Die neue Generation der Heide

Frank Prohl sitzt rechts im Bild und blickt mit einer Tasse in der Hand in die Abendsonne. Im Hintergrund ist Heide zu sehen.
Foto: Nicole Laka
Frank Prohl hat sich 2018 mit seiner Kaffeerösterei im Heide-Ort Dierkshausen selbständig gemacht. In der alten Wassermühle. „Der Heideröster“ bietet seither frisch gemahlenen Kaffee und am Wochenende auch selbstgebackene Torten und Veranstaltungen wie Gin- und Whiskey-Tastings.

Als der Schinken für das Frühstücksbüfett alle ist, weiß Sabrina Walterscheid, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Die junge Hotelfachfrau hält es nämlich für völlig unnötig, dass auf einem Büfett immer alles zur Verfügung stehen muss. „Es darf auch mal etwas nicht geben“, sagt die 30-Jährige. „Wer braucht schon jeden Tag Schinken? Oder zehn Marmeladensorten?“

Gruppenfoto (zwei Männer, zwei Frauen) vor einen alten Fachwerkhaus im Sommer. Haben sich mit dem Stimbekhof im Sommer 2020 einen Lebenstraum erfüllt (v.l.): Nico Kossenjans, Jovitha James, Sabrina Walterscheidt und Björn Bohlen.

Foto: Carolin George

Wenn Sabrina Walterscheid diese Frage in den Raum stellt, ist das Frühstücksbüfett gerade abgeräumt, und sie selbst ist eine von drei Geschäftsführern des Hotels „Stimbekhof“. Die Metropole Hamburg und ihren dortigen Arbeitgeber „Le Méridien“ an der Alster hat sie eingetauscht gegen einen ehemaligen Reiterhof unter riesigen Eichen in Oberhaverbeck.

Mit ihrer Biografie ist Sabrina Walterscheid nicht allein. Die Lüneburger Heide steht mitten in einem Generationenwechsel, das gilt nicht nur für Zugezogene, sondern spätestens seit diesem Sommer auch für ihre Gäste. Und aus wandern wird auf einmal hiking.

Heide-Touristen sind so jung wie noch nie

„Wir erleben eine dramatische Verjüngung“, sagt Ulrich von dem Bruch, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Lüneburger Heide GmbH. Als er vor zwölf Jahren begann, beruflich für die Heide zu werben, lag das Durchschnittsalter der Gäste bei 63 Jahren. Vor Corona waren es 46 Jahre – dem Wandertrend sei Dank.

Und dann spuckte das Analyseprogramm des Computers auf einmal die Zahlen 25 und 34 aus. „Nach dem Lockdown war das die größte Altersgruppe unserer Gäste“, sagt von dem Bruch. „Das hatten wir noch nie.“ Der Informationsbedarf auf der Homepage und in den Tourist-Informationen sei sehr hoch gewesen, denn die Neuen seien unerfahren gewesen in der Region. „Wir haben viele Interviews geführt, alle neuen Urlauber waren sehr zufrieden“, sagt von dem Bruch – auch wenn einige in Badelatschen auf den Wilseder Berg gingen und nicht recht wussten, was das denn für Tiere seien, die Heidschnucken. 

Stimbekhof 

Die Werber reagierten auf ihre neue Zielgruppe, nannten „wandern“ ab sofort „hiking“, aus einem „Naturerlebnis“ wurde ein „Mikroabenteuer“, und die schönsten Geschichten aus der Heide produzierten sie als zeitgenössische Hörstücke, also Podcasts. „Das funktionierte super“, sagt von dem Bruch. „Durch Corona waren uns 30 Prozent unserer Zielgruppe weggebrochen: die Generation 60 plus, die Dänen und die Niederländer. Die jungen Neuen haben einen Großteil davon aufgefangen.“

Junge Gründer setzen auf Regionales im Stimbekhof

Sabrina Walterscheid und ihre drei Kompagnons erleben die Statistik in den eigenen Büchern. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Björn Bohlen (32) sowie dessen Kollegin Jovitha James (29), die beide vorher im Henri-Hotel in Hamburg gearbeitet haben, und deren Freund Nico Kossenjans (39) hat sie am 10. August zum ersten Mal die Türen für Gäste geöffnet: Die vier haben den „Stimbekhof“ in Oberhaverbeck vom Besitzer gepachtet, ihr Ziel ist mittelfristig der Kauf des Ensembles.

Mit Landhaus-Flair und ihrem Verständnis als Gastgeber, der so stark auf Regionales setzt, dass eben auch mal ein Produkt nicht vorrätig sein darf, erfüllt die junge Geschäftsführung genau jene Vorstellung der neuen Gäste-Generation, die wissen will, woher ihr Essen kommt und gern mal einen Bauernhof besucht.

Kaffeerösterei mitten in der Heide

Und sie sind in guter Gesellschaft. Wenn Frank Prohl in kurzen Hosen und mit tätowierten Armen durch seine Rösterei läuft, fragen einige ältere Kunden zwar schon mal nach dem Chef. Er aber hat längst seine Strategie dazu. „Ich sage dann, dass ich den kurz holen gehe und komme selbst wieder“, sagt der 42-Jährige und lacht.

Gebürtig aus Buchholz, hat Prohl einige Jahre in Hamburg gelebt und gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiter, „ein super Job mit gutem Gehalt“. Was ihm in Hamburg allerdings fehlte, das merkte er erst so richtig, als er sein Haus im Zwölf-Straßen-Dorf Höckel am Waldrand bezogen hatte. „Nirgends kann man so gut runterkommen wie in der Lüneburger Heide“, sagt er. „Frische saubere Luft, sternenklare Nächte.“

In Dierkshausen, von der Hauptstraße gehen vier Nebenstraßen ab, hat er die passende Immobilie für seinen Traum der eigenen Rösterei gefunden: eine Wassermühle aus dem Jahr 1875. Und für den mobilen Kaffeeverkauf baut er gerade einen englischen Pferdeanhänger zum „Cafe-Racer“ um – eine moderne Werbung mehr für die Lüneburger Heide.