Drucker, die die Welt verändern

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Zukunft des Universitäts-Standorts Volgershall reichlich ungewiss. Derzeit nutzen noch etwa 480 Studierende der Ingenieurwissenschaften den Altbau für Lehrveranstaltungen und Büros, doch auch sie werden bald weg sein. Ab Mitte kommenden Jahres will sich die Leuphana-Universität komplett aus Volgershall zurückziehen und ihren Betrieb auf den zentralen Campus zwischen Universitätsallee und Scharnhorststraße verlagern.

In einen Teil des Neubaus in Volgershall zog bereits 2013 das Jobcenter der Arbeitsagentur. Nun sind weitere 2.000 Quadratmeter in dem Gebäude vermietet: Im kommenden Frühjahr will die Bionic Production AG ihren Sitz von Hamburg-Bergedorf nach Lüneburg verlegen und eine „Bionic Smart Factory“ errichten. Dahinter steckt eine 3-D-Druck-Fertigungsanlage für individuelle Bauteile sowie Kleinserien. Aktuell laufen Gespräche mit weiteren Unternehmen und Forschungsinstitutionen aus dem Bereich der Additiven Fertigung, dem Laser Zentrum Nord sowie dem Der PC- und Druckerhersteller hewlett packard. In den kommenden Jahren soll so ein 3-D-Campus entstehen, der der regionalen Wirtschaft eine Zukunftstechnologie unmittelbar zugänglich macht und ihnen so Wettbewerbsvorteile verschaffen soll.

Unsere IHK hat die Ansiedlung der Bionic Production AG maßgeblich begleitet und im Rahmen des Entwicklungsprozesses „Smart Region“ gemeinsam mit der IHK Stade, dem Land Niedersachsen, den Landkreisen der Süderelbe-Region und dem Amt für regionale Landesentwicklung gefördert.

Bionic Production ist selbst noch ein relativ junges Unternehmen. 2015 als Spin-Off von Studierenden am Laser Zentrum Nord der Technischen Universität Hamburg gegründet, bietet es seinen Kunden Beratung, Fertigung und die Weiterentwicklung von Komponenten im 3-D-Druck an. Bislang arbeiten 15 Mitarbeiter am Standort Hamburg-Bergedorf. In Lüneburg sollen es doppelt so viele, in einigen Jahren mehr als sechsmal so viele sein. Das Unternehmen hat vor, in den kommenden drei Jahren 12 bis 13 Millionen Euro zu investieren, zusätzlich eine knappe Million in die Forschung und Entwicklung zu stecken. „Das ist schon ein ziemlich großes Rad, was wir hier drehen“, sagt Wolfgang Bülow, Vorstand der Bionic Production AG.

Ziemlich groß ist auch die Aufmerksamkeit, die das Thema 3-D-Druck seit einiger Zeit erfährt. Weltweit ist von jährlichen Zuwachsraten zwischen 30 und 40 Prozent die Rede, allerdings ausgehend von einem relativ niedrigen Niveau. Zahnersatz, Flugzeugteile oder Ebenbilder zum Verschenken: Die Liste der möglichen (und bezahlbaren) Produkte aus dem Drucker wird immer länger. Dabei können Teile realisiert werden, die mit herkömmlichen Produktionsweisen wie Spritzguss, Fräsen oder Drehen nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand zu realisieren sind. Durch den schichtweisen Aufbau – daher die Bezeichnung Additive oder Generative Fertigung – entstehen Hohlkörper und netzartige Gitter, die leicht und flexibel, aber trotzdem belastbar sind. Häufig sind diese Strukturen der Natur nachempfunden. So erklärt sich auch der Firmenname Bionic Production.

Wolfgang Bülow berichtet von einer speziellen Düse, die sein Unternehmen für einen Schleifmittelhersteller gefertigt hat. Sie bringt die Kühlflüssigkeit direkt am Schleifkopf ein und verringert den Verbrauch von Kühl- und Schmiermitteln enorm. Für einen Hersteller von Fenster- und Türbeschlägen hat Bionic Production neue Formen für den Spritzguss entwickelt. Dadurch, dass zusätzliche Kühlkanäle eingebracht wurden, reduziert der Kunde die Abkühl- und Aushärtzeiten und kann so seine Produktionskapazität steigern. Für einen Automobilhersteller haben die 3-D-Experten einen Bremssattel bionisch konstruiert, der etwa 40 Prozent weniger wiegt als das ursprüngliche Modell.

Unternehmen können mithilfe des 3-D-Drucks auch Teile fertigen, die sie bisher lagern mussten. Das ist insbesondere in der Ersatzteilversorgung nützlich. Wer vor Ort und just in time drucken kann, spart nicht nur die Kosten für die Lieferung, sondern auch umfangreiche Lagerhaltung. „Das klingt natürlich sehr verlockend“, gibt Wolfgang Bülow zu. Er warnt aber auch: „ Realität ist, dass der Prozess noch nicht so weit ist, fertige Teile zu drucken.“ Für die Nachbehandlung seien häufig spezielle Maschinen und entsprechend qualifizierte Mitarbeiter nötig.

Aber das muss nicht so bleiben. Am Standort Volgershall will Bionic Production unter anderem daran arbeiten, in einem Arbeitsgang drucken und nachbearbeiten zu können. „Der 3-D-Druck ist im Moment durch eine Vielzahl von manuellen Tätigkeiten und Systembrüchen gekennzeichnet“, sagt Wolfgang Bülow: „Nach dem Druck wird zum Beispiel noch wärmebehandelt, drahterodiert, oberflächenbehandelt und gefräst oder gedreht. Wir wollen den Ablauf so designen, dass wir vorne Pulver und Bauteildaten reinstecken und hinten ein weitgehend fertiges Produkt rauskommt.“

Wie es langfristig mit den Immobilien in Volgershall weitergeht, ist noch immer unklar. Im kommenden Jahr will die Universität entscheiden, wie der bald leere Altbau verwendet wird. Grundsätzlich ist geplant, den gesamten Standort zu verkaufen. Aber jetzt zieht erstmal die Zukunft ein. cb

Wolfgang Bülow, Bionic, 3-D-Druck
Bionic-Production-Vorstand Wolfgang Bülow zeigt gedruckte Bauteile für die Luftfahrt. Foto: Andreas Tamme
Birgit Honé (SPD), Staatssekretärin für Europa und regionale Landesentwicklung in der Niedersächsischen StaatskanzleiUlrich Mädge (SPD), Oberbürgermeister der Hansestadt LüneburgProf. (HSG) Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg
Für die Region Lüneburg ist die Ansiedlung der Bionic Production AG eine hervorragende Chance, den Standort national wie international zu positionieren. Durch die geplante Weiterentwicklung zu einem 3-D-Campus können neue Standards, Prozesse und Produkte entstehen, die maßgeblichen Einfluss auf die Zukunft der 3-D-Technologie haben.
Birgit Honé (SPD), Staatssekretärin für Europa und regionale Landesentwicklung in der Niedersächsischen Staatskanzlei
Die gebündelte Zusammenarbeit von Forschung und Industrie / Produktion stärkt den Hochschulstandort Lüneburg. Sie führt aber auch zu einem Mehrwert für den Mittelstand in der Region Lüneburg, der auf diese Weise ganz direkt Zugang zu modernstem Know-how und zu fortschrittlichsten Technologien hat.
Ulrich Mädge (SPD), Oberbürgermeister der Hansestadt Lüneburg
Die Förderung von regionaler Entwicklung ist ein wichtiges Anliegen der Leuphana. Daher freut es uns sehr, dass wir diese Kooperation auf den Weg bringen konnten. Ich bin mir sicher, dass sowohl unsere Forschung als auch die technische Entwicklung im 3-D-Druck von der Zusammenarbeit profitieren werden.
Prof. (HSG) Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg