„Für das Gründen muss man brennen“

Felix Thönnessen
tonwert21.de

Unternehmensberater gibt es viele. Was unterscheidet Sie von den anderen?
Die Berufsbezeichnung Unternehmensberater ist in Deutschland kein geschützter Begriff. Das heißt: Theoretisch kann sich jeder Mensch Unternehmensberater nennen. Entsprechend viele Berater gibt es bundesweit. Ich verstehe mich vor allem als Keynote-Speaker und Start-up-Coach. Diese Tätigkeit lebt von den Erfahrungen, die ich selbst in den vergangenen zwölf Jahren gesammelt habe. Mein Team und ich durften über 1.500 Gründer und Start-ups beraten. Diese Erfahrung ist das, was unsere Qualität ausmacht und uns von anderen Beratern abhebt.

Sie selbst haben sich nach Ihrem Studium recht schnell mit einer Beratungsfirma selbstständig gemacht. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Ich war nach meinem Studium zwei Jahre lang angestellt. Dabei habe ich festgestellt: Diese Art der Anstellung ist nichts für mich. Ich wollte etwas Eigenes. Deshalb habe ich mich schon mit 26 Jahren selbstständig gemacht.  

Haben Sie selbst einen Mentor, der Sie auf Ihrem Weg begleitet?
Ich hatte verschiedene Mentoren. Mein persönlich größter Mentor war mein eigener Großvater, der ein erfolgreiches Familienunternehmen aufgebaut hat und mir viele hilfreiche Tipps mit auf den Weg gegeben hat. Und ich war auch ganz am Anfang bei der Gründungsberatung einer IHK. Ich habe also schon früh den Austausch mit anderen gesucht.

Arbeitnehmer in Schweden bekommen sechs Monate frei um ein Start-up gründen zu können. Ist es Ihrer Meinung nach eine denkbare „Wirtschaftsbooster“ -Variante die in Deutschland funktionieren könnte?
Die Gründungszahlen sind in Deutschland seit vielen Jahren rückläufig. Anreize auf staatlicher Ebene könnten helfen, mehr Menschen zum Gründen anzuregen. Das wäre auf jeden Fall begrüßenswert. Bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es seit einiger Zeit zum Beispiel ein sogenanntes Gründerstipendium, das Gründer mit einem bestimmten Beitrag für einige Monate unterstützt. Man braucht für jede Art der Gründung ein gewisses Startkapital. Der Aufbau eines Unternehmens kostet Geld, Zeit und Energie – und bringt in Deutschland einen großen bürokratischen Aufwand mit sich. Hilfe in dieser Phase wäre auf jeden Fall sehr positiv – und würde sicher auch mehr Menschen den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern.

Sie waren in den ersten vier Staffeln der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ Coach für die Start-ups. Welche Tipps geben Sie Jungunternehmern mit auf den Weg?
Über Erfolg und Misserfolg entscheidet oft der Vertrieb. Die Frage ist: Kann ich mein Produkt oder meine Dienstleistung überzeugend präsentieren und verkaufen? Kann ich mit Rückschlägen und Herausforderungen umgehen? Wenn man diese Fragen für sich mit ja beantworten kann, dann ist man auf einem guten Weg. Mein Großvater ist früher von Haustür zu Haustür gegangen und hat die harte Schule des Verkaufens gelernt. Als Gründer muss ich auch heute dazu bereit sein, mich mit Vertrieb auseinanderzusetzen – und trotz möglicher Durststrecken motiviert zu bleiben. Neben dem Vertrieb spielt auch die Gründerpersönlichkeit eine große Rolle. Bin ich nur Gründer, weil es gerade angesagt ist? Hatte ich sonst nichts Besseres vor? Oder bin ich Gründer, weil ich dafür brenne? Um erfolgreich gründen zu können, braucht es nicht nur ein kleines Fünkchen, sondern im Idealfall einen kompletten Flächenbrand.

Was zeichnet eine erfolgreiche Start-up-Idee aus?
Es muss für die Idee einen Markt geben. Das heißt: Das Produkt oder die Dienstleistung sollte die Bedürfnisse einer Zielgruppe oder einer Nische erfüllen. Wichtig ist auch ein Blick auf das potenzielle Team: Wie gut ist das Team aufgestellt? Welche Qualifikationen und Erfahrungen bringen sie mit? Möglich ist natürlich auch ein One-Man-Team. So oder so sollte man sich seiner Fähigkeiten und Kenntnisse auf jeden Fall bewusst sein. Und entscheidend für eine erfolgreiche Start-up-Idee ist auch die Markteintrittsstrategie. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie der Einstieg in den Markt gelingt, wie die Idee zum Fliegen kommt, welche Marketing-Maßnahmen nötig sind und welche Kanäle bespielt werden müssen.

Wie geht man am besten mit Misserfolgen um?
Scheitern wird in Deutschland recht schnell verurteilt. Doch Scheitern gehört zum Leben – und ist eine Gelegenheit, eine neue Herausforderung zu meistern. Als Unternehmer muss man bereit sein, mit Rückschlägen und Schwierigkeiten umzugehen. Wenn man solche Momente erlebt, ist ein Moment des Innehaltens völlig in Ordnung. Wenn man hinfällt, kann man ruhig mal kurz liegenbleiben und sich der Situation bewusst werden. Aber dann muss man aufstehen und weitermachen. Aus jeder Niederlage kann man in der Regel etwas Positives mitnehmen. Hauptsache, man steckt nicht sprichwörtlich den Kopf in den Sand.

Haben Sie selbst Niederlagen erlebt?
Ja, viele. Eines meiner allerersten, frisch eingerichteten Büros wurde aufgebrochen. Alle Unterlagen und Daten waren geklaut. Eine Cloud gab es damals noch nicht. Es war also wirklich alles weg. In diesem Moment habe ich mir schnell die Frage gestellt, ob eine Selbstständigkeit wirklich das Richtige für mich ist. Aus diesem Tal habe ich mich wieder rausgezogen. Aber klar ist: Solche Niederlagen und Rückschläge wird es immer geben, trotz bester Planung. Ob es Kunden sind, die nicht zahlen, oder Konkurrenten, die einen verklagen. Man muss für sich selbst entscheiden: Wie gehe ich mit dieser Situation um? Wie nah lasse ich das an mich herankommen? Für Krisen gibt es eine schöne Fünfer-Regel: Was in fünf Jahren keine Rolle mehr für mich und mein Unternehmen spielt, sollte mich heute nicht mehr als fünf Minuten beschäftigen. Das heißt: Mag die momentane Situation auch noch so ärgerlich oder schwierig sein. Nach fünf Minuten sollte ich das Thema dennoch für mich abhaken. Mir reichen nicht immer nur fünf Minuten. Aber der Grundgedanke sollte schon sein: Kurz nachdenken, reflektieren, Lehren daraus ziehen, weitermachen.

Kann man Gründen lernen?
Man muss es sogar lernen. Natürlich gibt es den einen oder anderen, der dank guter Kontakte oder familiärer Unterstützung mit besseren Voraussetzungen in die Selbstständigkeit startet. Aber in den meisten Fällen ist Gründen eine Lernsache, die Wissensdurst und Flexibilität voraussetzt. Auf die Selbstständigkeit kann man sich vorbereiten, indem man Informationen sammelt und zum Beispiel mit anderen erfolgreichen Gründern und Unternehmern spricht. Innerhalb der eigenen Gründung sollte man seinen Weg mit Agilität und Flexibilität beschreiten. Man muss immer bereit sein, Entscheidungen zu hinterfragten und neue Wege zu gehen.

Was sind die größten Fehler, die Gründer und Start-ups machen können?
Fatal ist eine falsche Finanzierung oder keine Finanzierung. Oder anders gesagt: zu wenig Kapital. Oft werden zum Beispiel die Aufgaben im Marketing-Bereich extrem unterschätzt und die vorgesehenen Beträge dafür sind viel zu gering. Wie will man eine gute Idee ohne Werbung und Marketing zum Fliegen bekommen? Ein anderer großer Fehler ist Engstirnigkeit oder Beratungsresistenz. Es gibt leider viele Menschen, die verbissen ihrem Weg folgen und Anpassungen oder Änderungen ausschließen. Das ist eine Eigenschaft, die extrem schwierig beim Gründen ist.

Sieger anderer Casting-TV-Shows haben oft eine recht kurze Halbwertzeit. Wie nachhaltig ist es für die Teilnehmer von „Die Höhle der Löwen“, wenn sie den Zuschlag von einem der Investoren erhalten?
Bisher kenne ich keinen Gründer, für den sich ein Auftritt in einer TV-Show nicht gelohnt hätte. Teilnehmer einer solchen Sendung bekommen mehr Aufmerksamkeit, Know-how, neue Kontakte und möglicherweise Kapital. Viele Vorteile auf einen Schlag. Der Effekt ist natürlich nicht ewig lang nachhaltig. Aber welche Marketing-Maßnahme ist schon von ewiger Nachhaltigkeit? Die Wirkung einer TV-Sendung ist auf jeden Fall recht groß.

Sind die Kandidaten repräsentativ dafür, was gerade in der deutschen Gründerszene passiert?
Sie repräsentieren einen Teilbereich aus der Gründerszene. Es fehlen zum Beispiel klassische Handwerksgründungen, Einzelhandels- und Restaurant-Konzepte, weil solche Gründungsvarianten in einem Fernsehformat schwer darstellbar sind. In TV-Sendungen stehen vor allem Produkte im Mittelpunkt des Interesses. Außerdem ist der B2C-Anteil in der Regel etwas höher als der B2B-Anteil. Die Realität wird also nicht ganz wiedergegeben. 

Es gibt/gab einige TV-Shows rund um das Gründen (Das Ding, Start up, Höhle der Löwen). Was macht die Faszination dafür aus?
Jeder von uns hat schon mal davon geträumt, etwas aufzubauen oder zu erfinden. In den Fernsehsendungen können wir anderen dabei zuschauen, wie sie ihren Ideen nachgehen und Erfolg oder Misserfolg haben. Die Zuschauer identifizieren sich ein Stück weit mit den Gründern. Hinzu kommt die Faszination des Beobachtens, die ja nicht nur in Gründersendungen bedient wird. Die Kombination aus Identifikation und Beobachtung sorgt dafür, dass diese Sendungen durchweg ganz ordentliche Einschaltquoten haben.

Die Zahl der Gründer sinkt. Warum scheuen so viele Deutsche die Selbstständigkeit?
Das Ziel des klassischen Arbeiters in Deutschland ist nicht unbedingt die Selbstständigkeit. In den USA oder anderen Ländern gilt man als beruflich erfolgreich, wenn man ein eigenes Unternehmen hat. In Deutschland hat man Erfolg, indem man Partner in einer Beratung oder Führungskraft in einem Unternehmen ist. Das heißt: Die Selbstständigkeit ist in Deutschland ideologisch nicht so fest verankert wie in anderen Ländern. Hinzu kommt: Das Gründen wird hier oft als Ausweg aus einem vermeintlich schlechten Arbeitsverhältnis missverstanden. Doch eine Gründung ist kein Allheilmittel. Selbstständigkeit ist eine Alternative, aber nicht für jeden geeignet. Wer einen tollen Job mit einer erfüllenden Tätigkeit und einem guten Team hat, der kann genauso glücklich sein wie ein Selbstständiger.

Sind aus Ihrer Sicht Kooperationen/Netzwerke von Start-ups und Mittelständlern sinnvoll, um gemeinsam Ideen zu kreieren und sich zu unterstützen?
Kooperationen dieser Art können sicher befruchtend sein. Start-ups können von der langjährigen Erfahrung der etablierten Unternehmen profitieren. Und die Mittelständler erleben die Geschwindigkeit, Agilität und Innovationskraft der Neulinge – und schauen sich vielleicht das eine oder andere ab. Solche Verbindungen führen häufig zum Erfolg. Allerdings müssen die Kooperationspartner wie in einer Partnerschaft zusammenpassen und ähnliche Vorstellungen sowie Voraussetzungen mitbringen. Und das kommt bisher nicht so häufig vor. Der Mittelstand hängt an der einen oder anderen Stelle noch weit zurück – und muss aufholen. Viele Großkonzerne haben diese Schritte schon gemacht und eigene Inkubatoren und Innovationsprogramme entwickelt sowie Kooperationen mit Start-ups geschlossen.

Wie beurteilen Sie den deutschen Mittelstand generell?
Die Gruppe ist sehr heterogen. Auf der einen Seite gibt es viele Konzerne, die sehr innovativ, schnell agierend und im technologischen Bereich ganz weit vorn sind. Auf der anderen Seite gibt es viele Konzerne, an denen Innovationen und die Digitalisierung vorbeigehen. Dort herrscht oft die Einstellung: Das läuft seit 20 Jahren so, das machen wir auch in den nächsten 30 Jahren so. Das führt aber dazu, dass alteingesessene Unternehmen vom Markt verschwinden. Für mittelständische Unternehmen gilt wie bei Gründern: Man muss bereit sein, flexibel auf veränderte Ansprüche der Zielgruppe oder auf Änderungen in Technologie und Innovation zu reagieren. Und an dieser Bereitschaft mangelt es leider recht oft.

Inzwischen treten Sie selbst auch vor die Kamera – bei der RTL-Show „Zahltag“. Wie geht es für Sie beruflich weiter?
Wir drehen gerade die zweite Staffel der Sendung. Sie heißt jetzt „Zahltag – ein Koffer voller Chancen“: Die Teilnehmer bekommen einen Koffer mit bis zu 30.000 Euro, um sich damit eine potenzielle Selbstständigkeit aufzubauen. In dieser Sendung bin ich als einer der Experten dabei. Ich mag solche Formate, weil ich dadurch auf unterschiedlichste Gründer treffe – vom Hartz4-Empfänger, der das erste Mal gründet, bis zum Mehrfach-Entrepreneur, der die nächste Start-up-Technologie in Berlin aufsetzt. Diese Begegnungen bringen mich immer auch persönlich weiter und helfen, ein Gefühl für den aktuellen Markt zu bekommen. Abseits der Fernsehkameras bin ich weiterhin als Keynote-Speaker und Start-up-Coach unterwegs.