Persönlichkeit statt Psychopath

Frau Grieger-Langer, als Wirtschafts-Profiler analysieren Sie im Auftrag von Unternehmen potenzielle Mitarbeiter auf Gefahren und Risiken. Sie erkennen Trickser, Lügner und Betrüger. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich komme oft zum Einsatz, wenn die letzte Entscheidung für oder gegen einen Bewerbungskandidaten ansteht. Meine Auftraggeber wollen sichergehen, dass sie sich für die richtige Person entscheiden. An diesem Punkt werde ich als Character- und Comportment-Profiler (comportment = engl. Verhalten, Anmerkung der Redaktion) hinzugerufen. Ich analysiere Charaktere auf Gefahren und Risiken – und erkenne Muster für Lug und Betrug. Dabei bin ich nicht allein: Ein Profi kann keinen Psychopathen erkennen. Beteiligt sind bis zu 25 Analysten, die alle Quellen durchleuchten. Wir werten die Bewerbungsunterlagen und öffentlich zugängliches Material aus – von Selbstdarstellungen auf Internetforen bis hin zu Schrift- oder Stimmproben. Dabei suchen wir nach Mustern und Brüchen in der Silhouette. Dazu nutzen wir Algorithmen und setzen am Ende alle Bausteine zu einer vollständigen Charakteranalyse zusammen. Auf dessen Grundlage gebe ich meinen Kunden, überwiegend großen und mittelständischen Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine Orientierung für ihre Personalentscheidung an die Hand.

Müssen Sie einen Menschen gar nicht sehen, um einen haltbaren Befund stellen zu können?

Nein. Wir können Bilder, Videos, Texte und Schriftproben so analysieren, dass eine Begegnung mit dem Menschen nicht nötig ist. Im Gegenteil: Wir schauen uns die Zielperson genau an, ohne dass sie oder er Einfluss nehmen kann. Und manchmal sind die Hinweis sehr offensichtlich – und werden trotzdem von vielen Personalverantwortlichen übersehen: Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass nur drei von 100 Personalern die Adresse des Bewerbers als Adresse einer Justizvollzugsanstalt erkannt haben.

Wie verbreitet sind Lug und Betrug bei der Bewerbung um Führungspositionen?

Untersuchungen haben gezeigt, dass 70 Prozent der Lebensläufe Unwahrheiten enthalten. Der Lebenslauf wird geschönt. Hochschulabschlüsse werden genannt, die es gar nicht gibt. Bewerber versuchen sich oft in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Und sie kommen damit leider – aufgrund nachlässiger oder keiner Überprüfung – oft genug durch.

Es gibt polizeiliche Führungszeugnisse – und Google. Eine Eigenrecherche wäre durchaus möglich. Warum greifen Unternehmen auf Ihre Dienste zurück?

Unternehmen könnten natürlich selbst recherchieren und die Bewerbungsunterlagen kontrollieren. Aber die meisten tun es einfach nicht. Und das nenne ich schlicht fahrlässig. Für Headhunter-Honorar, Gehalt, Abfindung und Dienstwagen sind schnell 100.000 Euro weg. So einen Fehler macht man besser nicht oft. Vor allem für  kleine und mittelständische Unternehmen, die in Zeiten des Fachkräftemangels oft Kompromisse bei der Kandidatenwahl eingehen, kann eine falsche Entscheidung sehr schmerzhaft und sogar existenzbedrohend sein.

Welche Tipps geben Sie Unternehmen?

Die Hauptsache ist, dass sie sich die Mühe machen sollten, Aussagen im Lebenslauf und Bewerbungsgespräch zu überprüfen. Falls jemand angibt, in einer bestimmten Hochschule gewesen zu sein, sollte man dort anrufen und fragen, ob das wirklich stimmt.

Sie warnen besonders vor Psychopathen, die laut einiger Studien überdurchschnittlich oft Führungspositionen bekleiden. Warum ist die Spezies an diesen Stellen so verbreitet?

Psychopathen sind oft vermeintliche High-Performer, die sich gut verkaufen können und Entscheidungen schnell und konsequent treffen. Während andere zögern würden, verfolgen Psychopathen eiskalt ihre Ziele – im Sinne ihrer eigenen Agenda. Psychopathen sind immer egozentrisch unterwegs, sie denken dual – ich und du, du musst mir was geben, während der echte Performer eher denkt, wir können zusammen etwas Großes erreichen. Hinzu kommt: Psychopathen streben den Kick der Macht an. Für eine Machtposition tun sie alles bis zur äußersten Brutalität und planen wie Schachspieler voraus. Diese vermeintliche Stärke und Entscheidungskraft macht Psychopathen auf den ersten Blick als Führungskraft attraktiv.

Was macht Psychopathen auf Führungspositionen so gefährlich?

Sie sind immer gefährlich – ob im beruflichen oder privaten Umfeld. Sie folgen ihren eigenen Zielen eiskalt, ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen. Sie sind emotionslos, aber dennoch voll funktionsfähig. Das macht ihre Identifizierung so schwierig. Sie sind manipulativ und steuern andere Menschen. Ihr Interesse gilt dabei einzig allein ihrem Weg zu Macht, Status und Geld. Und sie werden im Unternehmen oft gespalten wahrgenommen. Die einen sind absolute Fans, die anderen strenge Kritiker – ein Dazwischen gibt es nicht. Auf Dauer sorgen Psychopathen durch ihr Verhalten für Unruhe, Unzufriedenheit und sind Hemmnis für Weiterentwicklung und Erfolg.

Wie geht man mit Psychochefs um?

Ganz einfach gesagt: Man muss sie möglichst schnell loswerden. Psychopathen lassen sich nicht ändern oder in andere Bahnen lenken. Im Gegenteil: Sie werden weiterhin ihren Weg skrupellos und kühl verfolgen. Das schadet Unternehmen im Großen und Teams im Kleinen auf Dauer immer. Deshalb ist ein klarer Schnitt die beste Lösung für alle Beteiligten.

Hat ein durchschnittlicher Personaler eine Chance, Psychopathen zu erkennen?

Nein, das ist kaum möglich. Sie können die entscheidenden Informationen nicht lesen, denn sie wissen nicht, welche Symptome wofür stehen. Sie haben es schließlich nicht gelernt, Verhaltensmuster zu erkennen. Psychopathen können sich gut verkaufen. Sie sind häufig sehr charmant und witzig. Wenn man sie trifft, sonnt man sich gewöhnlich in ihrer Aufmerksamkeit. Dabei merkt man oft nicht, dass man es mit Menschen ohne Menschlichkeit zu tun hat. Hinzu kommt erschwerend, dass Psychopathen in der Regel gute Schauspieler sind. Den wahren Kern hinter der Fassade zu erkennen, ist selbst Profis nur im Team und mit viel Erfahrung möglich. Natürlich gibt es auch ein paar schlechte Schauspieler, die selbst der Laie erkennen kann. Aber die wirklich gefährlichen Kandidaten für Unternehmen sind die sehr guten Schauspieler, die man nur mit externer Hilfe identifizieren kann.

Grit Preibisch

Profiler Suzanne Grieger-Langer

Suzanne Grieger-Langer
Als Profilerin unterstützt Suzanne Grieger-Langer Unternehmen im Recruitment, in der Verhandlungsvorbereitung und im Bereich Betrugserkennung. Ihr tägliches Geschäft ist die Erkennung von persönlichen Potenzialen wie auch die Erkennung von  Betrügern. Die Pädagogin, Psychologin, Autorin und  Hochschul-Dozentin ist Gründerin der Grieger-Langer Gruppe mit einem 150 Mann starken Expertennetzwerk.
www.profilersuzanne.com

GedankenGut mit Suzanne Grieger-Langer
Am 23. November widmet sich Suzanne Grieger-Langer im Filmpalast Lüneburg ab 18.30 Uhr dem Thema „007 statt 08/15: Mit Profiling den Fachkräften auf der Spur“. Diese Veranstaltung ist bereits ausgebucht. Über weitere Termine können Sie sich auf dem Laufenden halten unter: gedankengut.ihklw.de