentur Web-netz.

Nun ist es wenig überrauschend, dass junge Menschen, insbesondere die, die eine Karriere im Online-Marketing anstreben, sich im Social-Web über potenzielle Arbeitgeber informieren. Es geht bei dem Beispiel aber weniger darum, über welchen Kanal die Botschaften die Bewerber erreichen, als um die Frage, welche Botschaft ihr Interesse weckt. „Stärker als jemals zuvor stehen dabei Werte im Mittelpunkt“, sagt Boldt. Die 38-Jährige ist zwar erst seit September 2017 bei Web-netz, bringt aber 13 Jahre Erfahrung im Personalbereich mit. Ihre Beobachtung: „Besonders die jungen Menschen der Generation Y und Z suchen nach Identifikation. Sie wollen einen Job, in dem sie sich weiter entwickeln können – und einen Arbeitgeber, der sie wertschätzt.“ Ein Anspruch, den sich Mitarbeiter heute durchaus leisten können, denn der Wettbewerb um die besten Köpfe verschärft sich zunehmend.

Attraktivität steigern, Fachkräfte gewinnen

Noch nie waren in Deutschland so viele Stellen unbesetzt wie jetzt, 1,2 Millionen sind es einer repräsentativen Betriebsbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge. Vor allem auf Spezialisten und Fachkräfte müssen die Betriebe lange warten. Bei Softwareentwicklern dauert es im Schnitt schon 148 Tage eine Stelle zu besetzen, bei Energietechnikern 154 Tage, meldet die Agentur für Arbeit. Aber auch auf dem Bau, in der Logistik und im Pflegebereich zeigen sich die Engpässe. Tendenz steigend.

Für Unternehmen bedeutet das mehr Einsatz im Wettbewerb um gute Mitarbeiter – und mindestens genauso viel, um sie zu halten. Sina Heidemann ist dafür bei der Lüneburger Steuerberatungsgesellschaft Bittrich & Bittrich im Einsatz. Als Feel-Good-Managerin gestaltet sie für die 45 Mitarbeiter der Kanzlei optimale Arbeitsbedingungen. „Das hat nichts mit Bespaßung zu tun, sondern ist eine Investition in unsere Arbeitgebermarke“, sagt Heidemann, deren Aufgabenbereich Teambildung, Qualitäts- und Stressmanagement, Persönlichkeitsentwicklung, Zeit-, Wissens- und Gesundheitsmanagement umfasst.

Führung greift Mitarbeiterwünsche auf

„Ich bin Vertrauensperson und Vermittlerin zwischen Mitarbeitern, Teamleitern und Geschäftsführer, analysiere Prozesse und entwickle Maßnahmen, um eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der sich die Kollegen wohlfühlen und Leistung bringen können“, fasst Heidemann zusammen. Was sie in ihrem Job vor allem braucht? „Empathie, Ideen, Mut zur Veränderung und Durchsetzungsvermögen“, sagt die 32-Jährige.

Der richtige Umgang mit den verschiedenen Kommunikationsmitteln und ausreichende Ruhezeiten sind wichtige Faktoren, um gesund und leistungsfähig zu bleiben

Der wohl wichtigste Baustein im Feel-Good-Prozess bei Bittrich & Bittrich sind regelmäßige Mitarbeiterbefragungen, deren Ergebnisse in die Mitarbeiterführung und -betreuung einfließen. Konkrete Resultate sind die Arbeitszeitflexibilisierung, um mehr Spielraum für private Termine zu haben, die Möglichkeit, Teile der Arbeitszeit im Homeoffice zu arbeiten, eine Kinderbetreuung, falls ein Meeting mal außerhalb der regulären Arbeitszeit stattfinden muss, kostenlose Getränke, ergonomische Büromöbel und natürliches Licht am Arbeitsplatz, ein kostenloses Sportangebot sowie Erfolgsprämien für Mitarbeiter, und Geldprämien für gute Noten von Azubis. „Besonders stolz sind wir auf unser Fortbildungsangebot, das neben Quartalsschulungen im eigenen Haus und regelmäßigen Karriereentwicklungsgesprächen und –plänen auch die Weiterentwicklung der Mitarbeiter in nicht fachlichen Themen beinhaltet“ sagt Heidemann.

Aktuell entwickele sie Angebote zum Thema Resilienz und Umgang mit Stress am Arbeitsplatz. Denn durch das veränderte Kommunikationsverhalten und die Medienvielfalt seien die meisten Mitarbeiter außerhalb der Schlafenszeit permanent unter Anspannung: „Der richtige Umgang mit den verschiedenen Kommunikationsmitteln und ausreichende Ruhezeiten sind wichtige Faktoren, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Und genau hier wollen wir ansetzen.“

Vertrauensvolle Kultur ist Schlüssel für Erfolg

Dass die Beschäftigten in die Gesamtprozesse einbezogen würden, sei ein entscheidender Faktor für die Zufriedenheit der Mitarbeiter, ist Heidemann sicher: „Sie fühlen sich mit ihren Bedürfnissen gesehen und ernst genommen, wenn wir auf Wünsche und Ideen reagieren. Das fördert Vertrauen und Bindung.“ Das sieht offenbar auch die Jury des Wettbewerbs „Great Place to Work“ so, die Bittrich & Bittrich im Februar als besten Arbeitgeber in der Kategorie Unternehmen bis 50 Mitarbeiter aus der Region Niedersachsen-Bremen ausgezeichnet hat: Die vertrauensvolle Unternehmenskultur und zukunftsorientierte Arbeitsbedingungen seien ein zentraler Schlüssel für die Mitarbeiterbindung und den Unternehmenserfolg.

Dahinter steht eine Gleichung, der auch die Agentur Web-netz folgt, wie Personalerin Janine Boldt deutlich macht: „Unsere Vision ist es, die zufriedensten Kunden zu haben. Das gelingt uns nur mit Mitarbeitern, die gerne und motiviert zur Arbeit kommen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, hat auch Web-netz ein ganzes Bündel an Maßnahmen geschnürt – angefangen beim Agenturfrühstück und dem Nudel-Freitag über Gutscheine für das Fitnessportal Gymondo und Pilates-Kurse in der Agentur bis zu Sabbaticals und einem Napping-Room, in dem Mitarbeiter sich nach der Mittagspause oder einer anstrengenden Nacht mit ihren kranken Kindern erholen können. Schlafen während der Arbeitszeit? Janine Boldt lacht. „Klingt im ersten Moment vielleicht unwirtschaftlich, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Nur wer ausgeruht ist, kann volle Leistung bringen.“

Weiterbildung sorgt für Entwicklung

Auch bei Web-netz sind Weiterbildungen ein wichtiges Thema, denn gerade der Online-Bereich befindet sich im stetigen Wandel, da müssen die Mitarbeiter sich regelmäßig fortbilden. Jedem Team steht daher ein festes Budget für Seminare und Lehrgänge zur Verfügung, zusätzlich gibt es jeden Mittwoch die Web-netz-Akademie: Schulungen von Mitarbeitern für Mitarbeiter, manchmal auch von externen Referenten. Geplant ist, dass der Entwicklungsplan für jeden der rund 90 Mitarbeiter alle sechs Monate individuell angepasst wird. Zusätzlich stehen regelmäßige Feedback-Gespräche auf dem Programm, in den ersten sechs Monaten allein vier. „Wir wollen einfach sicher sein: das passt“, sagt Boldt.

Wenn Mitarbeiter mitgestalten können, führt das zu einer höheren Identifikation und das wiederum erhöht die Mitarbeiterbindung

Wer einen passenden Mitarbeiter sucht, muss auch was zum matchen anbieten. Daher setzen die drei Geschäftsführer auf transparente Kommunikation. Erst kürzlich haben sie die Ziele für 2018 vorgestellt. Die flachen Hierarchien sorgen dafür, dass Mitarbeiter Ideen schnell einbringen können – ob zu strategischen Zielen oder um das Wohlfühlklima der Agentur zu verbessern. Wer Anregungen oder Wünsche hat, kann diese – auch anonym – in das Web-netz-Ideen-Postfach einwerfen. „Wenn Mitarbeiter mitgestalten können, führt das zu einer höheren Identifikation und das wiederum erhöht die Mitarbeiterbindung“, sagt Boldt.

„Es lohnt sich, hier zu arbeiten“

Weil es in dem jungen Agenturteam inzwischen immer mehr Eltern gibt, feile sie gerade an einer Lösung für eine agentureigene Kinderbetreuung. „Entweder mit einer Tagesmutter oder über Belegplätze bei einer örtlichen Kindertagesstätte für Krippen- und Kindergartenkinder.“ Und: Wer seine Stundenzahl auf eine vier-Tage-Woche reduzieren will, kann das tun, ohne Nachteile für seine Karriere fürchten zu müssen. Boldt erzählt von einer Kollegin, die das Angebot genutzt hat, weil sie sich im sozialen Bereich engagieren will: „Wenn wir ihr diesen Wunsch verweigern würden, riskieren wir womöglich eine Kündigung. Ist es da nicht viel schlauer, sie zu unterstützen? Ich meine ja. Weil erst dann die Erkenntnis wachsen kann: Es lohnt sich, dort zu arbeiten. Und zwar weit über das Finanzielle hinaus.“