Die Quartiere der Zukunft sind smart

Der scheidende WLH-Chef Wilfried Seyer (l.) und sein Nachfolger Jens Wrede stehen im Gang eines Bürogebäudes.
Foto: tonwert21.de
Wilfried Seyer (l.) und Jens Wrede sind sich einig: In den kommenden Jahren gilt es, wissensbasierte Arbeitsplätze im Landkreis Harburg anzusiedeln – zum Beispiel in Coworking-Spaces und Small-Business-Solutions, also Gewerbehöfen, in denen Büros und Gewerbe ineinander übergehen.

Herr Wrede, noch sind Sie Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Wesermarsch. Was reizt Sie an der Aufgabe im Landkreis Harburg?
Jens Wrede:
Dass der Landkreis Harburg vor Zukunftsthemen nur so sprüht. Ich kenne die Region sehr gut, habe früher auch schon für die Süderelbe AG gearbeitet, komme aus der Me-
tropolregion Hamburg und habe Verwandtschaft im Landkreis Harburg. Das Umfeld, in dem ich zukünftig agieren werde, ist mir also bestens vertraut. Über die Jahrzehnte hat hier bereits eine Entwicklung vom reinen Wohnen zum Wohnen und Arbeiten in den Quartieren eingesetzt. Aber diese Entwicklung ist noch lange nicht am Ende.

Inwiefern?
Wrede: Es gibt einen radikalen Wandel in der Arbeitswelt, der mit einer ebenso radikalen Änderung unserer Wohnqualitäten in den kommenden Jahrzehnten einhergeht. Während es früher deutlich schwieriger war, wissensbasierte Arbeitsplätze an den Stadträndern anzusiedeln, ist das heute anders: Gerade auch für junge Menschen, die wissensbasiert arbeiten wollen, ist es hochattraktiv an den Stadträndern zu arbeiten und in unmittelbarer Umgebung zu wohnen und zu leben. Das gilt insbesondere für den Landkreis Harburg, der eine hohe Lebensqualität bietet.

Etwa 23 Prozent der Gewerbeansiedlungen kommen aus dem Raum Hamburg, der überwiegende Teil aus der Metropolregion.

Herr Seyer, die Nähe zu Hamburg ist eine Besonderheit der Gewerbeflächen im Landkreis Harburg. Welche Vor- und Nachteile bringt das mit sich?
Seyer: Die innere Metropolregion ist ein Wirtschaftsraum, der sich gegenseitig ergänzt. Etwa 23 Prozent der Gewerbeansiedlungen kommen aus dem Raum Hamburg, der überwiegende Teil aus der Metropolregion. Die Unternehmen zieht es zu uns, weil die Verkehrsanbindungen attraktiv sind: Die Nähe zu Hamburg und dem Hamburger Hafen spielt eine Rolle, aber auch die Tatsache, dass wir im Landkreis Harburg vier Autobahnen haben und 16 Anschlussstellen: das Maschener Kreuz, das Horster Dreieck, das Buchholzer Dreieck – und das Ganze mit den wesentlichen Magistralen A 1 und A 7. Dadurch rückt Hamburg in die unmittelbare Nähe, ebenso Bremen, Hannover und Kiel. Ich sage immer: Hamburg ist das Tor zur Welt, wir sind die Welt (lacht). Wir gehören zum Hinterland der Hanse. Und im Hinterland der Hanse funktioniert der Handel branchenübergreifend seit Jahrhunderten sehr gut.

Welche Branchen sind besonders stark vertreten?
Seyer: Die Wirtschaftsstärke des Landkreises Harburg liegt in der Diversität. Wir haben eine unglaubliche Mischung von Unternehmen, von Handwerk und Handel über Industrie bis Forschung und Entwicklung ist alles vertreten. Diese fantastische Bandbreite belebt unsere Gemeinden. Eine hohe Kaufkraft, die gute Infrastruktur, ein stabiles Wirtschaftswachstum und ein spannendes soziokulturelles Umfeld – das macht uns auch für Gründer attraktiv.

Herr Wrede, welche Handlungsfelder sehen Sie für die Zukunft?
Wrede: Für ganz wesentlich halte ich es, verstärkt wissensbasierte Arbeitsplätze anzusiedeln. Die Nähe zu Hamburg ist dabei von Vorteil. Viele Technologie-Unternehmen drängen in das Umfeld der Metropole, weil die Lebensqualität höher ist, weil es kurze Wege gibt zwischen Wohnen und Arbeiten und weil man Arbeitsplätze mit einer Campusatmosphäre etablieren kann. Die Menschen arbeiten heute deutlich flexibler als noch vor einigen Jahren. Es muss Orte geben, an denen man sich zusammenfindet, wo es Austausch geben kann und wo man als Unternehmen nicht allein ist.

Welche Art von Gewerbeimmobilien braucht es zukünftig?
Wrede: Solche, die auf Austausch und Netzwerk ausgelegt sind. Denn die Arbeitswelt ist im Wandel. Früher bedeutete Industrie, dass irgendwo eine große Halle mit einem Schornstein daneben steht. Aber das produzierende Gewerbe hat sich im Zuge der Digitalisierung verändert. Es gibt eine viel größere Diversität in der Unternehmenslandschaft mit vielen kleinen Produktionseinheiten. Spezialisten, die unter-
einander kollaborieren. Wir müssen ihnen die dafür nötigen Räume und Quartiere schaffen.
Seyer: Coworking-Spaces wie das ISI-Zentrum sind sicher ein gutes Beispiel. Diese Einrichtungen zielen auf das Miteinander von Freiberuflern diverser Branchen, die sich dort finden und sich in Projekten ergänzen. Allerdings braucht es ein gutes Management, das die Szene ans Haus bindet durch innovative Formate. Im ISI-Zentrum in Buchholz bemühen wir uns darum. Außerhalb der Großstädte wird häufig nicht die dafür erforderliche kritische Größe erreicht. Bezeichnenderweise heißt der Trend, aus dem diese Systeme stammen, „New York“. Dennoch wird Coworking zurzeit gerne als eierlegende Wollmilchsau in den ländlichen Raum getrieben. Das muss nicht falsch sein, gerade für Gründer sind sie interessant. Aber man muss auch sehen, dass Coworking-Spaces oft eher als Working-Space genutzt werden, als ausgelagerter Homearbeitsplatz.

Bedarf gibt es für Small-Business-Solutions. Das sind Gewerbehöfe, die sich individuell auf die Unternehmen zuschneiden lassen.

Wird die WLH weitere Coworking-Spaces entwickeln?
Seyer: Der Bedarf an adäquaten Arbeitsplätzen für Gründer ist im Landkreis Harburg zweifelsfrei gegeben. Für das ISI-Zentrum besteht eine Warteliste und auch das Gründerzentrun in Winsen (Luhe) ist gut belegt. Außerdem sehe ich Bedarf für Small-Business-Solutions. Das sind Gewerbehöfe, in denen Büros und Gewerbe ineinander übergehen und die sich individuell auf die Unternehmen zuschneiden lassen. Auch denken wir verstärkt über mehr Büros in Gewerbegebieten nach, wie die WLH sie im Technologie- und Innovationspark in Buchholz anbieten wird. Es werden auch in Zukunft noch Hallen gebraucht, aber die Produktion wird sich im Zuge der Digitalisierung stärker auf die Büros verlagern, an die Computer.
Wrede: Ich habe kürzlich in Hannover zwei Gründerzentren besucht, die sehr auf Webtechnologie und auf Maker-Spaces mit CNC-Fräsen* setzen. Dort können Spezialisten sich gemeinsam ausprobieren und werken. Die Vernetzung führt zu neuen Ideen und einer ganz neuen Art der Zusammenarbeit bis hin zu unternehmensübergreifenden Teams. Ich bin überzeugt, dass die Gewerbequartiere von morgen vor allem smart sein müssen. Unternehmen müssen die Möglichkeit haben, einzelne Arbeitsabläufe und Ressourcen verbinden zu können. Wer hat welche Kapazitäten, Werkzeuge, Fahrzeuge, Hallen oder Büros? Unternehmen werden mehr gemeinsam nutzen und das gelingt umso besser, wenn man es digital steuern kann. Das müssen wir bereits heute bei der Planung berücksichtigen.

Herr Seyer, warum ist Herr Wrede der richtige Mann dafür?
Seyer: Die WLH braucht jemanden, der da anfängt, wo ich aufhöre. Herr Wrede ist mehr in der wissenschaftlichen Szene unterwegs und bringt damit die besten Voraussetzungen mit, um Unternehmen mit wissensbasierten Arbeitsplätzen anzusiedeln. Als ich die Geschäftsführung vor 20 Jahren übernommen habe, haben wir uns um Masse gekümmert und seither knapp 200 Firmen mit rund 2.500 Arbeitsplätzen angesiedelt. Der Wechsel von reinen Wohnquartieren zur Verbindung von Wohnen und Arbeiten hat gut funktioniert. Jetzt muss die nächste Stufe zünden.