Viel mehr als eine Bank

Am Anfang standen 28 Männer und eine Idee. Nahe Lüchow im Wendland wurde 1917 die Spar- und Darlehenskasse Woltersdorf als Genossenschaftsbank gegründet. Heute spielt das kleine Dorf wieder eine Vorreiterrolle in dem Unternehmen, das mittlerweile den Namen VR Plus Altmark-Wendland trägt. „Woltersdorf ist unser Musterstandort“, sagt Vorstandsmitglied Hanno Jahn. Dabei bekommt das „Plus“ im Namen seine praktische Bedeutung: Statt die vorhandene kleine Bankfiliale zu schließen, wird sie nun ergänzt um eine Tankstelle mit Waschanlage, Shop und Bistro. „Durch die Kombination sind die Kosten tragbar. Und das ist auch unsere Vision: Überall, wo wir einen Standort haben, wollen wir möglichst alle Unternehmensbereiche präsentieren.“

Eine Bank, die viel mehr ist als eine Bank – dieses Geschäftsmodell verfolgt das Unternehmen aus dem Wendland seit 100 Jahren konsequent. Die VR Plus Altmark-Wendland steht erfolgreich da: Als Deutschlands zweitgrößte Kreditgenossenschaft mit Warengeschäft ist sie längst kein Zwerg mehr. Mit 900 Mitarbeitern, 48.000 Bank- und 60.000 Warenkunden sowie einer Bilanzsumme von 802 Millionen Euro ist sie in einem Geschäftsgebiet aktiv, das sich mittlerweile über das Vierländereck Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erstreckt. An insgesamt 70 Standorten tritt neben die Finanzdienstleistungen der Warenhandel als zweites Standbein. Über die Unternehmensbereiche Agrar und Technik und acht Tochterunternehmen wird der Agrarhandel organisiert: von Getreide und Saatgut über Dünge- und Futtermittel bis zur Viehvermarktung. Hinzu kommen 20 Tankstellen und der Einzelhandel mit Garten-, Bau- und Tierbedarf in den Raiffeisenmärkten.

Die Verwurzelung in der Landwirtschaft ist mehr als ein Erbe aus den Gründerjahren: „Heute sind zwar nur noch zehn Prozent unserer Kunden Landwirte, aber 50 Prozent des Kreditvolumens gehen in die Landwirtschaft“, sagt Jahn. Weniger, aber größere Betriebe erfordern  intelligente Logistikkonzepte. Das Unternehmen konzentriert sich auf die verkehrsgünstigen Knotenpunkte, hat etwa im Lüneburger Hafen kürzlich eine Dünger-Lagerhalle für acht Millionen Euro eingeweiht.

Den Anstoß für diese Entwicklung gab vor allem die deutsche Wiedervereinigung. Während andere Genossenschaftsbanken Ende der 80er Jahre das Warengeschäft längst aufgegeben hatten, startete man im Wendland mit der Wende richtig durch. „Wir sind in drei Richtungen gewachsen und konnten als Partner vor Ort viele Investitionsprojekte in den neuen Ländern übernehmen.“ Unter dem zunehmenden Kostendruck folgten weitere Fusionen, zuletzt ging die Volksbank Osterburg-Lüchow-Dannenberg Anfang 2017 mit der Volksbank Clenze-Hitzacker zusammen. Auch wenn damit der Stammsitz Lüchow aus dem Namen verschwunden ist, erweist sich das historische Geschäftsmodell heute als zukunftsweisend. „Weil wir den Warensektor nicht aufgegeben haben, ist immer für einen gewissen Ausgleich gesorgt“, sagt Jahn, „mit Zinsen allein ist schließlich kein Geld mehr zu verdienen.“ Hinzu kommt die Bedeutung als Wirtschaftskraft mit einer starken Präsenz in der ländlichen Region, aus der sich andere längst zurückgezogen haben. „Wir sind ja nicht Aktionären verpflichtet, sondern allein unseren Mitgliedern, also den Menschen vor Ort“, sagt Jahn. Zwar könne man nicht mehr in jedem Dorf präsent sein. „Dafür entwickeln wir uns zu einer Art Nahversorger, bei dem man sich auch mal auf einen Kaffee treffen kann. Das ist ein Plus an Lebensqualität auf dem Lande.“ Ute Klingberg

Foto: VR Plus Altmark-Wendland eG
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Shop VR Plus Altmark Wendland EG
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Außenansicht VR Plus
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