Zwischen Einhorn-Hochburg und Digitalisierung

Schweden und Estland gehören zu jenen Staaten, die bei der Digitalisierung ganz vorne mitspielen. Beide Länder zeichnen sich durch ein hohes Maß an Innovationen und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien aus, die Kreativen und Gründern ein ideales Umfeld zur Entwicklung neuer Ideen bieten. Zahlreiche Start-ups haben sich seit der Jahrtausendwende speziell im Umfeld der Hauptstädte Stockholm und Tallinn angesiedelt. Von Lars Heidemann

Neben dem Silicon Valley können nur wenige Standorte so viele Start-up-Erfolge vorweisen wie Schweden. Nicht weniger als sieben „Einhörner“ hat das nordische Land, genauer gesagt die Metropole Stockholm, in den letzten Jahren hervorgebracht. Unter anderem den Musikstreaming-Dienst Spotify, die Audioplattform Soundcloud, den Zahlungsdienstleister Klarna oder den Spieleentwickler Mojang, der „Minecraft“ entwickelt hat. Einhörner sind Start-ups, also junge, innovative und wachstumsorientierte Unternehmen, die mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Viele Start-ups zieht es in den Nordwesten Stockholms, wo rund 1.100 IKT-Firmen (unter anderem Ericsson, IBM und Microsoft) angesiedelt sind, die dort gemeinsam mit knapp 8.900 weiteren Unternehmen das Technologiecluster Kista Science City bilden. Kista gilt als das größte IKT-Cluster Europas und hat sich durch die Verzahnung mit der Universität Stockholm sowie der Königlich Technischen Hochschule zudem bereits früh auf den Wissenstransfer zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Hochschule eingestellt.

Als Antwort auf die Frage, wo in Europa der größte Hotspot der Start-up-Szene zu finden sei, fallen nicht selten die Namen von Estland und seiner Hauptstadt Tallinn. Die kleinste der baltischen Republiken hat sich wie kaum ein anderes Land auf den digitalen Wandel eingestellt und mit hoch innovativen Unternehmen wie Skype oder dem Überweisungsservice TransferWise einen Namen gemacht. Die Erfolgsgeschichte Estlands beruht auf einer Reihe cleverer Regierungsentscheidungen, die der bereits zwei Jahrzehnte andauernden Gestaltung und Weiterentwicklung der Digitalisierung den Weg ebneten. Im März 2000 wurde ein Gesetz verabschiedet, das digitalen Unterschriften die gleiche rechtliche Gültigkeit gab wie herkömmlichen. Das öffnete den Weg für viele elektronische Dienstleistungen, die das Leben sowohl für Unternehmen als auch Privatpersonen einfacher und effizienter machten. Ebenfalls im Jahr 2000 konnten Esten erstmals ihre Steuererklärung online abgeben. Mittlerweile nutzen diese Möglichkeit rund 95 % der Bevölkerung. 2007 war Estland die erste Nation, die eine Parlamentswahl auch online abgehalten hat. Möglich ist das alles, weil der Staat seinen Bürgern Zugriff auf das Internet garantiert und auch in entlegenen Gegenden WLAN-Zugangspunkte zur Verfügung stellt. Kein Wunder, dass in einem so organisierten Land die Start-up-Szene eine große Rolle spielt und zudem durch eine gründerfreundliche Gesetzgebung, zahlreiche Coworking-Spaces sowie private Kapitalgeber gestützt wird. In Tallinn allein gibt es 400 Start-ups – und das in einem Land mit nur 1,3 Millionen Einwohnern. Laut aktuellem Ranking des World Economic Forum ist kein Land in Europa so gründungsfreudig wie Estland.

Altstadt Tallinn
Tallinn gilt als Hotspot der Start-up-Szene. Foto: shutterstock.com

Reise nach Schweden und Estland

Wer mehr über das Start-up-Ökosystem und die Digitalisierung in Schweden und Estland erfahren möchte, sollte an einer Unternehmerreise unserer IHK vom 27. bis zum 29. November nach Stockholm und Tallinn teilnehmen. Besucht wird das Technologiezentrum Kista Science City, wo Gespräche mit verschiedenen dort ansässigen Firmen und Institutionen geführt werden. Weiter geht es Estland, wo in Tallinn weitere Unternehmensbesuche auf dem Programm stehen – etwa bei einem Coworking-Space und dem Informationszentrum e-Estonia.  Ziel der Reise ist es, den teilnehmenden Unternehmen Best-Practice-Beispiele aus zwei führenden Forschungs- und Entwicklungsregionen näher zu bringen, sowie den Austausch und Kontaktaufbau mit dortigen Firmen und Einrichtungen zu ermöglichen. Wer an der Reise interessiert ist, kann sich per E-Mail bei Lars Heidemann, IHK-Berater Aussenwirtschaftsförderung, melden.