Wunder muss man selber machen

Die Augsburger Mehrfachgründerin Sina Trinkwalder fordert ein Umdenken der Wirtschaft, die sich weniger am monetären Gewinn und mehr am Menschen orientieren sollte. Sie selbst hat einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, was sie glücklich macht. Mittlerweile verdient die Sozialunternehmerin damit aber sogar Geld. Von Anne Klesse

Als Mitte November die Nachricht über den geplanten Stellenabbau bei Siemens die Runde macht, schreibt Sina Trinkwalder bei Twitter: „Wir müssen endlich den menschlichen Gewinn und nicht den monetären in den Fokus rücken.“ Sie steht mit dieser Forderung nicht allein da. Gewerkschaften, Politiker und Journalisten appellieren an das Unternehmen, das gerade einen Jahresgewinn in Milliardenhöhe gemacht hat, Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten statt sie in Niedriglohnländer auszulagern.

Sina Trinkwalder, 39 Jahre alt, alleinerziehende Mutter eines Sohnes, Augsburger Sozialunternehmerin, kennt das schon. „Anfangs ist die Erregung hoch – und nach ein paar Wochen spricht niemand mehr darüber. Sina Trinkwalder aber vergisst nicht. Für manche mag die Bezeichnung „Sozialunternehmer“ nach Gutmenschentum oder Sozialromantik klingen (was auch immer das sein mag). Sie aber nennt es, ganz einfach, Verantwortung. Genauer: die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft.

Lange Zeit war die quirlige Frau mit der langen schwarzen Mähne und der auffälligen Brille selbst Teil des „Systems“ gewesen. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Politik- und BWL-Studium hatte sie mit ihrem damaligen Partner eine Werbeagentur gegründet. Sie kreierte Kampagnen für Rasenmäher und Küchenmaschinen, reiste von Termin zu Termin, verdiente mehr Geld, als sie ausgeben konnte. Und fragte sich irgendwann: Was mache ich hier eigentlich?

Relevant für die Gesellschaft

„Niemand sah, dass ich unglücklich war. Am wenigsten erkannte dies die dicke, schreiende Frau selbst. Die nämlich war im Grunde zufrieden mit dem, was sie hatte. Nur nicht mit dem, was sie war“, schreibt Sina Trinkwalder in ihrem Buch „Im nächsten Leben ist es zu spät“ (2017, Knaur Verlag). Mit der dicken, schreienden Frau meint sie sich selbst, ihr früheres Ich. „Es ging mir nicht darum, Sinn in meinem Leben zu finden. Ich musste mein Leben finden.“ Mandalas ausmalen oder ein Indien-Trip zur Selbstfindung würde die Situation nicht lösen, da war sie sicher.

Sie habe nach einer Arbeit gesucht, einer, die relevant ist für die Gesellschaft. Und kam so auf: Arbeit. Die Leistung eines Menschen wird an dem gemessen, was er beruflich erreicht hat, ist sie überzeugt. „Was fragen wir, wenn wir jemanden abends an der Bar kennenlernen? Wir fragen nicht „Wie geht`s dir?“, sondern wir fragen „Was machst du?“.“ Wer nichts zu erzählen hat, stehe im Abseits. Menschen Arbeit geben, die anderswo keine Chance haben, sie aus dem Abseits holen und gleichzeitig etwas produzieren. Wert schöpfen – und weniger abschöpfen. Die Idee zu ihrem Sozialunternehmen „Manomama“ war geboren.

2010 gründete Sina Trinkwalder ohne Kredite oder Fördergelder, allein mit privatem Geld die Textilmanufaktur in Augsburg, in der sie Langzeitarbeitslose beschäftigt, Migranten, Menschen mit Handikap, Alte. „Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen werden sie vom Jobcenter genannt“, weiß Sina Trinkwalder. Über solche respektlose Sachlichkeit kann sie nur den Kopf schütteln. Bei „Manomama“ arbeiten die Frauen und Männer an den Nähmaschinen und produzieren ökologische Textilien, anfangs vor allem Beutel und Taschen, mittlerweile auch Kleidung.

Sina Trinkwalder geht es nicht um kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg, sie will ihren Beitrag zu einer sozialeren und ökologisch verantwortungsvolleren Gesellschaft leisten. Foto: manomama
Sina Trinkwalder geht es nicht um kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg, sie will ihren Beitrag zu einer sozialeren und ökologisch verantwortungsvolleren Gesellschaft leisten. Foto: manomama
Die Veranstaltungsreihe GedankenGut steht 2018 unter dem Thema "Mitmachen!".

Dabei sein –und mitmachen!
Den Auftakt zur dritten Runde der IHK-Veranstaltungsreihe GedankenGut macht Sina Trinkwalder: Am 25. Januar spricht die Sozial-Unternehmerin im Kloster Medingen im Landkreis Uelzen. Unsere IHK hat 2018 aber noch viele weitere spannende Themen und frische Impulse vorbereitet: Mit inspirierenden Vorträgen zum Jahresthema „Mitmachen!“ rückt GedankenGut die Neuwahl unserer IHK-Vollversammlung in den Mittelpunkt.

Freuen Sie sich auf Referenten wie den Autor Walter Kohl, Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, die frühere Piraten-Politikerin Marina Weisband und den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. die Teilnahme an allen GedankenGut-Veranstaltungen ist kostenlos, eine Anmeldung jedoch erforderlich. Erweitern Sie Ihr Netzwerk, kommen Sie mit uns ins Gespräch, kurzum: Machen Sie mit! Wir freuen uns auf Sie.

Langfristige, nachhaltige Geschäftsbeziehungen

Die Bio-Baumwolle bezieht sie aus Tansania, die Bio-Schafwolle aus Deutschland. Dabei verlässt sie sich nicht auf Öko-Zertifikate, denn die kosten oftmals viel Geld, das nicht jeder Bauer aufbringen kann. Sina Trinkwalder setzt auf den persönlichen Eindruck vor Ort und auf langfristige Kooperationen – mit ihren Mitarbeitern, aber auch den Lieferanten, Baumwollbauern, Spinnern, Webern und Färbern. Ihr Credo: „Jeder Mensch braucht Sinn, Sicherheit und Wertschätzung, einfach ein klares Bekenntnis.“

Sicherheit und Wertschätzung sind ihr wichtig. Mit Barmherzigkeit habe das nichts zu tun – „wir sind ein Wirtschaftsunternehmen“. Drei Jahre nach der Gründung schrieb „Manomama“ schwarze Zahlen, mittlerweile macht der Nähbetrieb zehn Millionen Euro Jahresumsatz. „Auch mit sozialen Projekten kann man wirtschaftlich erfolgreich sein. Wir sind keine karitative Einrichtung, sondern ein stinknormales Unternehmen, das sich allerdings am Menschen orientiert“, sagt Sina Trinkwalder stolz. „Wir schöpfen nicht, wie andere Unternehmen, horrende Summen ab. Aber solch hohe Gewinne kann heutzutage ohnehin keiner mehr rechtfertigen, da sie immer auf Kosten von Mensch und Umwelt gehen.“ Klassische soziale Marktwirtschaft betreibe sie, sagt Sina Trinkwalder: „Wirtschaft für den Menschen und nicht durch den Menschen“.

Ihr Antrieb: Menschenliebe

Dabei sollte die Arbeit Spaß machen. Und die Mitarbeiterschaft, die „Ladies und Gentlemen“, wie sie ihre rund 150 Festangestellten nennt, vom Erfolg partizipieren. „Wir sollten zurückkommen zum klassischen Bild des Familienunternehmers, der sich Zeit für seine Mitarbeiter nimmt, durch die Produktionsreihen geht und sich für die Belange seiner Leute interessiert“, findet sie. Mitarbeiter sollten das Gefühl haben, am Unternehmenserfolg beteiligt zu sein. „Wenn wir nicht alle beginnen, radikal unseren absoluten Anspruch an die Wirtschaft umzudenken, dann sehe ich für die Zukunft schwarz. Anstatt allein den monetären Gewinn in den Mittelpunkt zu stellen, sollte ein Unternehmen den Menschen dienen.“ Deshalb hat Sina Trinkwalder kürzlich ein weiteres Unternehmen gegründet: „Brichbag“ verarbeitet Stoffreste einer Markisenfirma zu Rucksäcken, die an Obdachlose verschenkt werden.

Antrieb sei ihre Menschenliebe, sagt sie. „Einfach machen. Wunder geschehen nicht, Wunder muss man selber machen.“

Zwei Jahre habe „die doppelte Häutung“ gedauert, erzählt sie. Zwei Jahre, in denen sie auch lernte, dass es neben dem unternehmerischen Dasein und dem „Um-alle-anderen-Kümmern“ eine Zeit für sie selbst und Erholung geben sollte. Sie schreibt: „Heute weiß ich, wer ich bin. Und, vor allem, was ich bin: glücklich.“ Das Suchen nach sich selbst sei nicht einfach, warnt sie. Aber: „Am Ende wartet jemand auf dich, den du lieben wirst: du selbst. Also Ärmel hoch, Probleme lösen und glücklich sein. Denn: Im nächsten Leben ist zu spät.“