Der Landgasthof lebt

Er trägt Jeans, kariertes Hemd und eine frische Gesichtsfarbe – Thomas Hauschild könnte locker als Landwirt durchgehen. Und das ist er mittlerweile auch: Auf seinem „Landhof“ in Neu Wulmstorf leben 300 Schweine und Rinder seltener Rassen. Die ökologische Landwirtschaft ist eines der Herzensthemen des 52-Jährigen. Aber damit nicht genug. Hauschild beackert mittlerweile mit 120 Angestellten mehrere Geschäftsfelder. Der Erfinder der „Sylter Salatfrische“, das Dressing wurde  jüngst als „Marke des Jahrhunderts“ geadelt, hat sich mit seinen „Dorfkrug“-Produkten im hart umkämpften Lebensmittelmarkt einen festen Platz erobert. Und er führt nach wie vor das Haus, dessen Logo auf jedem Glas Dressing, Pudding oder Grütze klebt: Der Dorfkrug in Neu Wulmstorf liegt seit 150 Jahren und sechs Generationen in Familienhand.

„Der Dorfkrug ist das Herz, daran hängen meine Emotionen“, sagt Hauschild und lehnt sich locker an den Tresen, an dessen Vorgängermodell schon seine Mutter das Bier zapfte. Das Haus mit dem tiefgezogenen Reetdach diente einst als Ausspann, dann als typische Kneipe für das Feierabendbier. Es wäre ihm wohl wie anderen Dorfkrügen ergangen, deren Besitzer inzwischen aufgegeben haben, hätte Hauschild nicht das Ruder herumgerissen. „Als Kneipe hätte es nicht mehr funktioniert“, sagt der Gastronom, „es musste einen Bruch geben.“

Das Sterben der Dorfkneipen verläuft schleichend, aber stetig. Nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Niedersachsen sinkt die Zahl der gastronomischen Betriebe im Land seit Jahren. Für 2015 weist die Statistik einen Rückgang um rund 200 auf 20.419 Betriebe aus und liegt damit im Schnitt der Vorjahre. Wer über Land fahre, dem falle leicht auf, dass manche Dörfer mittlerweile ohne Kneipe seien, sagt Dehoga-Geschäftsführer Rainer Balke. „Aber das ist eher ein Betriebsgrößenproblem als ein Dorfproblem. Auch die typische Eckkneipe in der Stadt ist ein Auslaufmodell. Man trifft sich heute eben lieber bei Facebook.“ Es seien meist die kleinen, familiengeführten Betriebe, die aufgeben, weil sie keine Nachfolger finden oder die finanzielle Innovationskraft fehle. „Aber damit ist die ländliche Gastronomie nicht tot“, sagt Balke. „Wer sein Konzept zeitgemäß umstellt, hat gute Chancen. Das kann auch ganz nostalgisch sein, aber authentisch.“

Leicht war der Start 1993 auch für Hauschild nicht: „Ich hatte viele Flausen im Kopf, aber nichts in der Hand, schon gar kein Geld.“ Er konzentrierte sich auf seine Kochkunst, servierte statt Currywurst nun regionale Gerichte ohne Schickschnack, aber handgemacht und frisch. Es funktionierte. Zufriedene Gäste empfahlen den Dorfkrug weiter, man kam nun zum gepflegten Abendessen. Vom hausgemachten Salat-Dressing gab der Koch gern noch eine Portion für Zuhause mit. Der Rest ist Legende: Hauschild ersann den Namen „Sylter Salatfrische“, füllte seine Sauce in kleine Milchflaschen und klapperte damit die Lebensmittelmärkte ab. Heute werden in der Produktion im Gewerbegebiet 230 Flaschen pro Minute der pikant-frischen Spezialität hergestellt.

„Mein Kopf ist immer im Gange, ich stürze mich gern in neue Themen“, sagt der bodenständige Machertyp. Und der Erfolg der „Dorfkrug“-Produkte verschafft Hauschild Freiraum für seine  vielen Ideen: Er investiert gezielt – in seinen Landhof, in einen Online-Shop, in eine Produktionsküche, in der fertig geschmorte Braten für die Gastronomie entstehen, aber auch im Dorfkrug selbst. Dort erinnert nichts mehr an Kneipe. Gespeist wird im stilvoll-modernen Ambiente, die Küche ist gehoben, aber weit entfernt von abgehoben. „Tierwohl und Nachhaltigkeit sind große Themen, die wir aufgreifen“, sagt Hauschild, „es gibt einen Trend zurück zu den guten, geerdeten Produkten.“

Serviert werden Schnitzel und Rouladen vom Fleisch der eigenen Weiderinder. Die Landhofkühe liefern die Milch für das hausgemachte Eis. Zuletzt hat Hauschild eine Konditorin eingestellt, um den Cafébetrieb zur Sommersaison auszubauen. Und er hat den Dorfkrug barrierefrei umbauen lassen. „In jeder neuen Idee steckt immer auch ein Risiko“, sagt der umtriebige Manager. „Erfolg ist schließlich nicht kopierbar. Aber es gibt immer was zu optimieren. Und das will ich Schritt für Schritt abarbeiten.“

Auch für Monika Funk stand immer fest: „Wenn ich Geld verdienen will, dann muss ich marktfähig sein. Also haben wir investiert.“ Hinter der Frau mit klarer Sprache und ebenso klaren Zielen liegen drei anstrengende Jahre, in denen sie ihre Pension Monika in Bispingen umfassend modernisiert hat. Dachausbau, Brandschutz, Balkone, Bäder und zuletzt sämtliche Türen. „Eigentlich sind nur die Wände stehen geblieben“, sagt Otti Funk und lacht. Als sie 1967 in schwungvoller Schrift den Namen ihrer Tochter an die Hauswand der neu eröffneten Pension pinseln ließ, seien die Zeiten andere gewesen: „Bispingen war ein verschlafenes Dorf und wir lebten von Stammgästen, die zwei Wochen Heide-Urlaub bei uns machten.“

Heute nächtigen in den zehn Zimmern überwiegend Kurzurlauber, aber auch Messebesucher und Durchreisende. Anders als ihre Mutter steht Monika Funk nicht mehr ganztags in der Küche, um die Gäste zu bekochen. Sie ändert. Sie probiert. Sie holt sich Anregungen. Das Fazit: „Das Gesamtpaket muss stimmen.“ Soll heißen: Nicht nur Frühstücksbuffet statt Vollpension, auch moderne Bäder und Wlan sind ein Muss. Was geblieben ist, wie es immer war, sind der traumhafte Blick vom Balkon und der herzliche Service.

Für beides gibt es regelmäßig Bestnoten in Hotel-Buchungsportalen, auf denen sich die Pension seit vier Jahren präsentiert. „Das hat uns einen richtigen Schub gegeben“, sagt Monika Funk. Klar auch, dass sie die sozialen Netzwerke nutzt: Auf Facebook postet sie Fotos vom Badumbau und von den schicken neuen Flechtmöbeln im Frühstücksraum. „Es interessiert die Leute, was sich hier tut. So bleibe ich mit den Gästen in Kontakt und kann aus Rückmeldungen neue Ideen entwickeln.“

An Konzept und Servicequalität stetig zu feilen, das rät auch Elke Boggasch, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft „Urlaub und Freizeit auf dem Lande“  den Gastgebern auf dem Lande: „Wer hier Urlaub macht, erwartet nicht nur modernen Komfort, sondern schätzt auch das schöne ländliche Flair und die besonders

freundliche Ansprache.“ Boggasch sieht Landgasthöfe dort gut aufgestellt, wo zu der herzlichen Gastfreundschaft zielgruppenspezifische Angebote kommen. Der Großteil der rund 300 niedersächsischen Ferienbetriebe, die der Verband vertritt, sei sehr gut aufgestellt. „Es hat sich eine erfreuliche Vielfalt entwickelt“, sagt Boggasch. Etliche Betriebe hätten ihren großen Pluspunkt, nämlich viel Platz in naturnaher Umgebung, erfolgreich ausgespielt: Von Tagungshaus bis Festsaal, von Aktivurlaub bis Familientreffen. Neben dem Klassiker, Familienurlaub auf dem Bauernhof, komme etwa das Konzept „Landreiselust“ des Verbandes sehr gut an. Es bietet Reiseerlebnisse zu Gasthöfen mit besonders schönen Gärten, buchbar auch mit Rosenlehrgang, Holunderernte oder als Kräuterwoche mit Kochkurs. Doch auch ein gutes Konzept sei nie zu Ende gedacht, sagt Boggasch: „Im Grunde muss man sich immer wieder neu erfinden.“

Thomas Hauschild und seine Schwester Sabine Kron
Thomas Hauschild, Erfinder der "Sylter Salatfrische", und seine Schwester Sabine Kron führen in sechster Generation das Restaurant "Zum Dorfkrug" in Neu Wulmstorf.
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Thomas Hauschild, führt das Restaurant "Zum Dorfkrug"
Monika Funk, Inhaberin der Pension Monika
Monika Funk hat die "Pension Monika" in Bispingen von ihrer Mutter übernommen und von grundauf erneuert.
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Monika Funk und ihre Tochter Lisa Buß
Monika Funk (r.) und ihre Tochter Lisa Buß nutzen die sozialen Netzwerke, um mit den Gästen ihrer "Pension Monika" in Kontakt zu bleiben.