„Ein Schaden von 150 bis 300 Milliarden Euro wird bleiben“

Porträt Gabriel Felbermayr
Foto: IfW/Michael Stefan
Gabriel Felbermayr ist seit März 2019 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Herr Prof. Felbermayr, welche Stärken und welche Schwächen der deutschen Wirtschaft hat die Corona-Krise offenbart?
Die mittelständisch geprägte Struktur und starke Exportorientierung machen die deutsche Wirtschaft in der Krise tendenziell anfälliger. Denn Mittelständler können sich in Krisen oft schwieriger finanzieren als Großkonzerne, und die Exportorientierung schadet, wenn internationale Märkte ausfallen. Gleichzeitig schaffen beide Faktoren aber auch Voraussetzungen für eine schnelle Erholung: Mittelständler sind flexibler in ihrer Krisenreaktion, und die Exportorientierung sorgt für eine Erholung der Wirtschaft, selbst wenn es im eigenen Land noch nicht so gut läuft. Das ist aber alles nichts Neues; die deutsche Konjunktur mag volatiler sein als anderswo; was aber zählt ist das durchschnittliche Wachstum. Und da ist die deutsche Bilanz ganz ok.

Wie sieht es beim Thema Digitalisierung aus, hat es hier gezwungenermaßen einen Corona-bedingten Schub gegeben?
Ich sehe die Krise als Trendbeschleuniger. Viele Arbeitnehmer und Unternehmen haben jetzt erstmals Erfahrungen mit Homeoffice und der Nutzung digitaler Arbeits- oder Vertriebsplattformen gemacht. Das gleiche gilt etwa für Lehrer und Schüler und digitale Lernmethoden. Das wird sich dauerhaft auswirken.

Der digitalen Infrastruktur wird eine extrem hohe Bedeutung für die Zukunft zugemessen, über 80 Prozent der Befragten bewerten sie aber als schlecht oder sehr schlecht.

Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Ende 2019 die Nationale Industriestrategie 2030 präsentierte, kritisierten Sie, dass der Fokus auf die Digitalisierung fehle. Inwiefern sehen Sie Nachbesserungsbedarf?
Zum einen in der digitalen Infrastruktur. Eine Befragung von Stakeholdern durch das IfW Kiel im vergangenen Jahr hat ergeben, dass der digitalen Infrastruktur eine extrem hohe Bedeutung für die Zukunft zugemessen wird, über 80 Prozent der Befragten sie aber als schlecht oder sehr schlecht bewerten. Ein ziemlich verheerendes Urteil, denn damit fehlt aus Sicht vieler Akteure die Grundlage, um hierzulande mit digitalen Geschäftsmodellen oder Arbeitsprozessen erfolgreich zu sein. Die Coronakrise ist eine Belastungsprobe der Netze; man sollte zeitnah evaluieren, wo die heftigsten Lücken sind und diese so schnell wie möglich schließen.

Ihre Handlungsempfehlung: Was ist zu tun?
Der Staat kann durch eine Offensive in Forschung und Entwicklung, die möglichst technologieneutral ausgestaltet ist und wo immer möglich auf öffentlich-private Partnerschaft und internationale Kooperation setzt, die Grundlagen für mehr Wachstum schaffen. Dabei muss es nicht immer um Technologieführerschaft gehen, denn die ist teuer und gerade für ein relativ kleines Land wie Deutschland nicht immer die optimale Strategie. Durch eine international vernetzte Grundlagenforschung und die konsequente Einbindung in die internationale Arbeitsteilung kann die deutsche Wirtschaft auch von Innovationen in Bereichen profitieren, in denen sie nicht selbst führend ist.

In der jüngsten Gemeinschaftsdiagnose prognostizieren das Institut für Weltwirtschaft (IfW) und anderen Wirtschaftsinstitute, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2020 und knapp zehn Prozent fallen wird. Welche Spuren wird diese Rezession hinterlassen?
Ein Teil der Produktion kann nachgeholt werden, die Anschaffung eines neuen Joggingschuhs, Fahrrads oder Fernsehers kann auf später verschoben werden. Gerade für Dienstleistungen wie Restaurantbesuche oder Reisen gilt das nicht. Teile der Wertschöpfung werden dauerhaft verloren gehen. Einkommen, die verdient worden wären, werden nicht verdient und dementsprechend auch nicht ausgegeben. Die Rückkehr zu einem Bruttoinlandsprodukt auf das Niveau vor Ausbruch der Corona-Pandemie könnte natürlich kurzfristig höhere Wachstumsraten zur Folge haben, aber ein volkswirtschaftlicher Schaden von ungefähr 150 bis 300 Milliarden Euro in Deutschland wird wohl bleiben.

Ein Teil der Produktion kann nachgeholt werden. Aber für Dienstleistungen wie Restaurantbesuche oder Reisen gilt das nicht.

Welche Branchen trifft es besonders hart?
Es trifft vor allem jene Branchen, deren Geschäft einen engen Kontakt von Menschen mit sich bringt: von der Reise- und Tourismusbranche über alle Arten von Veranstaltungsfirmen bis zu Restaurants oder Kosmetikstudios. Das ausbleibende Geschäft dieser direkt von Gesundheitsauflagen betroffenen Branchen zieht wiederum deren Zulieferer mit in die Krise, die keinen direkten Auflagen unterliegen, denen aber der Absatz fehlt.

Und welche Betriebe werden sich am schnellsten erholen?
Industriebetriebe, die Sicherheitsabstände in der Produktion gut einhalten können, werden sehr schnell wieder die Produktion hochfahren können, sobald sich die Nachfrage erholt. Unternehmen der Lebensmittelindustrie beobachten Verschiebungen der Nachfrage in ihrer Produktpalette, sind aber in der Gesamtnachfrage wenig betroffen. Wer viele Abnehmer in asiatischen Ländern hat, dürfte auch schnell wieder auf alte Niveaus kommen, weil dort die Epidemie voraussichtlich früher überwunden werden kann.

Automobilhersteller und auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil fordern eine staatliche Prämie, um die Branche wieder anzukurbeln und den Wandel zu umweltfreundlichen Antrieben zu beschleunigen. Was halten Sie von solchen Maßnahmen?
Eine Autokaufprämie ergibt ökonomisch keinen Sinn, setzt falsche industriepolitische Anreize und nützt dem Klimaschutz nicht. Wer derzeit ein Auto kaufen möchte, kann dies zu guten Konditionen tun und muss nicht noch durch eine Prämie unterstützt werden. Zudem kommt die Nachfrage bei deutschen Herstellern inzwischen zu fast zwei Dritteln aus dem Export, den eine deutsche Kaufprämie nicht belebt. Industriepolitisch gibt die Politik die notwendige Technologieneutralität auf, wenn sie nur bestimmte Modelle fördert. Fördert sie alle, hält sie den notwendigen Wandel auf. Ökologisch ist die Prämie widersinnig, wenn sie zur vorzeitigen Verschrottung funktionsfähiger Autos führt. Und selbst eine grüne Abwrackprämie dürfte kaum einen messbaren Effekt entfalten, weil Neukäufe von Elektroautos schon jetzt bis zu 6000 Euro staatliche subventioniert sind.

Bund und Länder steuern mit Soforthilfen, Kreditprogrammen und Hilfen für Privathaushalte gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie an. Welche Folgen hat das für den Staatshaushalt?
Schon jetzt planen Bund, Länder und Kommunen mit Mehrausgaben für Hilfspakete von circa 180 Milliarden Euro, das sind ungefähr 5,5 Prozent des für 2020 derzeit erwarteten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Inklusive Haftungsübernahmen umfassen die deutschen Hilfsprogramme fast 1200 Milliarden Euro. Der Staat muss sich für die Krisenbekämpfung hoch verschulden.

Die Lasten der Corona-Krise sollten auf viele Schultern verteilt werden und nicht bei jenen hängen bleiben, die zufällig in einer besonders betroffenen Branche tätig sind.

Welche Risiken sowie mittel- und langfristige Folgen sind damit verbunden?
Hohe Schulden werden vor allem dann zu Problem, wenn es zur nächsten Krise kommt, weil dann dem Staat die Feuerkraft fehlt. Deshalb müssen die Schulden wieder abgebaut werden. Dafür werden staatliche Einsparungen notwendig werden – etwa bei anderen Subventionen an Unternehmen – und es könnte auch zu Steuererhöhungen kommen. Aber bitte erst, wenn die Krise auch wirklich überwunden ist, und unter Einhaltung des Prinzips der Leistungsfähigkeit. Die Lasten der Corona-Krise sollten auf viele Schultern verteilt werden und nicht bei jenen hängen bleiben, die zufällig in einer besonders betroffenen Branche tätig sind.

Rechnen Sie nach dem Ende der Corona-Krise mit einer Neuordnung im Bereich der Absatzmärkte und Lieferketten?
Noch mehr Unternehmen dürfte bewusst werden, dass die einseitige Ausrichtung von Liefer- und Absatzmärkten auf einzelne Lieferanten, Abnehmer oder Regionen hohe Risiken mit sich bringt. Entsprechend werden sie ihre Lieferbeziehungen anpassen. Zudem wird es politisch gefördert werden, kritische Produkte im Gesundheitssektor verstärkt in Deutschland oder Europa zu produzieren, auch wenn ich das für wenig zielführend halte. 

Die Notwendigkeit zur Diversifikation der Lieferketten dürfte eine Lehre sein.

Welche Lehre kann die deutsche Wirtschaft aus der Corona-Krise ziehen?
Die wichtigste Lehre ist es, Pandemien und ihre Folgen als Risikoszenario einzuplanen. Ich gehe davon aus, dass wir auf die nächste Pandemie deutlich besser vorbereitet sein werden, weil Unternehmen, Politik und die Gesellschaft insgesamt viel dazugelernt haben. Dazu könnte auch gehören, dass Geschäftsreisen künftig anderen Risikoabschätzungen unterliegen, was die Reisetätigkeit einschränken dürfte. Und die Notwendigkeit zur Diversifikation der Lieferketten dürfte auch eine Lehre sein. Das einzige Problem: die nächste Wirtschaftskrise wird wahrscheinlich keine sein, die von einem Grippevirus ausgelöst wird, eher vielleicht von einem Computervirus.