Junge Wirtschaft hakt nach

Wirtschaft trifft Politik: Den jährlichen Know-how-Transfer haben jetzt Arno Herder und Janine Martin von den Wirtschaftsjunioren (WJ) Lüneburg – Elbe-Heide-Region, um den Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann (SPD) und Eckhard Pols (CDU) auf den Zahn zu fühlen – und die Forderungen der jungen Wirtschaft deutlich zu machen. Im Interview stellen sich die Politiker ihren Fragen.

Wie wollen Sie den Fachkräftebedarf der Wirtschaft im Land sichern?
Kirsten Lühmann: Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, den Übergang von der Schule zum Beruf zu verbessern. Neben Schulpraktika könnte dabei vor allem die Einrichtung von Jugendberufsagenturen helfen. Ich setze mich zudem für ein Einwanderungsgesetz ein, das die richtigen Rahmenbedingungen für einen Zuzug qualifizierter Fachkräfte nach Deutschland setzt. Das Kooperationsverbot in der Bildung muss abgeschafft werden, um dem Bund mehr Möglichkeiten zu geben, die richtigen Bedingungen für gute Bildung zu schaffen. Ich bin für mehr Schulpraktika, eine Möglichkeit ist zum Beispiel ein wöchentlicher Praxisnachmittag. Auch die Idee der Teilzeitausbildung befürworte ich ausdrücklich.
Eckhard Pols: Die wesentlichen Punkte haben Sie in Ihren Forderungen bereits selbst genannt. Besonders ist aber wohl hervorzuheben, dass eine Ausbildung gegenüber einem Studium auch Vorteile bringen kann. Denken Sie nur an das Finanzielle. Es gibt zahlreiche akademische Berufe, die geringer entlohnt sein können als etwa Kaufleute für Versicherungen und Finanzen sowie ausgelernte Industriemechaniker.

Welche Initiativen wollen Sie ergreifen, um die Digitalisierung voranzutreiben und die daraus erwachsenen Chancen optimal nutzen zu können?
Kirsten Lühmann: Die analoge und die digitale Welt sind längst nicht mehr voneinander zu trennen, unser Lebens- und Arbeitsalltag ist von digitalen Anwendungen bestimmt. Vor allem für uns im ländlichen Raum ist es sehr wichtig, möglichst schnell die Grundlagen für eine echte Digitalisierung für alle Menschen zu schaffen. Dazu ist vor allem die flächendeckende Versorgung mit Glasfaserkabeln entscheidend. Um die gerechte Beteiligung aller an der Digitalisierung zu gewährleisten muss außerdem unbedingt die Netzneutralität gewahrt bleiben. Programmiersprachen sollten als zusätzliches Angebot in möglichst allen Schulen angeboten werden, junge Menschen müssen bereits in der Schule auf den „digitalen Alltag“ vorbereitet werden.
Eckhard Pols: Die Digitalisierung läutet in der Tat eine neue Epoche des Wirtschaftens ein. Dabei drohen aber vor allem ländliche Gebiete wie Lüchow-Dannenberg und Lüneburg unter die Räder zu kommen. Damit dies nicht geschieht, hat die CDU-geführte Koalition im Bund bereits milliardenschwere Maßnahmen zur Förderung des Breitbandausbaus in der Fläche ergriffen. Hier werden ich und die gesamte CDU auch nicht locker lassen, zumal wir so der Landflucht in die Städte und der Überalterung auf dem Land effektiv entgegenwirken können. Im April haben wir zudem die europaweite Harmonisierung des Datenschutzes angepackt und den Rechtsrahmen an das digitale Zeitalter angepasst. Damit haben wir in der EU als erstes Land nationale Umsetzungs- und Anpassungsregeln geschaffen und eine Vorreiterrolle eingenommen, um nur einige Maßnahmen zu nennen, mit denen wir uns der Digitalisierung tatkräftig widmen.

Welche Maßnahmen schweben Ihnen vor, um den Arbeitsmarkt in Deutsch-land und die Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern?
Kirsten Lühmann:
Innovative Unternehmen und starke Sozialpartnerschaften sind die Grundlagen einer starken Wirtschaft. Dabei sind starke Arbeitnehmerrechte und die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen kein Widerspruch. Unternehmen müssen durch gezielte Förderung und den Abbau unnötiger bürokratischer Hürden in ihrer Arbeit unterstützt werden. Gleichzeitig müssen die Rechte der Angestellten gewahrt bleiben. Abgesicherte Arbeitnehmer sind produktiver und konzentrierter auf ihre Arbeit. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass gleiche Leistung auch gleich bezahlt werden muss, unabhängig etwa von Geschlecht oder Herkunft. Selbstverpflichtungen, das hat sich in den vergangenen Jahren leider gezeigt, nicht ausreichend, um diese Situation zu ändern. Unternehmen profitieren nachweislich auch davon, da vielfältige, motivierte Teams meist erfolgreicher sind als homogene Gruppen.
Eckhard Pols: Gerade Kleinbetriebe in Deutschland stehen für gute, innovative Ideen. Existenzgründer sollten in den ersten Jahren daher vor zu strenger Bürokratie geschützt werden. Hier sehe ich besonders für die nächste Wahlperiode weiteren Handlungsbedarf. Mit dem Zweiten Bürokratieentlastungsgesetz etwa haben wir aber schon in dieser Wahlperiode einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Wie wollen Sie Unternehmertum und Gründergeist stärken?
Kirsten Lühmann:
Das Thema Gründertum muss an den Hochschulen und Universitäten eine größere Rolle spielen. Jungen Menschen muss dafür die nötige Freiheit, zum Beispiel in Form von Freisemestern, eingeräumt werden. Die Hürden, um ein Unternehmen zu gründen, sind zu hoch. Unternehmensgründungen müssen schnell und unbürokratisch ermöglicht werden. Dazu ist es auch wichtig, dass Firmengründer alle Fragen aus einer Hand beantwortet bekommen können. Die Möglichkeiten der digitalen Verwaltung müssen dafür noch effizienter und innovativer ausgeschöpft werden. Ich bin zudem davon überzeugt, dass vor allem junge Unternehmende als gute Beispiele für Gleichaltrige dienen können. Über geförderte Patenschaftsprogramme können sie sich besser vernetzen und junge Menschen schon früh für das Gründertum motivieren. Aus gutem Grund unterscheidet die Erbschaftssteuer zwischen Privatvermögen und Firmenvermögen. Die Erbschaftssteuer darf nicht zu einer wirtschaftlichen Schieflage der Firma führen und muss die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen anerkennen.
Eckhard Pols: Unternehmer werden in den Diskussionen über vermeintliche soziale Gerechtigkeit sehr oft, aber eben fälschlicherweise als Personen dargestellt, die nur an der Maximierung des eigenen Profits interessiert sind. Von der praktizierten Verantwortung besonders gegenüber ihren Mitarbeitern, die das eigentliche Kapital eines Unternehmens bilden, wird allenfalls am Rande gesprochen. Dabei handeln gerade die vielen Familienunternehmer sozial verantwortungsvoll. Hierauf muss im gesellschaftspolitischen Diskurs immer wieder hingewiesen werden. Besonders die Länder als Inhaber der Bildungshoheit können diesen Diskurs durch entsprechende edukative Maßnahmen konstruktiv begleiten.

Was werden Sie unternehmen, um die Interessen der Jungen gegenüber älteren Menschen zu schützen und die Generationengerechtigkeit im Sinne der Jungen zu stärken?
Kirsten Lühmann:
Generationengerechtigkeit heißt für mich, einen fairen Ausgleich der Interessen aller Altersgruppen zu schaffen und nicht die berechtigten Forderungen einer Gruppe gegen die berechtigten Forderungen einer anderen Gruppe auszuspielen. Über mehrere Jahrzehnte ist dies in der Bundesrepublik gut gelungen. Der demographische Wandel sorgt nun für vollkommen neue Rahmenbedingungen. Die Absicherung im Alter ist für die junge Generation eine der wichtigsten Zukunftsfragen, unabhängig ob jemand angestellt oder selbständig ist. Der Staat ist in der Verantwortung, allen Menschen, die mehrere Jahrzehnte gearbeitet haben, eine angemessene Absicherung im Alter zu ermöglichen. Dazu wird eine umfassende Rentenreform benötigt, die die verschiedensten Interessen Betroffenen berücksichtigt und vor allem für ein stabiles, lebenswertes Rentenniveau sorgt. Zurzeit werden bereits alle Gesetze einem Nachhaltigkeitscheck unterzogen, ein Aspekt dabei ist die Generationengerechtigkeit. Dieser Ansatz kann noch ausgebaut werden.
Eckhard Pols: Eine Gesetzesfolgenabschätzung ist in den Geschäftsordnungen der Bundesministerien verankert. Gleichwohl müssen die Renten wie auch die soziale Sicherung im Alter insgesamt endlich auf drei Säulen verbindlich aufgestellt werden. Das sind die gesetzliche Alterssicherung, die betriebliche Altersvorsorge und die private Vorsorge. In der Schule muss zudem über die Möglichkeiten der sozialen Vorsorge aufgeklärt werden. Wenn wir das tun, bekommen wir auch die Generationengerechtigkeit, also die steigenden Beitragssätze, in den Griff. Doch selbst damit kommen wir um eine stärkere, steuerfinanzierte Beteiligung wohl nicht umhin.

Was haben Sie vor, um den Innovationsstandort Deutschland zu sichern und Unternehmen bei Innovationsvorhaben zu unterstützen?
Kirsten Lühmann:
Forschung und Entwicklung sind die wichtigste Grundlage für den weiteren Erfolg deutscher Unternehmen. Nicht zuletzt auf dem Gebiet der neuen Energien hat sich gezeigt, dass politische Rahmenbeschlüsse und innovatives Unternehmertum Hand in Hand gehen können. Die staatliche Förderung muss deutlich gestärkt  und das Urheber- und das Patentrecht müssen modernisiert werden. Zudem weiß ich aus Gesprächen mit vielen Unternehmenden aus meinem Wahlkreis, dass die richtige Finanzierung für Unternehmen eine wichtige Geschäftsgrundlage ist. Deshalb müssen zum Beispiel die Rahmenbedingungen für Wagniskapital verbessert werden.
Eckhard Pols: Innovation beruht auf exzellenter Bildung und gezielter Innovationsförderung. Dabei gilt: Mittel dürfen nicht mit der Gießkanne, aber auch nicht zu bürokratisch verteilt werden. Schnelle Entscheidungen über Innovationsförderungen sind wichtig.

Was haben Sie vor, um die Rahmenbedingungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu verbessern?
Kirsten Lühmann:
Deutschlands wirtschaftliche Stärke ist maßgeblich auf seine hohe Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen. Made in Germany ist noch immer ein wichtiges Qualitätskriterium. Die Unsicherheiten der vergangenen Jahre im internationalen Umfeld – Brexit, TTIP-Verhandlungen, neue US-Handelspolitik und vieles mehr – machen eine stetige Anpassung der deutschen Politik nach innen und außen notwendig. Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland vor allem in enger Kooperation mit seinen europäischen Partnern für ein innovations- und unternehmensfreundliches Umfeld sorgen kann. Dazu gehören verstärkte Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie Infrastruktur und Bildungseinrichtungen.
Eckhard Pols: Ja, die Politik kann und darf nur den Rahmen vorgeben. Deswegen sollte der Freiraum möglichst groß sein. Den Rahmen haben Sie im Groben in den sechs Forderungen selbst umrissen. Diese sind auch schon großteils praktische Politik geworden. So investiert der Bund bis 2030 fast 270 Milliarden Euro in die Infrastruktur. Die CDU will spürbare Steuerentlastungen, sie bekennt sich zum Freihandel und sie hat erfolgreich eine Reform des EEG vorangetrieben, das eine starke Triebfeder des Energiepreisanstiegs war. Und weiterhin kämpft die CDU auch für einen Bürokratieabbau, der bei mir ebenfalls ganz oben auf der Agenda steht.

Kirsten Lühmann
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann möchte die staatliche Innovationsförderung stärken. Foto: Philipp Schulze

Blick hinter die Kulissen der Politik

Eine Woche lang hatten die beiden Mitglieder der Wirtschaftsjunioren Lüneburg – Elbe-Heide-Region, Janine Martin und Arno Herder die Möglichkeit, einen Einblick in das politische Berlin zu bekommen. Während des Know-how-Transfers der Wirtschaftsjunioren Deutschland nutzten sie die Chance, einen Bundestagsabgeordneten zu begleiten. Insgesamt nahmen 205 junge Unternehmer und Führungskräfte aus ganz Deutschland teil.
„Wir hatten die Möglichkeit, die Mitglieder des Bundestags bei ihrer Arbeit zu begleiten und so einen Blick hinter die Kulissen zu werfen“, sagt Arno Herder, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Lüneburg – Elbe-Heide-Region, der Kirsten Lühmann (SPD) begleitete. Janine Martin, die den Abgeordneten Eckhard Pols (CDU) begleitete, ergänzt:  „Neben bundespolitischen Themen konnten wir uns mit den Abgeordneten auch über aktuelle politische Fragen aus unserer Region austauschen.“

Im Jahr 2017 setzen die Wirtschaftsjunioren Deutschland – mit mehr als 10.000 Mitgliedern der bundesweit größte Verband junger Unternehmer und Führungskräfte – sich vor allem für mehr Digitalisierung und weniger Bürokratie ein. Ziel des Know-How-Transfers ist, Unternehmern einen Einblick in den Alltag der Parlamentarier zu geben und den Austausch zwischen Wirtschaft und Politik zu fördern. Im Anschluss treten die Abgeordneten dann Gegenbesuche in den Unternehmen an, um den Unternehmeralltag besser kennenzulernen.

Eckhard Pols
Die Wirtschaftsjuniorin Janine Martin begleitete den Bundestagsabgeordneten Eckhard Pols. Foto: Thomas Rosenthal / nh
Arno Herder, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Lüneburg - Elbe-Heide-Region, nutzte den Know-how-Transfer für eine intensive Debatte. Foto: Frische Fotografie
Arno Herder, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Lüneburg - Elbe-Heide-Region, nutzte den Know-how-Transfer für eine intensive Debatte. Foto: Frische Fotografie