Hochkonjunktur in der Heide

Gitta Gröning steht mit einem prall gefüllten Jutebeutel vor ihrem Bispinger Souvenir-Geschäft
Video: ihk/2SPOT, Startfoto: tonwert21.de
Gitta Gröning von "Der kleine Speicher" freut sich über die Touristen. Im Video erfahren Sie bei einer Kutschfahrt durch die Heide, was der Tourismus wirtschaftlich für die Region bedeutet.

Dass Bispingen alles andere als ein durchschnittliches Dorf in Niedersachsen ist, wird schon kurz nach der Autobahnabfahrt klar. Wie eine gigantische Lawine, aus der Stahlträger ragen, liegt der geschwungene Snow-Dome-Bau an der Autobahn 7. Eine riesige Skihalle für Wintersportbegeisterte mit Sessellift und Pisten. Daneben die Ralf Schumacher Kartbahn und ein paar Meter weiter das verrückte Haus, ein umgedrehtes Haus, dessen Ausstattung ebenso Kopf steht – alles Einrichtungen für Gäste. Und die kommen in Scharen, denn: Urlaub in der Heimat ist wieder angesagt.

43,5

Millionen Übernachtungen kamen 2016 in der Lüneburger Heide zusammen. Damit zählt die Region zu den besonders starken Tourismus-Gebieten.

Zum vierten Mal in Folge hat das Reiseland Niedersachsen sein Vorjahresergebnis im vergangenen Jahr übertroffen. Die rund 43,5 Millionen Übernachtungen entsprechen einer Zunahme von 1,7 Prozent gegenüber 2016. Dabei zählt die Lüneburger Heide zu den besonders starken Reisegebieten. Bestes Beispiel dafür ist der kleine Ort Bispingen im Heidekreis.

Jedes Jahr verzeichnet die Gemeinde mit gerade mal 6.500 Einwohnern steigende Touristenzahlen. Im Jahr 2017 lag das Plus von Januar bis August bei 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch bei den Übernachtungen hat der Ort zugelegt: Um 1,5 Prozent ist die Zahl gegenüber 2016 auf knapp 1,1 Millionen Übernachtungen gestiegen. Für den Verein Vereins Bispingen-Touristik sind das erfreuliche Nachrichten. „Unser touristisches Angebot kommt an“, resümiert Geschäftsführerin Waltraud Giese.

Gegen die Center Parcs gab es anfangs auch Kritik, doch die Debatten sind längst beendet
Um die Urlauber bei der Stange zu halten, lassen sich auch die Tourismus-Manager der wohl größten Ferienanlage der Region, dem Center Parc, immer wieder etwas Neues einfallen. Zu den jüngsten Innovationen zählt  der „Tower Jump“, ein zwölf Metern hoher Turm, vom dem die Gäste einen Bungee-Sprung wagen können. Künftig soll es auch einen Hochseilgarten und eine Indoor-Kletteranlage geben. Außerdem plant die Center-Parcs-Geschäftsführung eine Renovierung im großen Stil, um die Ferienhäuser aufzuwerten.

Nicht jeder im Ort war immer glücklich über die 910 Hektar große Anlage mit 750 Bungalos. Doch der Widerstand vieler Dorfbewohner gegen die politische Entscheidung vor 25 Jahren ist versiegt. Die Bürgerinitiative, die vor der Entstehung des Center Parcs vehement gegen die Ferienanlage protestiert hatte, existiert längst nicht mehr. Die Kämpfe sind lange ausgefochten, die Debatten beendet.

Das Naturschutzgebiet verfügt über die größten Heideflächen Europas
Wer Ruhe sucht, der ist in der Lüneburger Heide genau richtig. Als eines der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands verfügt das Gebiet über die größten zusammenhängenden Heideflächen des europäischen Kontinents. Das kommt an: Allein rund 800.000 Übernachtungen zählt der Center Parc pro Jahr, weitere 250.000 sind es in den übrigen Pensionen, Ferienwohnungen und Hotels. In der Hochsaison zählt der Ort 40-mal mehr Besucher als Einwohner. Nicht ohne Stolz sagt Bürgermeisterin Sabine Schlüter: „Mit unseren Übernachtungszahlen bringen wir so viel auf die Matte, wie der gesamte Landkreis Harburg.“ Den Boom schreibt sie vor allem dem breiten Angebot im Ort zu: „Deshalb haben wir auch eine hohe Wiederkehr-Rate.“

104

Euro gibt jeder Gast in Bispingen aus.


Von den vielen Touristen profitieren auch die Ladenbetreiber im Ort. Nach einer Berechnung von Bispingen Touristik lag der Übernachtungsumsatz im vergangenen Jahr bei insgesamt 112.8 Millionen Euro. Das bedeutet: Jeder Gast lässt durchschnittlich 104 Euro pro Übernachtung in der Gemeinde.

 „Wenn wir die Touristen als Kunden nicht hätten, wäre es schon schlechter für uns“, sagt Gitta Gröning, Inhaberin des Geschenkartikelladens „Der kleine Speicher“. Gröning hat sich, wie viele ihrer Branche, auf die Wünsche der Touristen eingestellt: Auf vielen Produkten findet sich die Heidschnucke wieder. Es gibt sie als Kuscheltier, in Porzellan und auf Kaffeebechern. Sogar Schnuckenködel sind zu haben, wobei es sich dabei nicht um Schafkot, sondern Lakritz handelt. Die Öffnungszeiten hat Gitta Gröning für die Touristen auf sieben Tage erweitert. Und dennoch sei ihr Geschäft alles andere als ein Souvenirladen, betont die Einzelhändlerin. Sie lege einfach Wert auf individuelle Ware im Sortiment und verkauft beispielsweise Likörflaschen, die sie selbst beschriftet.

Dass sie und ihre Mitarbeiter gelegentlich Ansprechpartner Nummer eins in Sachen Ausflugstipps sind, schockt Gröning längst nicht mehr. Eher bringt es sie zum Lachen, wenn die Urlauber fragen, wo denn die Stadt oder die Fußgängerzone sei. Das zeige, dass auch die Touristen Bispingen größer wähnen als das Dorf eigentlich ist.

„Im Sommer machen wir mit den Touristen ein Viertel mehr Umsatz“, sagt Edeka-Markt-Inhaber Ralf Ehlers.

Der Edeka-Markt von Ralf Ehlers hätte allerdings auch gut in eine Stadt gepasst, schon allein wegen des umfangreichen Angebots. Der 1700 Quadratmeter große Markt wurde für sein umfangreiches Sortiment und die vielen regionalen Produkte in seiner Kategorie von Edeka als bester Markt Deutschlands ausgezeichnet. Durchschnittlich kommen 10.000 Kunden pro Woche in den Markt, sagt Ehlers: „Im Sommer machen wir mit den Touristen ein Viertel mehr Umsatz.“

Das Geld fließt, Händler und Tourismusunternehmen sind zufrieden. Wie aber sieht der Verein Naturschutzpark Lüneburger Heide (VNP) die steigende Zahl der Touristen, die in die Region und damit in die geschützte Heide strömen? In Spitzenzeiten sind mehrere tausend Gäste im Naturschutzpark unterwegs. Beispiel: Pastor-Bode-Weg. Nach einer Zählung des Vereins zur Heideblüte sind 450 bis 7000 Besucher  pro Tag auf dem Weg unterwegs.

Naturschutz und viele Gäste sind kein Widerspruch
Von einer negativen Entwicklung möchte Mathias Zimmermann, Geschäftsführer von VNP, dennoch nicht sprechen. „Wir sehen jeden Touristen als einen potenziellen Naturschützer.“ Auch wenn er von manchen uneinsichtigen Besuchern zu berichten weiß, die sich nicht an Vorschriften halten und abseits der Wege laufen oder ihre Hunde nicht anleinen. Ein großes Problem sei das nicht, sagt Zimmermann. „Die 2,5 Millionen Besucher, die in die Lüneburger Heide kommen, verteilen sich recht gut.“

Die Einwohner haben sich mit dem Tourismus arrangiert. Schließlich wissen die meisten Besucher das zu schätzen, wofür auch das Herz der Bispinger schlägt: die Heidelandschaft. „Auf sie lassen die Bispinger nichts kommen“, sagt Bürgermeisterin Sabine Schlüter. „Wir leben hier von der Stille.“