Auf das Digital Mindset kommt es an

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Digital-Lotse Christian Bredlow: "Wenn jeder von uns verstanden hat,, wie Technologien, Prozesse und Menschen zusammenpassen, wenn Mitarbeiter keine Angst mehr haben, sondern Chancen in den täglichen Veränderungen sehen – dann ist ein digitales Mindset erreicht."

Herr Bredlow, Ihr Motto lautet: Digitalisierung ist keine Frage der Technologie – es ist vielmehr eine veränderte Geisteshaltung. Was genau meinen Sie damit?
Wenn über Digitalisierung gesprochen wird, denken Menschen häufig reflexartig an die Einführung neuer Softwareprodukte oder die Anschaffung neuer Hardware. Dabei geht es bei der digitalen Transformation doch um viel mehr. Wir wollen uns doch nicht digitalisieren um der Digitalisierung Willen oder um irgendeine Kennzahl zu erreichen. Es geht darum das „Das haben wir schon immer so gemacht“ hinter uns zu lassen, um für diejenigen, die unsere tägliche Arbeit rechtfertigen, nämlich unsere Kunden, das Beste rauszuholen. 

Wir wollen uns doch nicht digitalisieren um der Digitalisierung Willen.

Was macht ein digitales Mindset aus? 
Die Frage passt wunderbar zur ersten Antwort. Wenn jeder von uns verstanden hat, wie Technologien, Prozesse und Menschen zusammenpassen, wenn Mitarbeiter keine Angst mehr haben, sondern Chancen in den täglichen Veränderungen sehen – dann ist aus unserer Sicht ein digitales Mindset vorhanden. Das lässt sich mit unseren „Digitale Fitness“-Programmen prima in ganzen Organisationen etablieren.

In Anlehnung an einen Ihrer Vorträge: Wie lautet Ihr Weckruf an Führungskräfte?
Begeisterung! Mut! Machen! Auch auf Führungskräfte kommen täglich Änderungen durch Fortschritt oder Marktanpassungen zu. Von daher: selber alles ausprobieren, gerne auch mal einen Fehler machen und dann aber Begeisterung bei den eigenen Leuten verbreiten. Im Team macht das doch Spaß!

Und wie können Unternehmen (und Führungskräfte) ein Digitales Mindset bei ihren Mitarbeitenden generieren?
Eine schwierige Frage. Dafür gibt es kein Patentrezept und genau für diese Herausforderung habe ich vor über sechs Jahren mein Unternehmen, die Digital Mindset GmbH, gegründet. Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der Schlüssel zu einem Digitalen Mindset eine ganze Menge Inspiration ist. Von allein beginnt eine solche Mindset-Bildung jedenfalls nicht. Es geht darum,  immer und immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, Inspirationen zu liefern und Mitarbeitende aus dem eigenen Unternehmen zu ermutigen, über digitale Themen zu sprechen, um es so fast schon zu erzwingen, dass Austausch entsteht. Wir nennen das Digitale Fitness. Wir sind privat häufig so viel digitaler als im Job.

Es geht darum,  immer und immer wieder über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Wenige kannten sich im letzten Jahr mit Videostreaming aus – auf die Idee mal in der eigenen Produktion oder im Lager zu fragen, ob nicht eine Kollegin oder ein Kollege Videos streamen kann, ist wieder keiner gekommen. Diese Menschen hätten das „Update der Geschäftsführung zur Corona-Lage“ ruckzuck gestreamed. Leider weiß aber niemand, was für Kompetenzen und Talente im Haus sind – es wird leider in fast keinem Unternehmen über solche digitalen Themen gesprochen. Und deshalb gibt es unsere „Digitale Fitness“-Programme, um genau diese Begeisterung, Bereitschaft und Befähigung herzustellen, um am Ende tatsächlich zu sagen: Ja, unsere Organisation hat ein digitales Mindset. 

Wie überzeugt man Mitarbeitende, die Veränderungen gegenüber wenig aufgeschlossen sind?
So wie wir als Unternehmen unseren Kunden einen Mehrwert liefern müssen, können wir unsere Kolleginnen und Kollegen auch überzeugen, bei Veränderungen im digitalen Kontext mitzumachen, wenn wir ihnen die Mehrwerte aufzeigen. Schon wieder ein neues Tool „lernen“, schon wieder eine Schulung machen, schon wieder aus einer Software in die nächste migrieren – puh! Ich kann verstehen, dass niemand da Lust drauf hat. Wenn ich meinen Mitarbeitenden aber authentisch zeigen kann, was sie zum Beispiel mit dem neuen Tool Tolles machen können oder wie sich durch einen neuen Prozess der Arbeitsalltag erleichtert, dann fällt der Veränderungsprozess viel leichter. Ich hatte es gesagt: Man muss über Begeisterung das „Wollen“ auslösen, dann kommt das „Können“ schon zeitnah.

Inwiefern wird in digitalisierten Unternehmen im Unterschied zu weniger digitalen Betrieben anders gearbeitet und kommuniziert? 
Oh man, das ist jetzt gar nicht so einfach zu sagen. Es ist ja auch nicht so einfach, ein digitales Unternehmen zu definieren. Sagen wir mal so: Unternehmen, die einen hohen Digitalisierungsgrad nicht nur in der Produktion haben, sondern auch schon auf zeitgemäße Werkzeuge und Zusammenarbeitsmodelle setzen, haben mit großer Sicherheit eine höhere Anpassungsgeschwindigkeit an sich verändernde Märkte und – Achtung, zunehmend wichtig! – sind durch diese oft damit angepasste Unternehmenskultur auch für Talente interessanter als andere Unternehmen. Die Frage nach den Arbeitsmodellen wird zunehmend gestellt werden und ist ein Erfolgskriterium.

In einigen Bereichen ist die Digitalisierung als Jobkiller verschrien. Warum bleibt der Erfolgsfaktor Mensch in Unternehmen fester Bestandteil der Zukunftsausrichtung?Welches Führungsverhalten ist jetzt angesagt? Loslassen oder lieber klare Verbindlichkeiten schaffen?
Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber beides gehört zusammen. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Mitarbeiter die richtigen Entscheidungen treffen, sie sind nämlich die Experten in ihren Projekten und vermutlich besser als ich in dem, was sie tun. Und wenn sie sich unsicher sind, wissen sie, dass sie mich jederzeit um Unterstützung bitten können. Mir ist das echt wichtig: Ich will nicht für jede Kleinigkeit um Erlaubnis gefragt werden. Wenn ein Kollege am Mittwoch im Homeoffice arbeiten will, weil der Fliesenleger kommt, wird das schon seine Richtigkeit haben. Solange unsere Kunden zufrieden sind, bin ich es auch. Ich erwarte aber im Gegenzug natürlich, dass meine Kolleginnen und Kollegen Verantwortung für ihre Kunden übernehmen und sich darum kümmern, dass das Projekt bestmöglich läuft. Das haben mein Geschäftsführungskollege und ich immer so kommuniziert und das hat bisher gut funktioniert. Auch bei unseren Kunden stellen wir in den Führungsetagen zunehmend andere Denkweisen fest. Dafür gibt es aber keine Blaupause.

Maschinen und Computer sind super darin, wiederkehrende Aufgaben zu erledigen. Auch in der KI-Forschung werden täglich riesige Sprünge gemacht, sodass Algorithmen und Roboter immer mehr befähigt werden, Herausforderungen selbstständig zu lösen. Was fehlt ist die Kreativität – die bleibt Mensch-gemacht!

Oft wird von einem Digitalisierungsschub im Zuge der Corona-Pandemie gesprochen. Inwiefern gab es diesen Schub? Oder auch nicht?
Ich glaube schon, dass es diesen Schub gegeben hat. Plötzlich haben viele Managerinnen und Manager die Dringlichkeit für neue Formen der Zusammenarbeit erkannt und erleben müssen, dass die (digitale) Ausstattung der eigenen Mitarbeiter lange Zeit vernachlässigt wurde. Hier wurde in sehr kurzer Zeit sehr viel aufgeholt; jetzt ist es Zeit auch dafür zu sorgen, die Systeme auch weiterhin zu nutzen, damit das nicht umsonst war.

Wir alle werden das Büro eher als Raum der Begegnung, des Teamgefüges und der Zusammenarbeit verstehen lernen.

Viele Unternehmen haben Mitarbeitende während der Pandemie ins Homeoffice geschickt und festgestellt, dass das erstaunlich gut funktioniert. Wird es eine Rückkehr ins Büro geben?
Ja, es wird definitiv eine Rückkehr ins Büro geben. Was haben wir im Homeoffice nicht für skurrile Gespräche gehabt! „Muss in den nächsten Call“ oder „Ich hör dich nicht“ – irgendwie war permanent Murmeltiertag. Zurück in den Büros werden wir anders arbeiten. Und auch nicht mehr jeden Tag. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt alle für acht Stunden, fünfmal die Woche ins Büro zu beordern. Das hat ja überhaupt keinen Sinn und wir sehen jetzt auch schon in großen Befragungen bei unseren Kunden krasse Verschiebungen. Im Mittel liegt die Homeoffice-Quote bei 3,5 Tagen in der Woche. Ich als Unternehmer möchte schon, dass sie ins Büro kommen, um sich auszutauschen, sich zu treffen, kreativ zusammen an neuen Projekten und Ideen zu arbeiten. Aber doch nicht, um dort ein Angebot zu schreiben, durchgehend zu telefonieren oder den ganzen Tag allein an einer Power-Point-Präsentation zu frickeln. Wir alle werden das Büro eher als Raum der Begegnung, des Teamgefüges und der Zusammenarbeit verstehen lernen.

Warum ist Digitalisierung nicht nur ein Thema, mit dem sich große Konzerne beschäftigen sollten?
Große Konzerne sollten sich noch viel mehr mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen (lacht). Spaß bei Seite – ich gehe nochmal auf den Anfang des Gesprächs zurück: Es geht nicht darum, eine Digitalisierungskennzahl zu erreichen oder überall rumzuerzählen, wie digital man ist. Es geht darum, für die eigenen Kunden da zu sein. Und wenn mir digitale Hilfsmittel mehr Zeit verschaffen oder digitalisierte Prozesse eine höhere Qualität meiner Produkte ermöglichen, sollte ich mich darum kümmern. Und für alle, die noch nie eine Keynote von mir gesehen haben, kommt hier der Spoiler: Geht das mit der Digitalisierung wieder weg? Ganz ehrlich: Das geht nicht mehr weg! Beschäftigt euch damit und macht was draus.