„IT ist ein riesiger Einfallsvektor für Angreifer“

Herr Dr. Gaycken, Ihre Karriere startete in der Hacker-Vereinigung „Chaos Computer Club“. Heute beraten Sie Unternehmen und Politik zu IT-Sicherheit. Worin liegen die größten Risiken der Digitalisierung?
Die Risiken sind lange verschlafen worden, niemand hat sie wirklich ernst genommen. Es gab keine Investitionen, keine Forschung. Die Sicherheitssysteme sind sehr oberflächlich, wir haben uns auf ein furchtbar verwundbares Substrat gesetzt. Das funktionierte, solange es kaum Angreifer gab. Jetzt kollabiert das Ganze. IT ist ein riesiger Einfallsvektor für Angreifer, ein Riesendesaster.

Ein Beispiel?
Herzschrittmacher, die mit dem Internet verbunden sind. Wenn der Patient Probleme hat, kann der Arzt sofort handeln. Das kann Leben retten. Gleichzeitig bedeutet die Konnektivität, dass Hacker den Hersteller damit erpressen können, sämtlichen verbauten Herzschrittmachern gleichzeitig eine tödliche Konfiguration zu programmieren. Der Nutzen ist großartig, die Risiken aber auch.

Beim Thema digitale Wirtschaft scheint es bloß drei Positionen zu geben: die Optimisten, die Skeptiker und die Pessimisten. Wozu zählen Sie?
Zu den Skeptikern. Ich bin aber optimistisch, dass man die Sicherheitsprobleme lösen kann.

Und wie?
Indem wir zu einer digitalen Weisheit kommen. Es gibt den philosophischen Begriff der Klugheit: das ist Intelligenz, also Smartness, kombiniert mit einem Wertesystem. Start-ups zum Beispiel sind smart, aber nicht klug, weil sie nicht darüber nachdenken, was ihre Erfindung für die Gesellschaft wirklich bedeutet. Es werden Fakten geschaffen, die uns in einen Sachzwang manövrieren: Beispiel Herzschrittmacher. Ein wenig Klugheit von vornherein wäre schön gewesen.

Was raten Sie Kleinen und Mittelständischen Unternehmen in Sachen Digitalisierung?
Die KMU’s haben es besonders schwer. Sie werden von IT-Firmen belagert, gleichzeitig ist es für sie schwierig, die Risiken einzuschätzen und für Sicherheit zu sorgen. Ich rate ihnen daher, zum Skeptiker zu werden und ganz konkrete Fragen an die IT zu stellen: Bringt die Digitalisierung meinem Prozess wirklich so viel? Kann ich Risiken und Sicherheit einschätzen? An dieser Stelle muss leider jeder für sich eine eigene Entscheidung treffen.

Interview: Carolin George

Dr. Sandro Gaycken, Experte im Bereich Cyberkriminalität

GedankenGut mit Dr. Sandro Gaycken in Wolfsburg
Zum Thema „Wirtschaft digital – neue Werte für Unternehmen und Politik“ spricht Dr. Sandro Gaycken am Donnerstag, 19. Oktober, im Hallenbad – Kultur am Schachtweg, Schachtweg 31 in Wolfsburg. Der Netzwerkabend der IHK-Reihe GedankenGut beginnt um 18.30 Uhr. Zunächst steht die Auszeichnung des IHK-Ehrenamts für die Stadt Wolfsburg auf dem Programm. Nach dem Vortrag von Dr. Gaycken schließt sich eine Fragerunde an, bevor der Abend mit Fingerfood und Live-Musik ausklingt.
Informationen und Anmeldung unter gedankengut.ihklw.de

Zur Person
Dr. Sandro Gaycken, 43, zählt zu den international führenden Experten im Bereich Cyberkriminalität. Gaycken hat in Berlin Philosophie und Physik studiert und zum Thema „Technisches Wissen“ promoviert. 2016 gründete Gaycken das Digital Society Institute in Berlin, er berät den Bundestag und die NATO zu Fragen im Bereich IT, Cyberwar und Geheimhaltung. Unter dem Titel „Wirtschaft digital – neue Werte für Unternehmen und Politik“ referiert der Technik-Philosoph in der Reihe GedankenGut über den Balanceakt zwischen Datenschutz und digitaler Sicherheit.