Die Reise ins Ungewisse

Wartende am Banhsteig
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Herr Dr. Stähler, Amazon, Alibaba und Apple machen vor, wie sich Geschäfte digital umsetzen lassen. Wie können deutsche Mittelständler im Umfeld dieser Internet-Riesen und in Zeiten zunehmender Digitalisierung bestehen?
Nicht aus jedem Unternehmen muss ein Amazon oder Alibaba werden. Wichtig ist vor allem der Blick auf die eigenen Stärken: Unternehmen müssen ihre Position und Nische finden, um sich auch im Kleinen einzigartig zu machen. Dennoch kann man sich fragen, was die Internet-Riesen groß gemacht hat – und sich Grundprinzipien abschauen: Laut Amazon-Gründer Jeff Bezos konzentriert sich sein Unternehmen nicht auf das, was sich ändert, sondern auf das, was gleich bleibt. Kunden werden immer einen guten Service, eine durchdachte Produktauswahl und faire Preise zu schätzen wissen. Darauf konzentriert sich Amazon – und hebt das Kundenerlebnis mit digitalen Technologien in neue Sphären. Für alle Unternehmen gilt: Sie sollten sich selbst die Frage stellen, weshalb ihre Kunden sie heute schätzen und was sie mittels digitaler Technologie in Zukunft noch mehr bieten können.

Was raten Sie kleinen und mittleren Unternehmen, die sich digital(er) aufstellen wollen?
Digitalisierung ist nicht ein einzelner Punkt, sondern die unternehmerische Reise ins Ungewisse. Deshalb gibt es einige Faktoren: Unternehmen sollten sich ihre Freude am Unternehmertum bewahren und Neues ausprobieren wollen. Wichtig ist die Einsicht: Man kann nicht mit der Optimierung der Vergangenheit Zukunft gestalten. Sie sollten Mitarbeiter anstellen, die aus anderen Branchen kommen und neue Inputs geben können. Sie müssen aber auch das Potenzial der heutigen Mitarbeiter nutzen – und das Wissen aus ihren Köpfen befreien. Unternehmen müssen außerdem digitale Technologien verstehen lernen – und sie sollten verstehen, wie sich diese Technologien in der eigenen Firma nutzen lassen. Prototypen entwickeln, mit Kunden testen, lernen. Dabei immer im Fokus: der Kunde. Man kann viel mit bestehenden digitalen Technologien machen. Fast alles existiert schon heute, nur noch nicht die Anwendung in ihrer Branche. Unternehmen sollten außerdem ihre Scheu vor Cloud-Lösungen ablegen und ihre interne IT mittels Schnittstellen öffnen, um sich mit anderen zu vernetzen. Und ganz analog: Treffen mit anderen Unternehmern aus der Region machen immer Sinn, um sich über Erfolge und Misserfolge auszutauschen.

Sie sprechen in Ihren Vorträgen oft von Kundenzentrierung. Wie stellt man den Kunden des 21. Jahrhunderts zufrieden?
Die Liebe eines Unternehmens sollte der Lösung eines Kundenproblems gelten und nicht einem Produkt. Die einzige Daseins-Berechtigung einer Firma ist schließlich der zahlende Kunde. Wenn die Kundengewinnung nicht mehr gelingt, fehlt jegliche Daseins-Berechtigung.

Welche Chancen und welche Herausforderungen/Probleme bringt die Digitalisierung mit sich?
Chancen eröffnen sich uns nur, wenn wir selbst aktiv werden. Probleme kommen automatisch, wenn wir nichts tun. Es hängt also ganz von uns ab, was wir daraus machen. So oder so gilt: Die Chancen können wir nutzen, wenn wir mit Freude die Digitalisierung angehen.

Warum tun sich Deutschland und deutsche Unternehmer mit dem Thema „Digitalisierung“ so schwer?
Deutschland ist ein erfolgreiches Land. Deutsche Produkte sind weltweit gefragt. Doch wir haben den Unternehmergeist verloren, der das Land nach dem Zweiten Weltkrieg groß gemacht hat. Deutschlands Stärke basiert heute auf Basistechnologien, die teilweise über 100 Jahre alt sind. Manager haben die Oberhand: Sie optimieren – schaffen aber selten etwas Neues.

Würde eine bessere Vernetzung von Unternehmen und Start-ups Deutschland in der Digitalisierung voranbringen?
Voneinander lernen hat noch nie geschadet. Unternehmen können sich umschauen, ob es Start-ups gibt, die mit ihren Lösungen zu ihnen passen. Sie müssen bei diesem Schritt aber akzeptieren, dass die Arbeit mit Start-ups mit Risiko verbunden ist. Genauso ist es aber auch ein Risiko mit SAP zusammenzuarbeiten und zu glauben, dass sie ein Problem schon lösen werden.

Wie hilft das Business Model Canvas, um digitale Geschäftsmodelle zu planen?
Die Business Model Canvas hilft zu verstehen, welches Geschäftsmodell man heute hat und welche Annahmen hinter dem heutigen Geschäft stecken. Dank Canvas kann man sehen, wo die eigenen digitalen Initiativen ansetzen. Ist es nur ein wenig Kosmetik, zum Beispiel Social Media fürs Image? Oder geht es wirklich ans Eingemachte?  Mit Hilfe der Canvas kann man aber auch radikale Geschäftsmodell-Innovationen finden, mit der man sein eigenes Geschäft der Vergangenheit kannibalisiert.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Mittelstand in den kommenden Jahren?
Eine große Herausforderung ist der Aufbau einer Unternehmenskultur, die Veränderungen zulässt und Menschen nicht nach ihrer formalen Bildung und seiner Erfahrung misst. Im Mittelpunkt sollten unternehmerisches Denken stehen – und der Mut, Dinge radikal zu verändern und umzusetzen. Diese Unternehmenskultur hatten fast alle Mittelständler bei ihrer Gründung. Zu diesem Unternehmergeist muss der Mittelstand wieder zurückfinden.