Für alle Felle

Nadine und Gerolt Heitmann stehen vor einen Fell
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Nadine Heitmann hat 2014 die Geschäftsführung von ihrem Vater Gerolt Heitmann übernommen. Mit ihr steht in sechster Generation nicht nur die erste Frau an der Spitze des Unternehmens aus Schneverdingen, sondern erstmals auch eine Kauffrau und kein Handwerksmeister.

Schon als Baby sammelte sie erste Berufserfahrungen. „Selbstverständlich lag ich auf einem Schaffell“, sagt Nadine Heitmann. „Das ist temperaturausgleichend, wärmt also im Winter und verhindert Schwitzen im Sommer. Und es ist einfach wunderbar kuschelig.“ Dass sie drei Jahrzehnte später als Geschäftsführerin die Heitmann Felle GmbH in Schneverdingen übernommen hat, liegt jedoch nicht am Kuschelfaktor. „Früher konnte ich mir das für mich nicht vorstellen“, sagt die 37-Jährige, „aber dann hat es sich doch so ergeben.“

2014 trat Nadine Heitmann in die Fußstapfen ihres Vaters Gerolt Heitmann, der 2019 offiziell aus dem Familienunternehmen ausschied. Somit steht in sechster Generation nicht nur die erste Frau an der Spitze, sondern erstmals auch eine Kauffrau und kein Handwerksmeister. Ein klares Zeichen für den Wandel, den das Unternehmen genommen hat: Durch 200 Jahre ging es von der Gerberei zum Großhandel, von zeitweise 150 Angestellten bis zum heutigen 15-köpfigen Team, von den großen Trögen, in denen Felle gegerbt wurden, bis zum Großlager.

Wilhelm Heitmann hatte die Gerberei 1820 gegründet, später kam eine Kürschnerei für Edelpelze hinzu. Produziert wurden Pelzfelle und Leder für die Schuhherstellung. 1964 übernahm Gernot Heitmann und baute für die Lederpelzfabrik eine neue Produktionshalle am Ortsrand. Jahrzehnte florierte und wuchs das Unternehmen – bis das Gerberhandwerk zunehmend unter Druck geriet. Schuhfabriken orderten ihr Material im Ausland, wo die Produktion günstiger war. Sohn Gerolt Heitmann gab die Gerberei 2004 endgültig auf. „Wir haben länger durchgehalten als viele andere“, sagt der 67-jährige Gerbermeister. „Mit dem Verschwinden der Gerbereien verschwindet auch unser Berufsstand.“

Jammern aber war Heitmanns Sache nie. Er verkaufte nicht nur seine Maschinen an Partnerfirmen in Südamerika und China, sondern er schulte auch das dortige Personal. So sei die hohe Qualität der Heitmann-Felle gesichert, sagt Nadine Heitmann: „Wir verkaufen nur 1a-Ware, die vernünftig gegerbt und fehlerlos ist.“ Heute kümmert sich ihr Ehemann Oliver Heitmann um den Einkauf, sucht vor Ort die Ware aus, die zumeist von Tieren aus Südamerika und Australien stammt.

Im Lager, das bald wieder um eine Halle wachsen soll, wird es somit immer voller: 60.000 Lamm- und 15.000 Rinderfelle sind ständig vorrätig, dazu Hausschuhe, Handschuhe, Teppiche, Felle in Pastellfarben. Und natürlich: die langhaarigen Felle der Heidschnucken.

Rinderfelle liegen in einem Lager. Die Produkte aus Schaf- und Rinderfell werden heute sogar in die Alpen verkauft.

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„Früher machte mein Vater immer seine Heide-Runde und lieferte unsere Heidschnucken-Felle an die Souvenirgeschäfte aus“, erinnert sich Nadine Heitmann. Die meisten dieser Geschäfte gibt es nicht mehr. Dafür liegen Heidschnuckenfelle heute auch auf einer Alm in den Alpen oder in stylischen Großstadt-Hotels. Denn als Großhandel beliefert Heitmann Kunden in 38 Ländern. Große Möbelhäuser und Versandhändler sind dabei, aber auch Innenarchitekten und Markthändler, die Fellprodukte auf Mittelalter- oder Weihnachtsmärkten anbieten.

„Unsere Babyschiene mit Schaffellen lief immer gut. Aber als Accessoire liegen Felle erst seit ein paar Jahren wieder voll im Trend“, sagt Nadine Heitmann. Wer Wert auf natürliche Materialien lege, der setze beim Einrichten auf Felle. Deren Unbedenklichkeit lässt sich Heitmann regelmäßig bestätigen. „Viele unserer Produkte sind zertifiziert nach dem Ökotex-Standard“, sagt Nadine Heitmann. Sie wäre auch ohne das Urteil aus dem Labor immer von den Vorteilen des Naturmaterials überzeugt. Mittlerweile darf das auch die siebte Heitmann-Generation spüren. Klar, dass Söhnchen Anton (2) auf Schaffell gebettet wird. „Es gibt einfach nichts Besseres.“