Gesund bleiben im Home-Office

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Marco Hauschild war 30 Jahre alt und fühlte sich unbesiegbar, als er an Krebs erkrankte. Damals erkannte der studierte Betriebswirt: Gesundheit war für ihn nur dann ein Thema, als sie verloren schien. Nach der Chemotherapie sattelte er beruflich um, bildete sich fort und berät heute Betriebe im Bereich Gesundheitsförderung. Wie andere Anbieter auch hat Marco Hauschild seit der Corona-Pandemie sein Angebot auf digitale Kanäle umgestellt. Es funktioniert.

Marco Hauschild berät Betriebe in Sachen Gesundheitsförderung.

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In Zeiten von Home-Office ist das Thema Gesundheit am (Bildschirm)-Arbeitsplatz zwar einerseits besonders virulent – andererseits gerät es häufig aus dem Blick. Unsere IHKLW hat daher Experten aus dem Kammerbezirk gefragt, was bei der Arbeit zu Hause wichtig ist und wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden unterstützen können.

Für Marco Hauschild fangen die Tipps für die Arbeit zu Hause schon vor der Arbeit an. „Das wichtigste ist, Arbeit und Freizeit zu trennen“, sagt der Diplom-Betriebswirtschaftler aus dem Landkreis Harburg. „Gift ist, schon morgens im Bett die ersten E-Mails zu lesen, ob am Smartphone oder am Laptop.“ Wichtig sei eine gute Tagesstruktur, die auch Pausen beinhaltet. „Dafür ruhig den Timer stellen, wenn es sonst zu schwierig ist. Vielleicht auch mit Kollegen einen kleinen Plausch am Telefon halten, der ansonsten im Flur stattfindet. Wir als soziale Wesen brauchen auch den informellen Austausch über die Videokonferenz zum Sachthema hinaus.“

Für Unternehmen bietet Marco Hauschild gemeinsam mit einem großen Netzwerk von Anbietern aus allen Bereichen des Gesundheitsmanagements einen Erlebnistag an, natürlich zurzeit online. In einer dreistündigen Videokonferenz gibt’s Trommeleinheiten, Lach-Training, Übungen zu Achtsamkeit und Resilienz, Yoga, ein Augentraining und zum Abschluss eine Meditation zur Entspannung. „Die ersten Testläufe haben gut funktioniert, jetzt starten wir in die Umsetzungsphase“, sagt Hauschild. Ziel aller Übungen ist die Mischung aus Aktivierung und Entspannung, und zwar von Körper und Geist.

Diplom-Sportlehrer Jürgen Rappard bietet seine Schulungen im Bereich Ergonomie, Gesundheit und Antistress natürlich ebenfalls online an.

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Ums Aktivieren und Entspannen geht es auch bei den Angeboten von Jürgen Rappard. Der Diplom-Sportlehrer aus dem Landkreis Lüneburg sagt mit einem Zwinkern in den Augen: „Tun Sie alles, was in der Schule früher verboten war: zappeln, aufstehen, aus dem Fenster schauen, mit den Augen rollen.“ Die neue Rückenschule spreche heute nicht mehr von falscher oder richtiger Haltung, sondern von statischem und dynamischem Sitzen. Das heißt: Je häufiger die Sitzposition sich ändert, desto besser. „Der Körper sehnt sich nach Haltungswechseln“, erklärt Rappard. „Die meisten Rückenschmerzen kommen aus den Muskeln, wenn diese verspannt oder zu lange angespannt sind.“

Ähnliches gelte für die Augen: Je öfter diese ein weiter entferntes Ziel fokussieren, desto entspannter sind sie. „Muskeln lieben Bewegung, ob im Rücken oder im Auge.“ Wer den ganzen Tag über etwas in 50 Zentimetern Entfernung scharf stelle, habe am Abend Probleme – seien es rote oder brennende Augen oder auch Kopfschmerzen.

Rappard hat sein analoges Angebot für Betriebe ebenfalls auf digital umgestellt: Er bietet Workshops zu Ergonomie und Gesundheit im Home-Office und Bildschirmarbeitsplatz an, ein anderer Kurs heißt „Keine Chance dem Stress“. Auch individuelle Beratungen sind möglich, so lässt sich zum Beispiel per Videokonferenz gemeinsam der Stuhl justieren. Denn: „90 Prozent aller Rückenlehnen sind zu niedrig eingestellt.“ Das einzige, was Rappard weniger gern anbietet, sind Videos. „Wir arbeiten lieber im direkten Kontakt. Das ist unserer Erfahrung nach am wirkungsvollsten. Die Akzeptanz ist höher und damit auch der Erfolg.“

Sportpsychologe Dr. Heinz Wübbena hat ein digitales Tool für Führungskräfte in Zeiten von Home-Office entwickelt.

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Doch nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst müssen sich im Home-Office neu und gut organisieren. Auch ihre Führungskräfte sind gefragt. Wie Führung auf Distanz und dezentral gelingt, damit beschäftigt sich Dr. Heinz Wübbena in seinen Beratungen. „Viele der gewohnten Abläufe funktionieren in der derzeitigen Situation nicht mehr“, erklärt der Sportpsychologe aus dem Landkreis Celle. „Für die Führungskraft geht es jetzt auch ums Loslassen. Das ist gefühlt erst einmal ein Kontrollverlust, schafft auch Raum für Vertrauen. Es geht im Kern darum, auf die intrinsische Motivation der Einzelnen zu setzen. Eine hohe Identifikation mit der Aufgabe ist elementar.“

Wübbena hat viel mit Sportlern gearbeitet und die Funktionsweise von Mannschaften auf Teams in der Wirtschaft übertragen. Mit der sogenannten „Teamdiagnose“ hat er für die Selbsteinschätzung von Teams eine digitale Plattform geschaffen: Alle Mitglieder beantworten dabei einen Online-Fragebogen. Das anonymisierte Ergebnis wird von der Plattform automatisch berechnet, anschließend besprechen es alle gemeinsam bei einer Videokonferenz. „Die Antworten spiegeln die aktuelle Situation des Teams sehr konkret und spezifisch wider“, erklärt Wübbena. „Denn die angesprochenen Themen machen deutlich, ob und wo es vielleicht Veränderungen geben sollte. Das Team kann dann gemeinsam entscheiden, woran es arbeiten möchte.“