Digitalisierung ist ein Marathon

Auf dem Laptop ist eine junge Frau mit Headset zu sehen, davor sitzt eine Person, die nur von hinten zu sehen ist.
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Homeoffice und digitale Meetings haben zugenommen während der Corona-Pandemie. Das stellt neue Ansprüche an Führungskräfte und digitale Kompetenzen der Mitarbeitenden. Dennoch: Digitalisierung muss über Homeoffice-Angebote hinaus gehen.

Corona bedeutet für die meisten Unternehmen (starke) Einbußen, doch mehrheitlich sind die Unternehmen zufrieden mit ihrer Wandlungsfähigkeit im Angesicht der Krise. 81% sagen, sie haben auf Corona digital so reagiert wie nötig. Dies ist eine Kernaussage nach 59 individuellen Beratungsgesprächen mit Unternehmen in der Region Lüneburg, die von Mai bis September 2020 von der Digitalagentur Niedersachsen, dem Transferzentrum Elbe-Weser (TZEW) sowie der IHK Stade und unserer IHK Lüneburg-Wolfsburg unterstützt vom Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung geführt wurden.

69 Prozent erwarten Homeoffice auch in Zukunft 

Die meisten Unternehmen sehen aktuelle Problemfelder weniger in der Zuliefererstruktur – die Bezugsquellen sind für 86% der Befragten stabil. Vielen gilt das Marktverhalten als problematisch (78% Zustimmung), nur knapp ein Viertel nimmt die unternehmenseigene Struktur als Herausforderung wahr. Auf die Frage, was sich nach Corona ändern muss, antworten auffällig viele Unternehmen (61%) sie müssten ihren Digitalisierungsgrad weiter erhöhen, Stichwort Homeoffice, das 69% auch in Zukunft regelmäßig erwarten.

Digitalbonus unterstützt Unternehmen

„Die Corona-Pandemie hat als Katalysator für die Digitalisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft gewirkt“, weiß auch Niedersachsens Staatssekretär für Digitalisierung Stefan Muhle. „Home-Office, Home-Schooling und Telemedizin sind Normalität geworden. Als Land Niedersachsen flankieren wir mit unserem Masterplan Digitalisierung seit 2018 die digitale Transformation unserer Betriebe. Zum Beispiel mit dem Förderprogramm Digitalbonus Niedersachsen, mit dem bis zum April 2021 mehr als 5.700 Unternehmen ihre Digitalisierung erfolgreich beschleunigt haben. Aber, Digitalisierung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Im Betrieb würden wir sagen, ein Prozess. Es gilt konsequent dabei zu bleiben und das notwendige Mindset sowie den Willen mitzubringen, um am Ende erfolgreich zu sein.“

Digitalisierung muss über Homeoffice hinaus gehen

Arne Engelke-Denker, Leiter des TZEW, sieht darüber hinaus den Bedarf, dem aktuellen Digitalisierungsschub in den Betrieben mehr Tiefe zu verleihen: „Viele Unternehmen überschätzen ihre eigene Krisenbewältigungsstrategie. In Bezug auf die Veränderungen durch Corona kann die Einführung des Home-Office nicht die einzige Handlungsoption bleiben. Strategische Krisen, die bereits vor Corona bestanden, bestehen weiterhin fort,“ ergänzt Michael Petz, Leitung der Gemeinsamen Innovationsförderung der IHK Stade und der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Er stellt fest, diese Art der „Corona-Digitalisierung“ allein reicht nicht aus.

Auf die Frage, welche Qualifikation Mitarbeitende in Zukunft benötigen, wurde auffallend oft das unternehmerische Denken genannt. Hier sind sich die beiden Technologieförderer einig: Die strukturellen und kulturellen Voraussetzungen für unternehmerische Mitarbeitende sind in vielen Betrieben dafür nicht immer gegeben (kulturell z.B. Misstrauenshaltung gegenüber Homeoffice). Es besteht die Gefahr, dass diejenigen Unternehmen, die in ihrem bisherigen Mindset verharren, ihre Überlebensfähigkeit falsch einschätzen.

Corona hat ganze Marktstrukturen verändert

„Diese Entwicklung ist nicht verwunderlich“, so Michael Petz. In den letzten Jahren haben die Unternehmen, um im internationalen Wettbewerb standhalten zu können, alles auf Optimierung gesetzt. Das war auch richtig und sehr erfolgreich. Corona verlangt jetzt zusätzlich ein hohes Maß an Innovationsfähigkeit. Vor Corona standen viele Unternehmen in einer Vollauslastung, gar Überlastung. Mit Beginn der Krise mussten sie ad hoc reagieren und waren in den meisten Fällen darin auch erfolgreich. Für die Zeit nach der Krise müssen sie nun erneut ihre Innovationsfähigkeit aktivieren. „Hierfür benötigen die Unternehmen weiterhin Unterstützung, denn Märkte werden fälschlicherweise als langfristig stabil eingeschätzt“, so Engelke-Denker, „dabei führt Corona in vielen Branchen zu eklatanten Marktverschiebungen und damit zu tiefgreifenden strukturellen Veränderungen in den nachgelagerten Wertschöpfungsketten der Unternehmen. So zeigt sich etwa der Online-Handel übergreifend als Profiteur der Krise.“

Unternehmen brauchen praxisnahe Unterstützung 

Petz und Engelke-Denker sind sich einig: Unternehmen brauchen die Kapazität und Unterstützung, wieder Unternehmer sein zu können, statt sich mit Regulatorik befassen zu müssen. Nie war Unternehmertum so gefragt wie jetzt nach dieser schwersten Krise, die die Bundesrepublik seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Der Mittelstand wird die Hauptlast der Zukunftsentwicklung tragen. Hierfür braucht er praxisnahe und individuelle Unterstützung. Finanzielle Hilfe von Bundes- und Landesebene ist richtig und wichtig, vor Ort muss es aber zusätzlich gelingen, den Unternehmen konkrete fachliche Hilfe zur Seite zu stellen. Die IHKs und das TZEW werden sich hierfür gemeinsam einsetzen.