„Digitalisierung als Chance begreifen“

Der niedersächsische Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann und IHKN-Präsident Helmut Streiff stehen vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover.
Foto: IHKN/Insa Hagemann
„Müssen die Lücken in der Breitbandversorgung zügig schließen“: Der niedersächsische Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann und Helmut Streiff, Präsident der IHK Niedersachsen.

Breitbandausbau, Fördermittel, Qualifizierung und Beratung: Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann und IHKN-Präsident Helmut Streiff erläutern, wie IHKs und Landespolitik Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützen wollen.

Herr Dr. Althusmann, Herr Streiff, eine zuverlässige Anbindung an die Breitband-Datennetze ist eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und den Ausbau einer effizienten Verwaltung. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung nehmen die Anforderungen an die Netze weiter zu. Ist Niedersachsen vorbereitet?
Dr. Bernd Althusmann: Betrachtet man die aktuelle Versorgung der Haushalte mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde, liegt Niedersachsen entsprechend der aktuellen Daten des TÜV Rheinland bei 77,5 Prozent, leicht über dem Bundesdurchschnitt von 76,9 Prozent. Bei höheren Bandbreiten, erst recht im Gigabitbereich, sind die Versorgungszahlen deutlich geringer. Das gilt insbesondere in den ländlichen Räumen, wo entsprechende Netze häufig nicht allein durch privatwirtschaftliche Aktivitäten in dem erforderlichen Maße entstehen können. Dieses Problem haben wir erkannt und die Digitale Infrastruktur zu einem Schwerpunkt der Digitalisierungspolitik in Niedersachsen für die kommenden Jahre gemacht.

Helmut Streiff: Beim Breitbandausbau hat sich in den letzten Jahren viel getan – aber aus Sicht der Wirtschaft reicht das bei Weitem nicht aus. Wir begrüßen es daher, dass von der einen Milliarde Euro, die für den Masterplan Digitalisierung der Landesregierung bereitgestellt werden, der überwiegende Teil in die Förderung des Breitbandausbaus fließt. Denn vor allem im ländlichen Raum existieren noch immer zahlreiche Lücken in der Breitbandversorgung, die zügig geschlossen werden müssen. Zudem müssen zukünftig der Ausbau vornehmlich mit Glasfaser bis in die Gebäude erfolgen und die Verfahren zur Bewilligung der Fördergelder vereinfacht werden. Beim Mobilfunkstandard 5G muss Niedersachsen eine Vorreiterrolle einnehmen. Wenn es uns gelingt, diese wesentlichen Punkte in den nächsten Jahren umzusetzen, ist Niedersachsen von der Infrastruktur her gut auf die Digitalisierung vorbereitet.

Wie beurteilen Sie die Ankündigungen von einigen Anbietern, im Rahmen von „Gigabit-Offensiven“ auch das Kabelnetz aufzurüsten?
Althusmann: Ich kann nur begrüßen, wenn die Anbieter so in ihr Netz investieren. Wir haben das Ziel definiert, dass den Bürgern in Niedersachsen bis 2025 zuverlässige Anschlüsse mit Gigabitgeschwindigkeiten zur Verfügung stehen. Das Kabelnetz in Niedersachsen ist gut ausgebaut. Wenn die Technik es zulässt, zuverlässig Gigabit-Geschwindigkeiten im Kabelnetz zu erreichen, dann könnte dies ein zusätzlicher Weg für Niedersachsen als Gigabit-Land sein.

Beim Breitbandausbau hat sich in den letzten Jahren viel getan – aber das reicht bei Weitem nicht aus. Für die Wirtschaft ist ein symmetrischer Gigabitanschluss erforderlich.

Streiff: Auch aus Sicht der Wirtschaft sind die „Gigabit-Offensiven“ zu begrüßen. Dazu gehört grundsätzlich auch die Aufrüstung der Kabelnetze. Für Privatkunden ist der ertüchtigte Kabelanschluss mittelfristig eine gute Möglichkeit, um einen Gigabitanschluss zu erhalten. Für die Wirtschaft ist jedoch ein symmetrischer Gigabitanschluss erforderlich, der ausschließlich über einen Glasfaseranschluss gewährleistet werden kann. Deshalb muss der Breitbandausbau in Gewerbegebieten und an Gewerbestandorten ausschließlich mit Glasfaser erfolgen.

Viele Unternehmer wären gern noch digitaler unterwegs, sitzen aber in schwach versorgten Regionen. Was raten Sie Ihnen?
Althusmann: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass alle Unternehmen eine gute Versorgung erhalten und können dabei bereits erste Fortschritte aufweisen. Zudem werden wir die Digitalberatung für Mittelstand und Handwerk gezielt ausbauen.

Streiff: Unternehmen mit einer unzureichenden Breitbandanbindung raten wir, sich sowohl an die Telekommunikationsanbieter als auch an ihre Kommune und ihren Landkreis zu wenden. Darüber hinaus können sie sich mit anderen Unternehmen zusammenschließen, um gemeinsam den Telekommunikationsunternehmen zu signalisieren, dass sich der Breitbandausbau an ihrem Gewerbestandort wirtschaftlich lohnt.

Wie unterstützen IHKs und Regierung Unternehmen bei den Herausforderungen der Digitalisierung?
Althusmann: Wir wollen erreichen, dass die Digitalisierung gerade von den Unternehmen in Niedersachsen als Chance begriffen wird. Die Unternehmer brauchen deshalb qualifizierte Ansprechpartner, die ihnen dabei helfen, die Potenziale der digitalen Transformation für das eigene Unternehmen zu erkennen und umzusetzen. Diese Funktion sowie einen Zugang zu themenspezifischen Netzwerken können IHKs im Zusammenspiel mit Institutionen des Landes abbilden. Es bedarf aber auch einer finanziellen Förderung, die sich über gezielte Förderprogramme zur Digitalisierung realisieren lässt.

Streiff: Die IHKs werden zum Beispiel in der Aus- und Weiterbildung ihre Angebote weiterentwickeln, um junge Nachwuchskräfte auszubilden und erfahrene Fachkräfte für die Digitalisierung weiter zu qualifizieren. Wir organisieren Veranstaltungen, Sprechtage und stellen Informationen bereit, um die Unternehmen bei der digitalen Transformation konstruktiv zu begleiten.

5G ist die Basisinfrastruktur für Autonomes Fahren. Niedersachsen muss deshalb Pilotregion und Vorreiter bei der Einführung des 5G-Standards sein

Wie wollen Sie Start-ups bei der Digitalisierung fördern?
Althusmann: Ein Problem vieler Start-ups ist die Verfügbarkeit von genügend Kapital. An dieser Stelle bietet das Land Niedersachsen bereits Förderprogramme wie NSeed und künftig noch einen Wagnis-Kapital-Fonds. Eine große Unterstützung können auch die Netzwerke sein, auf die branchenspezifische Netzwerkmanager des Innovationszentrums Niedersachsens Zugriff haben.

Streiff: In Niedersachsen gibt es derzeit acht Start-up-Zentren, die stärker untereinander vernetzt werden und nicht nur für zwei, sondern für mindestens fünf Jahre vom Land unterstützt werden sollten, bevor eine Evaluierung erfolgt. Darüber hinaus sollte ein zielgerichtetes Förderprogramm entwickelt werden, das sowohl Coaching- und Mentoring-Elemente umfasst als auch Auslandsreisen zu den digitalen Hotspots, beispielsweise in Skandinavien, dem Baltikum oder in Israel, anbietet.

Niedersachsen wird gern als Mobilitäts- und Logistikland Nummer eins beschrieben. Wie realistisch ist es, dass wir beim Aufbau des 5G-Netzes eine Vorreiterrolle einnehmen?
Althusmann: Es wird erwartet, dass durch die vielen 5G-Anwendungsbereiche ein marktgetriebener Ausbau stattfinden wird. Wir müssen allerdings dafür Sorge tragen, dass die Infrastruktur auch in der Fläche zur Verfügung steht. Deshalb wollen wir bei den Versorgungsauflagen für die neuen 5G-Frequenzen ambitionierte Ziele durchsetzen. Darüber hinaus möchte ich mit den Telekommunikationsunternehmen für Niedersachsen zu Vereinbarungen kommen, die eine Versorgung über die Erfüllung der Auflagen hinaus sicherstellen. Mein Ziel ist eine möglichst flächendeckende Mobilfunkversorgung.

Streiff: 5G ist die Basisinfrastruktur für Autonomes Fahren. Ohne diesen Standard wird die erforderliche Echtzeitkommunikation zwischen Fahrzeugen und Telematikdienstleistern nicht möglich sein. Als Mobilitäts- und Logistikland Nummer eins besitzen wir beste Voraussetzungen, um die Vorreiterrolle beim Autonomen Fahren einzunehmen und unsere Automobilindustrie und Logistik für die Zukunft aufzustellen. Die Landespolitik muss sich deshalb bei der Bundesnetzagentur und beim Bund dafür einsetzen, dass Niedersachsen Pilotregion und Vorreiter bei der Einführung des 5G-Standards wird. Neben Verkehrswegen an Land müssen außerdem die Hafengebiete und die Fahrrinnen für die Seeschifffahrt in den küstennahen Gewässern flächendeckend versorgt werden.

Stichwort Fachkräftemangel: Wie gelingt es, die berufliche Bildung an die Digitalisierung anzupassen?
Althusmann: Derzeit laufen zwei Innovationsvorhaben: „Digitalisierung in der Arbeitswelt – Industrie 4.0/Wirtschaft 4.0“ an den Standorten Goslar, Neustadt am Rübenberge, Osnabrück und Emden sowie „Lernen und Arbeiten 4.0 in der Berufsausbildung“ an den Standorten Lüneburg und Wolfsburg. Sie sollen berufliche Kompetenz bei zukunftsweisenden digitalen Lern- und Arbeitsprozessen vermitteln und zielen auf den Transfer auf andere niedersächsische berufsbildende Schulen ab.

Streiff: Hierzu ist die kontinuierliche Weiterentwicklung der Ausbildungsberufe unverzichtbar. Die Metall- und Elektroberufe sind zum Beispiel in der Rekordzeit von rund einem halben Jahr angepasst worden. Und es gibt einen neuen Beruf: Kaufmann/frau für E-Commerce. Dauern die Anpassungen in anderen Bereichen etwas länger, sollten wir entsprechende Zertifikatslehrgänge anbieten, um die Ausbildung mit modernen und zukunftsorientierten Elementen zu ergänzen. Vor allem Berufsschulen benötigen qualifizierte Lehrkräfte sowie moderne Maschinen und Ausstattungen, mit denen der Nachwuchs die Zukunft der Arbeitswelt kennenlernen kann. Leuchtturmprojekte wie „Lernen und Arbeiten 4.0 in der Berufsbildung“ weisen in die richtige Richtung und sollten schnell übertragen werden.