Gemeinsam wirtschaften

Herr Rathing, 200 Jahre nach Raiffeisen – wofür brauchen wir heute noch Genossenschaften?
Genossenschaften bieten eine alternative Wirtschaftsform mit hoher Eigenverantwortung und Transparenz. Hier geht es um Selbstverwaltung, Selbsthilfe und Selbstversorgung. Das Wirtschaften muss nicht nur in Dividenden aufgehen, Genossenschaften haben auch den sozialen Zusammenhalt im Auge. Deswegen ist es wichtig, sie zu erhalten.   

Was können Genossenschaften, das andere Unternehmen nicht können?
Genossenschaften sind sehr nah an den Bedürfnissen der Menschen und gewähren ein hohes Maß an Mitbestimmung und Beteiligung. Außerdem leisten sie einen unmittelbaren Beitrag zum sozialen und gemeinschaftlichen Leben. Ich bin gespannt, inwiefern dieser Gedanke heute noch im Bewusstsein der regionalen Genossenschaften ist oder ob sie doch eher zu Wirtschaftsunternehmen geworden sind.

Was haben Genossenschaften und Kirche gemeinsam?
Wenn es gut geht: die soziale Dimension. Genossenschaftliches Wirtschaften ist mehr als der Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Raiffeisen hatte bei seiner Idee die Interessen der Armen und Unterversorgten im Blick, er hat auf eine Not reagiert. Die ersten Genossenschaften haben unter anderem zur Versorgung der Landbevölkerung beigetragen und zur Vergabe von Krediten an landwirtschaftliche Betriebe.

Was können Kirche und Wirtschaft voneinander lernen?
Wir als Kirche können von den Unternehmen lernen, uns an den Bedürfnissen der Kunden zu orientieren, also unserer Mitglieder. Für uns als große Institution besteht die Gefahr der Selbstgenügsamkeit. Wir sollten immer wieder den Blick darauf wenden, was die Menschen bei uns suchen. Die Wirtschaft könnte von der Kirche die regionale Orientierung lernen, wie sie auch Raiffeisen wichtig war: die lokale Grundversorgung der Menschen. Die ist in der Fläche oft schwierig geworden.

Welche Berührungspunkte hatten Kirche und Genossenschaften in der Vergangenheit?
Raiffeisen war ein frommer Mann und hat die Idee der Genossenschaft aus einer christlichen Verantwortung heraus entwickelt. Er fand, dass die Kirche sich nicht im Reden erschöpfen darf, sondern Christentum auch leben und gestalten muss. Er hatte stets Kontakt zum Pastor vor Ort und hat dafür gesorgt, dass eine neue Genossenschaft nicht größer als die Gemeinde wird. Sein Ziel dabei war, dass die Mitglieder sich untereinander kennen. Die „Bank für Kirche und Diakonie“ zum Beispiel ist ebenfalls genossenschaftlich organisiert.

In Hamburg plant das katholische Erzbistum, acht Schulen zu schließen. Erst gab es Proteste, dann einen Plan: Eine Initiative will eine Genossenschaft gründen, die den Betrieb aller 21 katholischen Schulen sichern soll. Kann Genossenschaft also manchmal mehr als Kirche?
Kirche ist an vielen Stellen ein großer Tanker, der sich nur langsam bewegt. Genossenschaften können schnellere Entscheidungen treffen und sind beweglicher. Auch die wirtschaftliche Kompetenz ist außerhalb der Kirche größer. So lässt sich annehmen, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Schulen bereits viel früher hätten gesehen werden können und man eher darauf hätte reagieren können.