Essen mit Vertrauen

Foto: trust your food

„Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, schrieb der französische Autor und Gastrokritiker Jean Anthelme Brillat-Savarin in seinem Werk über die „Physiologie des Geschmacks“. Ganz so weit würden Anja und Markus Wölk wohl nicht gehen. Aber dass gute Ernährung mehr ist als ein abwechslungsreiches Mahl auf dem eigenen Teller, das war der Ausgangspunkt ihrer Geschäftsidee. „Gute Ernährung ist für unsere Gesundheit wichtig, aber auch für unsere Umwelt“, so Markus Wölk.

Frisch geerntetes saisonales Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau, kurze Lieferwege, keine Einwegverpackungen – „es klingt so einfach, aber beim Einkaufen zeigt sich: das ist es nicht.“ Denn: Wie „regional“ sind Karotten, die 300 Kilometer entfernt angebaut und geerntet wurden? Entsprechen als „Bio-Mangos“ deklarierte Früchte aus Südamerika den strengen Kriterien heimischer Bio-Siegel? Wie nachhaltig sind in Plastik verpackte Tomaten aus kontrolliert biologischem Anbau? Wie frisch die Paprika? „Wir selbst fanden es beim Einkaufen jedes Mal sehr kompliziert, das alles abzuwiegeln und zu recherchieren“, so Markus Wölk. Zur Lösung dieses Problems gründeten seine Frau Anja und er zusammen mit Umweltwissenschaftlerin Lena Bettin und Demeter-Landwirt Hendrik Harwege aus Dahlenburg in Küsten, Landkreis Lüchow-Dannenberg, die Trust your food GmbH. Ihr Ziel: Klassische Handelswege umgehen und stattdessen ein solidarisches System mit regionalen Netzwerken und Bio-Landwirten vor Ort schaffen. Wölk: „Unser Firmenname zeigt, was für unsere Mitglieder besonders wichtig ist: Vertrauen.“

Gründer wollen bis Hamburg und Schwerin liefern

Die beiden Frauen hatten sich bei einem Seminar zum Thema nachhaltige Ernährung an der Leuphana Universität Lüneburg kennengelernt und an einem Forschungsprojekt gearbeitet, welches das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft weiterentwickeln sollte. Auf Basis dessen entstand schließlich „Trust your food“.

Am 4. Juni 2020 lieferten sie die ersten Gemüse-Lieferungen nach Lüneburg und ins Wendland aus. Aktuell machen die vier Gründer von der Kommissionierung bis zur Auslieferung noch alles selbst. Doch schon bald wollen sie weitere Arbeitsplätze schaffen, außerdem benötigen sie Transportwagen, wollen das Liefergebiet nach Hamburg und Schwerin ausbauen und die Software weiter entwickeln. „Langfristig wünschen wir uns dann unsere eigene Lagerhalle“, so Markus Wölk. Plan ist es, 2600 Mitgliedsanteile zu vergeben, kurzfristig rechnen sie mit rund 500.

Für die Finanzierung hat „Trust your food“ eine Crowdfunding-Kampagne über Heidecrowd genutzt. Die Regionalplattform für Crowdfunding im nordöstlichen Niedersachsen gehört zur bundesweiten Plattform Startnext. Die Gründer hatten sich in unserer Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) beraten lassen und auch über Gründerplattform Gründergold von unserer IHKLW und der Leuphana Universität Lüneburg informiert.

„Aktuell sind wir dabei, institutionelles Beteiligungskapital sowie Kredite mit Banken zu verhandeln“, so Markus Wölk. „Mit unserer Philosophie und dem Anspruch unserer Kunden gucken wir jetzt genau, welche Investoren und Business Angels für uns in Frage kommen. Denn unsere Glaubwürdigkeit ist enorm wichtig.“ Die ersten Monate konnten Wölk und die anderen mit Hilfe des Gründungsstipendiums der NBank (Investitions- und Förderbank des Landes Niedersachsen) überbrücken. Ein richtiges Gehalt haben sich die vier bislang nicht ausgezahlt.

Faire Preise für die Landwirte und die Kundschaft

Ursprünglich sei der Plan gewesen, Anfang 2021 in Berlin zu starten. „Kurz vor dem Lockdown haben wir noch die ersten Gespräche mit Landwirten im Berliner Umland geführt“, erinnert sich Markus Wölk. „Als dann klar wurde, dass wir diesen Plan erst einmal nicht weiter verfolgen können, haben wir uns umentschieden und direkt in Lüneburg gestartet. Das war alles ziemlich spontan und improvisiert.“ Doch es funktionierte, aktuell fährt „Trust your food“ rund 60 Ernteanteile aus. Ein Ernteanteil ist so berechnet, dass ein Erwachsener davon satt wird: Pro Woche durchschnittlich vier Kilogramm Bio-Gemüse für aktuell zum Beispiel 107 Euro im Monat.

Von der klassischen „Grünen Kiste“, die man bei immer mehr Höfen abonnieren kann, unterscheidet sich „Trust your food“ vor allem dadurch, dass solidarisch mit mehreren Landwirten fest zusammen gearbeitet wird. „Im Gegensatz zu vielen Anbietern solcher Abos kaufen wir keine Waren dazu, sondern teilen die frische Ernte unserer Landwirte unter allen Mitgliedern auf. Bei uns verdienen die Landwirte mehr als bei anderen Abnehmern. Kunden können Ernteanteile erwerben, zahlen ebenfalls faire Preise und wissen genau, welche Produkte sie wann erhalten“, so Markus Wölk.

Wer sich ein eigenes Bild vor Ort machen möchte, kann die Landwirte sogar besuchen und bei der Lebensmittelproduktion helfen. Als regional gilt alles im Umkreis von 75 Kilometern, derzeit kooperiert das Startup mit elf Landwirten. Geliefert wird in waschbaren Baumwollbeuteln.

„Wir alle essen. Und wir haben die Wahl – bei jeder Mahlzeit können wir uns dafür entscheiden, etwas für den Klimaschutz zu tun“, lautete die Beschreibung zur Crowdfunding-Kampagne. Diese Entscheidung zu vereinfachen, um eine gesunde und ökologisch nachhaltige Ernährung für alle zu ermöglichen – nicht mehr und nicht weniger wollen die vier Gründer von „Trust your food“.