Fünf vor zwölf

Diplom-Meteorologe Sven Plöger
Foto: Sebastian Knoth

Herr Plöger, wie oft werden Sie eigentlich auf der Straße auf das Wetter angesprochen?
Zum Mülleimer und zurück komme ich noch ohne Wetterfragen. (lacht) Im Ernst: Ich werde sehr oft auf das Wetter angesprochen. Das stört mich aber nicht, denn die Menschen sind eigentlich immer sehr nett. Und es entwickeln sich oft auch angenehme Gespräche dabei. So oder so sollte es mich nicht erstaunen, als Wettermann erkannt zu werden: Ich feiere in diesem Jahr mein 20-jähriges Dienstjubiläum. In der langen Zeit konnten sich die Fernsehzuschauer mein Gesicht ein bisschen einprägen.

Wollten Sie schon immer Wetterfrosch werden?
Ich war schon immer sehr wetterbegeistert. Mein Blick ging ständig in die Luft. Als kleiner Junge habe ich oft auf dem Balkon gesessen, um Gewitter zu beobachten. Dennoch war mein erster Berufswunsch Pilot. Aber ich bin ein bisschen fehlsichtig, wie man an meiner Brille sieht und so  habe ich stattdessen ein Meteorologie-Studium begonnen – mit dem Ziel, Wettervorhersagen für Piloten zu machen und der Fliegerei auf diesem Weg etwas verbunden zu bleiben. Aber die Wetteranalysen auf Flughäfen wurden immer mehr automatisiert. Daraufhin habe ich mich in der sonstigen Wirtschaft umgeschaut. Und dann bin ich durch Zufall im Fernsehen gelandet.

Man kennt Sie aus den Nachrichten. Ein paar Minuten vor der Kamera. Wie sieht Ihr Arbeitstag hinter der Kamera aus?
Die Zeit vor der Kamera ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeitszeit. Wenn ich abends in den Nachrichten diverser Sender Wettervorhersagen präsentiere, beginnt mein Tag im Büro in der Regel um 16 Uhr und endet kurz vor Mitternacht. Je nach Wetterlage gibt es aber auch mal längere Arbeitstage: Beim Orkan Kyrill gab es zum Beispiel einen Tag mit über 20 Stunden am Stück. Vor den TV-Aufzeichnungen werte ich zusammen mit einem Kollegen die Wettermodell-Daten aus. Wir interpretieren diese Rohdaten und erstellen die Vorhersage. Außerdem bereiten wir immer ein sogenanntes „Hello“ vor. Das heißt: In jeder Sendung vertiefen wir ein bestimmtes Thema, um über das „Vorlesen“ von Wetterkarten deutlich hinauszugehen. Ungefähr acht Tage dieser Art gibt es für mich in einem Monat. Das ist also nur ein kleiner Teil dessen, was ich mache. Ich bin als Vortragsreisender viel unterwegs. Und ich bin Teil diverser Dokumentations-Sendungen. Für die Reihe „Wo unser Wetter entsteht“ bereiten wir zum Beispiel gerade die dritte Staffel vor. Außerdem habe ich vier Bücher geschrieben. Mein Arbeitstag ist also immer recht variabel.

Ein heißer, trockener Sommer liegt hinter uns. Extreme Wetterphänomene häufen sich. Sind wir mittendrin im Klimawandel?
Ja, wir sind tatsächlich mittendrin. Es gilt aber immer: Jedes Wettergeschehen ist zunächst erstmal Wettergeschehen. Auch früher hat es schon mal stark geschneit, auch früher gab es schon mal einen heißen Sommer. Aber wir haben einen klaren Trend: Die Extrema nehmen zu. Die Klimawerte verschieben sich hin zu den Randwerten, die immer extrem ausfallen. Unsere Klimamodelle sagen uns schon seit 20/30 Jahren genau diese Prozesse voraus.

Können wir in Zukunft noch mehr Hitzesommer und Rekord-Schneemassen erwarten?
Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß. Aber wir dürfen an der Stelle nicht sofort von heute auf morgen schließen. Ein sehr heißer Sommer oder ein sehr schneereicher Winter lassen noch nicht darauf schließen, dass es im nächsten Jahr auch so sein wird. Es kann sogar das Gegenteil passieren: 2017 gab es in Norddeutschland zum Beispiel einen sehr regnerischen Sommer, gefolgt von dem Hitzesommer 2018. So viel Schnee wie in diesem Jahr gab es in den Alpen zuletzt vor 20 Jahren. Wir wissen also nur: Das Wetter ist sehr variabel und neigt zunehmend zu den Extremen. Das ist ein klarer Klima-Trend. Und vor allem: Das Wetter hat eine unglaublich hohe Beständigkeit entwickelt, denn die Hochs und Tiefs wandern im Mittel langsamer als früher. Sie sind also länger da. Und wenn ein Hoch länger da ist, dann haben wir so einen Sommer wie im vergangenen Jahr. Und einem lang anhaltenden Tief ist auch der viele Schnee in den Alpen Anfang des Jahres zu verdanken. Die Zirkulation, die Bewegungen von Hochs und Tiefs, hat sich verändert. Warum? Wetter und damit Luftströmungen – also Wind – gibt es deswegen, weil die Natur stets bemüht ist, Temperaturunterschiede auszugleichen. Sind sie groß, gibt es im Mittel viel Wind, werden sie geringer, so wird der Mittelwind entsprechend schwächer. Weil sich die polaren Breiten durch den schnellen Rückzug des arktischen Eises nun sehr stark erwärmen, nimmt der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol natürlich ab und das führt am Ende zu Abschwächung des Jetstreams, einem Starkwindband in der Höhe, das die Hochs und Tiefs am Boden antreibt. Ist dieser Antrieb schwächer, ziehen die Drucksysteme natürlich langsamer oder bleiben sogar stehen. Genau hierdurch werden wir in den kommenden Jahren voraussichtlich extreme Wetterphänomene immer häufiger erleben werden.  

Wie weit im Voraus können Sie seriöse Wetterprognosen formulieren?
Drei Tage lassen sich sehr gut voraussagen. Heute ist die Prognose für die kommenden drei Tage so gut wie 1985 eine Prognose für den Folgetag. Der Blick auf eine Woche im Voraus ist gerade noch möglich. Man kann zumindest ungefähr mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent sagen, wo es hingeht. Ein Temperatur-Trend lässt sich für 14 Tage benennen. Generell liegt man bei der Prognose für den kommenden Tag mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit richtig. Das heißt aber auch: Zehn Prozent sind falsch. Das Falsche bleibt natürlich in Erinnerung. Wenn ich für morgen Trockenheit voraussage und es bleibt trocken, denken die Zuschauer gar nicht über mich nach. Wenn es allerdings am nächsten Tag regnet, dann erinnern sich Zuschauer ziemlich stark an meine Fehlprognose. Unseriös sind Jahreszeit-Prognosen. Vorhersagen für den kommenden Sommer oder Winter sind noch nicht möglich, auch wenn es dazu interessante Forschungsarbeiten gibt, die etwa einen Blick auf Meeresströmungen und deren Zirkulation werfen.

In der Vergangenheit gab es viele Klimagipfel. Abkommen und Ziele wurden formuliert. Viele Worte, wenig Taten. Lässt sich die Erde noch retten?
Theoretisch können wir unser Zwei-Grad-Ziel erreichen und die globale Erwärmung begrenzen. Soweit wir die Zusammenhänge wissenschaftlich heute verstanden haben, passen noch 720 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre, bevor wir das Ziel reißen. Derzeit emittieren wir pro Jahr rund 36 Milliarden Tonnen. Dividiert man die beiden Zahlen, so ergeben sich 20 Jahre. Noch ist es also nicht fünf nach zwölf, sondern eben fünf vor zwölf. Aber das bedeutet, dass wir die verbleibende Zeit jetzt wirklich nutzen müssen, um die Dinge umzusetzen, die auf der politischen Ebene in Paris 2015 ausgehandelt wurden. Und hier bin ich in der Praxis zumindest sehr unsicher, ob es uns trotz der sehr divergenten Interessen verschiedenster Gruppen und Länder gelingt, das Reden in konstruktives Handeln umzuwandeln. Wichtig ist es, zwei Dinge parallel zu tun: Sich an den Klimawandel, den wir jetzt schon haben, anzupassen – etwa durch Hochwasserschutz aber auch Bewässerungssysteme – und gleichzeitig die langfristige Lösung, nämlich die Vermeidung von Treibhausgasemissionen, nicht aus den Augen zu verlieren. Sich lediglich auf das Abwehren der Symptome zu konzentrieren und dabei die Ursache nicht zu bekämpfen, wird am Ende ein unbezahlbarer Weg sein. Gerade die Ärmsten der Welt werden dabei schon früh auf der Strecke bleiben. Die Klimagipfel sind gute Möglichkeiten, sich darüber auszutauschen. Medial wird vor allem während der Konferenz selbst berichtet, die Umsetzung der Maßnahmen steht danach weniger oder gar nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung. In Fachmagazinen erfährt man dazu oft mehr. Ich will damit sagen: Es geschieht weit mehr als man denkt. Aber wir sehen auch: Die Emission geht nicht zurück, weil jedes Land seinen Lebensstandard stets weiter verbessern will. Das geht einher mit mehr Ressourcenverbrauch pro Kopf. Wir sind nicht wirklich bereit, Einschnitte zu machen. Verbal geben wir uns alle immer sehr umweltbewusst. Aber der Widerspruch zwischen Reden und Handeln ist leider oft viel zu groß. Ein Beispiel: Immer mehr Menschen sprechen davon, wie wichtig ein vernünftiger Umgang mit unserer Umwelt ist und gleichzeitig sind die riesigen Geländewagen, die über unsere Straßen brausen, das mit Abstand am stärksten wachsende Segment der Autoindustrie. Hier werden die größten Gewinne gemacht, weil sich diese Fahrzeuge am besten verkaufen. Das passt nicht zusammen. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir Klimawandel nicht immer nur mit Verzicht gleichsetzen. Damit wird man die Masse nicht begeistern und einige Idealisten alleine werden die Situation im Ganzen nicht großartig verändern können. Wir müssen es schaffen, begeisternde Aspekte nach vorn zu stellen. Eine Fahrt mit einem Elektromotorrad etwa durch Amerika kann Spaß machen. Ein Haus mit Solarzellen, Wärmepumpen und Infrarotheizung lässt sich von Ferne steuern und produziert Energie, mit der man Geld einnehmen kann.

Donald Trump leugnet den Klimawandel. Wie nehmen Sie uneinsichtigen Klimawandel-Zweiflern den Wind aus den Segeln?
Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn Menschen an Dingen, die sie gesagt bekommen auch einmal zweifeln. Das entscheidende ist aber, wie man seine Zweifel ausräumt. Und da gibt es leider Leute, die aus den verschiedensten Gründen jegliche menschliche Beteiligung ablehnen. Inhaltlich ist das selbst ohne naturwissenschaftliche Überlegungen erstaunlich, sehen wir doch überall auf dieser Welt unseren oft negativen Einfluss auf die Umwelt. Warum sollte lediglich die Atmosphäre – völlig egal was wir mit ihr machen – stets immun sein gegen unseren Einfluss. Die Anzahl unbeirrbarer Skeptiker, die jegliche Argumente aus der Physik, der Klimaforschung und der Meteorologie – oft ohne naturwissenschaftliche Vorgänge inhaltlich zu durchdringen – mit alten, längst widerlegten „Argumenten“ abweisen nimmt zwar ab, aber diejenigen, die bei ihrer Meinung bleiben werden immer lauter und erhalten meines Erachtens ein viel zu großes mediales Forum. Angefangen bei Trump. Aber auch dessen Ära wird einmal zu Ende sein und mich freut es, dass viele Staaten der USA, allen voran Kalifornien, ihrem Präsidenten inhaltlich in keiner Weise folgen. Letztendlich bin ich aber kein Missionar, sondern versuche schlicht und einfach, Zusammenhänge zu erklären – inhaltlich, faktenbasiert, nicht ideologisch.

Fast jeder hat mindestens eine Wetter-App auf seinem Smartphone. Ist Ihr Berufsbild bedroht?
Ich kann natürlich nicht in die ferne Zukunft schauen. Aber ich glaube, dass Wetter-Experten weiterhin gefragt sein werden. Wer sonst soll Wetterphänomene einordnen, einschätzen und erklären? Das Interesse daran ist groß. Ich bekomme unglaublich viele Mails von Zuschauern, die mir Fragen zur Meteorologie stellen. Mit Antworten komme ich kaum mehr hinterher. Diese vielen Fragen haben mich übrigens auf die Idee gebracht, ein Buch zu schreiben. Ich erreiche täglich rund fünf Millionen Menschen mit meinen Wetterprognosen im Fernsehen. Insofern hat der Beruf des Meteorologen auf jeden Fall seine Berechtigung. Wetter-Apps sind eine gute Ergänzung. Das eine schließt das andere nicht aus: Abends schaue ich mir den Meteorologen an, der zusätzlichen Input liefert und Phänomene einordnet. Im Laufe des Tages sagt mir die Wetter-App, was ich für einen bestimmten Ort für einen bestimmten Zeitpunkt wissen will. Ein gutes Gesamtpaket.

Viele Eicheln im September, viel Schnee im Dezember. Was halten Sie von Bauernregeln?
Bauernregeln sind interessant. Sie zeigen die Sorgfältigkeit von Menschen, Dinge zu beobachten und Regeln abzuleiten. Aber sie sind für Wettervorhersagen nicht geeignet. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bauernregel zutrifft, liegt bei unter 70 Prozent. Zur Einordnung: Die simple Vorhersage „Morgen ist es wie heute“ liegt schon bei einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Nur eine Bauernregel trifft mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent zu: die Siebenschläfer-Regel. Wenn es am Siebenschläfer-Tag regnet, ist der Hochsommer meist eher wechselhaft. Der Grund dafür ist das Azoren-Hoch. Ende Juni entscheidet sich oft, ob das Hoch in den Norden zieht oder ob weitere Tiefs durchziehen.

Heißer Sommer, stürmischer Winter: Welche Jahreszeit/welche Wetterphänomene sind für Sie nach all den Jahren als Meteorologe am spannendsten?
Die kommende Jahreszeit ist für mich immer die spannendste Jahreszeit, weil sie natürlich schon am längsten zurückliegt. Unter den Wetterphänomenen ist aus meiner Sicht der Hurrikan, der Tornado oder das Schwergewitter die Nummer eins. Unwetter haben eine unglaubliche Ästhetik und es entladen sich unglaubliche Kräfte in der Atmosphäre – es ist immer eine riesige Herausforderung, ein Unwetter gut vorherzusagen. Wildes Wetter fasziniert mich komplett. Aber nicht falsch verstehen: Ich hoffe natürlich immer, dass dabei niemandem etwas passiert.