„Demokratie beginnt mit uns“

Nach zwölf Jahren Unterbrechung gibt es seit dem Jahresanfang 2017 wieder eine Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung. Deren erklärtes Ziel: Für Demokratie begeistern. Direktorin der überparteilichen Einrichtung mit Sitz in Hannover ist Ulrika Engler. Im Interview spricht sie über den Wert der Demokratie und Herausforderungen durch mediale Veränderungen. Von Beate Bößl

Damit wir Sie ein wenig kennenlernen, Frau Engler, was hat für Sie persönlich den Blick dafür geschärft, dass Demokratie ein sehr wertvolles Gut ist?
Wirklich verstanden habe ich den Wert von Demokratie erst, als ich in Ländern, vor allem in Kamerun gelebt habe, in denen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht wirklich funktionieren: Wahlen, die ich nicht als frei bezeichnen würde; alltägliche Selbstjustiz, weil die Menschen sich nicht auf den Rechtsstaat verlassen können. Bei vielen Gesprächen auf den Marktplätzen habe ich dort die Ängste der Menschen vor staatlichen Übergriffen gespürt. Das hat mich vor knapp zwanzig Jahren motiviert, mich für Demokratie stark zu machen. Seitdem arbeite ich aufeuropäischer und regionaler Ebene für die politische Bildung und freue mich sehr, mich seit Anfang dieses Jahres für die politische Bildung in Niedersachsen einsetzen zu können.

Welche Kontakte haben Sie bei der Neugründung der Landeszentrale als erstes in den Blick genommen?
Seit Mai ist das ganze Team mit insgesamt acht Personen komplett. Unser Konzept für dieses Jahr steht: Neben zahlreichen Veranstaltungen und digital aufbereiteten Infos machen wir ab Ende August eine Tour durch Niedersachen, um die neue Landeszentrale und ihre Arbeit vorzustellen. Auch den Wahl-O-Mat für die anstehenden Wahlen werden wir gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung entwickeln. Und natürlich planen wir, wichtige Themen aufzubereiten. Gesellschaftspolitische Herausforderungen wie die Auswirkung von Digitalisierung auf unsere Demokratie, Populismus, Extremismus und viele weitere werden wir bearbeiten. Dies wollen wir vor allem in Kooperationen machen. Dafür sind die Erwachsenenbildung, die Jugendarbeit und weitere zivilgesellschaftliche Akteure wichtige Partner. Auch die Zusammenarbeit mit IHKs könnte ich mir sehr gut vorstellen – besonders mit Blick auf die Azubis.

Landeszentralen waren immer Orte des Wissensaustausches – und früher bekannt für Broschüren und Bücher. Nun hat sich seit der Schließung der Landeszentrale 2005 und der Neueröffnung 2017  die Medienwelt in rasant digitalisiert. Vor welche (organisatorischen) Herausforderungen stellt Sie das? 
Ja, auf die guten alten Broschüren und Bücher werde ich beim Stichwort Landeszentrale immer angesprochen. Schon nach wenigen Wochen reichte mein Regal im Büro nicht mehr aus, um die Neuerscheinungen der Bundeszentrale für politische Bildung zu fassen. Literatur in Printform haben wir genug in guter Qualität. Auf diese werden wir auch verweisen und sie nutzen. Was wir verstärkt brauchen, ist die Präsenz der politischen Bildung im Netz und ansprechende Kurzfilme und digitale Formate, die Lust auf Demokratie machen. Das wollen wir bieten, um komplexe Themen anschaulich und schnell zu erfassen. Unser Motto lautet: Demokratie beginnt mit Dir! Demokratie lebt davon, dass viele Menschen ihre Meinungen einbringen. Dass dies heute ganz einfach und auch überregional geht, ist eine riesige Errungenschaft des digitalen Zeitalters. Es geht uns in erster Linie darum, auch junge Leute anzusprechen. Und dafür ist die digitale Welt unerlässlich.

Twitter, Facebook, Instagram – während politische Themen an Komplexität gewinnen, werden die Transportmittel für Informationen kürzer und bilderlastiger. Welche Ansätze gibt es, um Klicks für Politik zu generieren?
Im Netz steht und fällt alles mit einer guten, knackigen Aufbereitung. Und natürlich ist die große Frage, wie wir als Landeszentrale besonders den Zugang zu jungen Menschen finden werden. Wir möchten hierfür zum Beispiel mit Influencern in den sozialen Medien arbeiten. Gerade bei jungen Menschen ist es entscheidend, dass Menschen, die gefragt sind, unsere Infos teilen. Der wichtigste Unterschied der digitalen Medien zu den alten Broschüren ist ja, dass sie nicht statisch sind, sondern sich schnell verändern. Das heißt, wir werden ständig auf dem Weg sein, und Methoden suchen, wie wir uns mit wenig Mitteln möglichst breit aufstellen und viele Menschen erreichen können. Ein wichtiges Ziel ist auch, Bildungsprozesse digital zu gestalten. Man kann zum Beispiel digitale Ansätze wie Geocaching oder Games direkt in die politische Bildungsarbeit integrieren. Damit gelingt es gut, junge Menschen anzusprechen. Letzten Endes muss Bildung immer in längeren Prozessen und neben dem digitalen Raum auch face to face stattfinden. Natürlich werden wir daher auch häufig persönlich unterwegs sein, viele Kontakte knüpfen und direkte Angebote machen.

Die IHKs erstellen gemeinsam Positionspapiere, etwa zur Bundestags- oder Landtagswahl, um den Diskurs zwischen Wirtschaft und Politik zu befördern. Welchen Beitrag leisten sie damit für die politische Bildung?
Demokratie lebt davon, dass verschiedene Akteure ihre Meinung einbringen und Forderungen an die Politik stellen. Die Interessenslagen müssen auf den Tisch und die einzelnen Punkte gilt es zu diskutieren und auszuhandeln. Für die politische Bildung können Positionspapiere verschiedener Seiten ein wichtiges Material sein, damit die einzelnen Bürger sich eine eigene Meinung bilden können. Erst wenn ich verschiedene Positionen kennen und verstehe, habe ich eine Grundlage für meinen eigenen Standpunkt.

Ulrika Engler hat Bildungsmanagerin langjährige Erfahrungen mit politischer Bildung und Menschenrechtsthemen. Foto: LpB Niedersachsen
Ulrika Engler hat Bildungsmanagerin langjährige Erfahrungen mit politischer Bildung und Menschenrechtsthemen. Foto: LpB Niedersachsen
Tour durch Niedersachsen
Im August und September geht die Landeszentrale für politische Bildung auf Tour durch Niedersachsen – mit einem umfassenden Fortbildungsangebot, ergänzt durch Vorträge und Diskussionsrunden zu aktuellen Themen. Im IHK-Bezirk Lüneburg-Wolfsburg gibt es zwei Termine:

13. September, Lüneburg, Volkshochschule Region Lüneburg
Von 9 bis 15.45 Uhr gibt es einen Workskop für Multiplikatoren. Ab 16 Uhr steht ein Vortrag samt Diskussion zum Thema „Fakten, Fakten, Fake News: Wie gehen wir heute mit Informationen um?“ auf dem Programm.

19. September, Gifhorn, Feuerwehrtechnische Zentrale
Von 9 bis 15.45 Uhr gibt es einen Workskop für Multiplikatoren. Ab 16 Uhr steht ein Vortrag samt Diskussion zum Thema „Jugend, Medien und Politische Partizipation“ auf dem Programm.

Weitere Informationen und Anmeldung zu den Tour-Terminen unter: https://www.demokratie.niedersachsen.de/tour/