Fair und nachhaltig wohnen

Foto: tonwert21.de

Es ist ein Vorzeigeprojekt: Wie man einen Standard-Wohnblock der Sechziger Jahre komplett barrierefrei umbauen kann, demonstriert die Wohnungsbaugenossenschaft Soltau (WGS) auf der Baustelle an der Pestalozzistraße. Die beiden Treppenhäuser in dem vierstöckigen Komplex werden entfernt und durch Aufzüge ersetzt, die vom Keller bis ins Dachgeschoss reichen. In Anbauten werden neue Treppenhäuser untergebracht, auch in den Wohnungen können sich die Bewohner künftig ohne Hindernisse bewegen.

Auf das Ergebnis ist Geschäftsführer Ralf Gattermann jetzt schon stolz:  „Wir investieren  hier über eine Million Euro in Umbau und Sanierung.“ Für die Menschen, die hier wohnen, bedeute der Umbau nicht nur ein Plus an Komfort, sondern vor allem eine Perspektive: „Unsere Mieter haben den Wunsch, möglichst lange in ihren vier Wänden zu bleiben. Das möchten wir unterstützen.“

Am Thema Barrierefreiheit kommt in einer alternden Gesellschaft kein Immobilienunternehmen vorbei. Das gilt für die WGS umso mehr. Denn: Wer einmal eine der günstigen Genossenschaftswohnungen ergattert hat, der zieht so schnell nicht wieder aus. Mit aktuell 743 Mietwohnungen im Bestand ist die WGS der größte Anbieter auf dem Soltauer Wohnungsmarkt, dazu verwaltet das Unternehmen 115 Eigentumswohnungen. 20 Mietparteien leben schon seit mehr als 50 Jahren in ihren Wohnungen. Zu runden Jubiläen kommt Gattermann nicht nur mit einem Präsentkorb vorbei, auch Mieterfahrten und Mitgliederversammlungen werden rege genutzt. „Es ist trotz der Größe immer noch ein bisschen familiär“, sagt er.

Das liege nicht nur an gewachsenen Nachbarschaften, sondern auch am Genossenschaftsprinzip: „Unsere Mieter sind als Mitglieder der Genossenschaft immer zugleich auch Eigentümer. Sie sind das Unternehmen. Sie bestimmen, wie Gewinne eingesetzt werden.“ Das Genossenschaftsmodell aus dem 19. Jahrhundert sei heute zeitgemäßer denn je,  findet der Geschäftsführer und nennt Argumente: „Niemand zieht hier Einnahmen raus, Gewinne werden reinvestiert, Mietpreisexplosion und Eigenbedarfskündigungen kann es nicht geben.“

Die Gründung der Soltauer Genossenschaft am 11. März 1919 war eine Reaktion auf die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg. Der Start verlief schleppend. In der Birkenstraße wurden zwar die ersten Wohnungen errichtet, doch Inflation und Krieg stoppten die Bautätigkeit. Erst in den Fünfziger und Sechziger Jahren wurde unter finanzieller Beteiligung ortsansässiger Unternehmen rege gebaut: In 15 Jahren entstanden über 500 Wohnungen, die für die zahlreichen Flüchtlinge und den wachsenden Wirtschaftsstandort Soltau dringend gebraucht wurden.

Weil Ansprüche und Technik sich schnell wandelten, investiert die WGS schon seit den Siebziger Jahren kontinuierlich in den Bestand. Zuerst in Zentralheizungen und Bäder, heute in die energetische Sanierung: Dämmung, Fenster, Dächer. Balkonanbauten erhöhen die Wohnqualität und werten als bunte Farbtupfer die Fassaden auf. Rund 2,4 Millionen Euro flossen allein im letzten Jahr in die Modernisierung.

Verstärkt steht jetzt wieder der Neubau im Fokus. Grund ist die hohe Nachfrage. Wer eine Wohnung sucht, landet bei der WGS erst einmal auf der Warteliste. „Die Stadt entwickelt sich positiv. Da wollen wir natürlich dabei sein“, sagt Gattermann. Wohnen in einer Genossenschaftswohnung heißt dabei längst nicht mehr Wohnblock von der Stange: Am Stadtpark entsteht in Top-Lage eine Stadtvilla mit sechs Wohnungen. Im Norden wird ein Gebiet mit 200 Wohnungen entwickelt, 60 davon baut die WGS mit einem Investitionsvolumen von 13,5 Millionen Euro. Geplant ist ein Mix von kleinen und großen Einheiten. Die Spannbreite reicht damit künftig von öffentlich gefördertem Wohnraum bis zum Villen-Chic. „Der Leitgedanke ist ja, für jede Lebenshase gutes Wohnen zum sozial verträglichen Preis anzubieten“, sagt Gattermann.

Das gelingt der WGS seit 100 Jahren durch kluge Investitionen und die nötige Weitsicht. Also bleibt Gattermann auch angesichts der Rekordsummen entspannt. „So kann es gerne weitergehen. Denn fairer und nachhaltiger als mit dem Genossenschaftsmodell geht Wohnen nicht.“