Eine ungewöhnliche Nachfolge

Vor dem Tresen im Gasthaus Grätsch stehen Peggy Pries und Ulli Grätsch Rücken an Rücken aneinander gelehnt und lächeln den Betrachter an.
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Peggy Pries kann sich schon jetzt vorstellen, das Gasthaus von Ullrich Grätsch zu übernehmen. Das Nachfolgemodell mit weiteren Partnern gibt ihr die Möglichkeit, finanziell und unternehmerisch nach und nach mehr Verantwortung zu übernehmen.

Es war 2016, als die berufliche Existenz von Ullrich Grätsch plötzlich ins Wanken geriet. „Eine schwere Arthrose im Fußgelenk“, sagt Grätsch. „Der Arzt hat mir deutlich gemacht, dass ich so nicht mehr lange werde weiterarbeiten können.“ Dabei hatte er den Landgasthof in Amelinghausen bei Lüneburg erst zwei Jahre zuvor übernommen, den Laden gerade erst richtig zum Laufen gebracht. Sein Traum war wahr geworden. Und jetzt das. „Es war klar, dass ich einen Nachfolger suchen muss.“

Die Suche nach einem geeigneten Gründer, der den Betriebswert von rund 250.000 Euro für die Übernahme aufbringen kann, entpuppte sich als Herausforderung.

Knapp drei Jahre später sitzt Ullrich Grätsch, ein kräftiger Mann mit grauer Stoppelfrisur und freundlichem Lächeln, am Tisch in seinem Landgasthof Grätsch. Ullrich Grätsch, der am liebsten einfach Ulli genannt wird, trägt Schwarz – Hose, Hemd und Kochschürze. Fast drei Jahre nach der Diagnose verbringt er mindestens sechs Tage die Woche 12 bis 14 Stunden im Gasthof, der im ersten Stock auch zehn Zimmer für Übernachtungsgäste bietet. Denn die Suche nach einem geeigneten Gründer, der den Betriebswert von rund 250.000 Euro für die Übernahme aufbringen kann, entpuppte sich als Herausforderung.

Herausforderung Nachfolge
Schrumpfende Jahrgänge potenzieller Jungunternehmer und der Fachkräftemangel erschweren die Nachfolgesuche, wie aus der IHK-Umfrage „Fokus Niedersachsen“ aus Juni 2018 hervorgeht. Gleichzeitig steht bei der Hälfte der 410 befragten Betriebe in den nächsten zehn Jahren eine Unternehmensübergabe an. Viele davon suchen noch vergeblich, weil kein geeigneter Kandidat in Sicht ist (37,3 Prozent), sie bisher nicht den gewünschten Verkaufspreis erzielen konnten (24,7 Prozent) oder sie noch nicht mal mit der Planung der Übergabe angefangen haben (16 Prozent). Dabei ist die rechtzeitige Vorbereitung besonders wichtig, weiß IHK-Nachfolgemoderator Uwe-Peter Becker, denn: „Eine Unternehmensnachfolge braucht Zeit, mindestens fünf Jahre sollte man einplanen.“

Ulrich Grätsch und Stefan Eickhof sitzen am Tisch. Vor Ihnen auf aufgeklappter Laptop und jede Menge Papiere. Stefan Eickhof (r.) berät Ullrich Grätsch seit Jahren und vor allem, wenn es um Zahlen geht.

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So viel Zeit hat Grätsch wegen seiner Krankheit nicht. Doch den Betrieb ohne geeigneten Nachfolger aufzugeben, kommt für den 56-Jährigen nicht infrage: „Hier steckt so viel Herzblut drin, das würde schon weh tun – auch finanziell.“ Sein Tischnachbar, Stefan Eickhof, nickt. Er ist als Berater mit seinem Unternehmen „Wir gewinnt“ auf Gastronomiebetriebe spezialisiert. Der gelernte Koch und Betriebswirt kennt die Branche seit knapp 30 Jahren und begleitet Ulli Grätsch „immer mal wieder, wenn es um Zahlen geht“, so Eickhof. Als Alternative zur Übergabe bliebe Grätsch lediglich ein Abverkauf des Inventars. „Das würde vielleicht 50.000 Euro einbringen“, schätzt Eickhof.

Übergabe als Beitrag zur Altersvorsorge
Für Grätsch wäre das ein finanzielles Desaster, denn das Geld aus dem Verkauf des Betriebs an einen Nachfolger ist für ihn ein wesentlicher Baustein für die Altersvorsorge. Damit sei Grätsch kein Einzelfall, sagt Eickhof: „Die meisten Gastronomen fangen viel zu spät mit der Altersvorsorge an, wenn sie es denn überhaupt schaffen, etwas dafür abzuzweigen. Deshalb stehen ja auch so viele noch mit 70 in den Küchen.“

Bei Grätsch kommt erschwerend hinzu, dass er und seine Frau Gesa viel investiert haben, als sie das Gasthaus vor fünf Jahren übernommen haben. „Wir haben alles neu gemacht, Wände neu verputzt, Inneneinrichtung, Küche“, sagt Grätsch. Rund 150.000 Euro hätten sie investiert, weitere 30.000 Euro habe der Eigentümer beigesteuert: „Eine so tolle Kooperation mit dem Hauseigentümer kannte ich bis dahin so nicht, das ist schon besonders und hat uns beflügelt.“ Und so kam es auch zu einem eher ungewöhnlichen Nachfolgeplan.

Die Idee: Jeder investiert rund 50.000 Euro und erhält dafür jährlich vier bis fünf Prozent Rendite.

Gasthaus soll GmbH werden
Mit drei weiteren Partnern – darunter der Vermieter des Gasthauses – will Grätsch eine GmbH gründen. Die Idee: Jeder investiert rund 50.000 Euro und erhält dafür jährlich vier bis fünf Prozent Rendite. „Das ist nicht nur in der aktuellen Niedrigzinsphase sehr attraktiv“, sagt Eickhof und blättert in einem Ordner nach den Umsatzzahlen: 270.000 Euro waren es bei der Übernahme des Betriebs 2014 und 380.000 in 2018. „Wenn man von einem durchschnittlichen Nettoumsatz pro Kopf von 15 Euro ausgeht“, Eickhof macht eine kurze Pause, „mehr als 25.300 Gäste pro Jahr sind eine sehr gute Auslastung.“ Insgesamt sei das Geld der Investoren im Gasthaus Grätsch gut angelegt, ist der Finanzexperte Eickhof überzeugt.

Das GmbH-Modell sieht für Grätsch einen Rückzug auf Raten vor: Zunächst bleibt er als geschäftsführender Gesellschafter im Betrieb. „Im zweiten Schritt werde ich dann stiller Teilhaber und im dritten Schritt verkaufe ich meinen Anteil“, sagt der Gastronom.

Ideales Modell für Nachfolgerin

Porträt Peggy Pries Peggy Pries arbeitet bereits seit Dezember im Gasthaus Grätsch und vertritt ihren Chef während seiner Abwesenheit.

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Eine geeignete Nachfolgerin scheint inzwischen auch gefunden: Peggy Pries, die seit Dezember das siebenköpfige Team als Betriebsleiterin, in der Buchhaltung und im Service unterstützt, will sich schon lange mit einem Gastronomiebetrieb selbstständig machen. Doch eine Fehlinvestition habe sie kürzlich einen Großteil ihrer Ersparnisse gekostet, sodass die 250.000 Euro Ablösesumme für das Gasthaus für sie allein zurzeit nicht zu stemmen seien: „Das Modell der GmbH bietet mir die finanzielle und unternehmerische Möglichkeit, nach und nach mehr Verantwortung zu übernehmen. Das ist ideal.“

Attraktiv ist der Gasthof mit seinem Mix aus Gastronomie und Hotellerie für Nachfolgerin Pries auch wegen seiner Lage nahe der Lüneburger Heide: 2017 wuchsen die Übernachtungszahlen in den Landkreisen Harburg, Celle, Uelzen, Heidekreis und Lüneburg nach Angaben des statistischen Landesamts um 67.420 gegenüber dem Vorjahr auf einen Rekordwert von insgesamt 5.565.687.

Deutsche Küche und Rock ’n‘ Roll
„Vor allem während der Saison kommen viele Touristen, ansonsten haben wir vor allem Stammkunden aus der Umgebung, die uns wegen unserer guten Küche und den Veranstaltungen treu sind“, sagt Grätsch. Einen Eindruck von den Veranstaltungen vermitteln Fotos des Wirts und seiner Band im Flur des Gasthauses. Grätsch, der in der Küche auf einen bodenständigen Mix regional-saisonaler Gerichte („Deutsch mit leicht mediterranem Flair“) setzt, spielt auf der Bühne nur eines: Rock ’n‘ Roll.

Vielleicht ist unser Modell ja auch eine Lösung für andere Betriebe und Branchen im ländlichen Raum.

„Das Gasthaus Grätsch hat sich in der Szene einen Namen gemacht und unsere Veranstaltungen sind immer gut besucht“, nennt Ulli Grätsch einen weiteren Pluspunkt für seinen Nachfolger. „Die Leute hier waren wirklich besorgt, als ich ihnen sagte, dass ich den Betrieb aufgeben werde müssen.“ Viele Alternativen bietet der kleine Ort Amelinghausen nicht, das Gasthaus Grätsch bedeute für die Gäste somit auch ein Stück Lebensqualität. „Ich freue mich deshalb, dass wir jetzt einen guten Weg für alle gefunden haben. Und vielleicht ist unser Modell ja auch eine Lösung für andere Betriebe und Branchen im ländlichen Raum.“

Ihre IHK-Ansprechpartner zur Unternehmensnachfolge

Für Senior-Unternehmer
Uwe-Peter Becker, Tel. 0160 7439638, becker@lueneburg.ihk.de

Für Gründer
Sabine Schlüter, Tel. 04131 742-193, schlueter@lueneburg.ihk.de

Weitere Informationen zur Unternehmensnachfolge: ihk-lueneburg.de/nachfolge