Buchtipps aus Lüchow

Stefanie Thörmer, Inhaberin der Alten Jeetzel-Buchhandlung in Lüchow, gibt Buchtipps.

Und-die-Voegel-werden-singen

Aeham Ahmad
Und die Vögel werden singen

Ein junger Mann sitzt zwischen vollkommen zerstörten Häusern auf der Straße an einem Klavier und singt. Er singt für die Menschen in seinem Viertel, die seit Monaten hungern und für die Kinder, um sie von den Schrecken des Krieges abzulenken.
Dieses Bild aus Syrien ging 2014 um die Welt und ist auch auf dem Cover des Buches abgebildet, in dem Aeham Ahmad, der Pianist aus den Trümmern, seine Geschichte erzählt. Von seiner behüteten Kindheit im friedlichen Syrien, von seinem blinden Vater, einem Instrumentenbauer, der sein musikalisches Talent von Beginn an fördert. So schafft es Aeham (ein Palästinenserkind aus dem Ghetto Yarmouk) am staatlichen Musikinstitut von Damaskus aufgenommen zu werden. Später gründet er mit seinem Vater einen Instrumentenladen und arbeitet als gefragter Musiklehrer. Doch als in Syrien der Krieg ausbricht, wird Yarmouk vom Assad-Regime zu feindlichem Gebiet erklärt und alles verändert sich. Auch davon erzählt er, vom schwierigen Leben in der Belagerung und von seiner lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland, das ihm zur neuen Heimat werden muss.
Seine Musik tröstet, ermutigt und bewegt Menschen auf der ganzen Welt und ist ein beeindruckendes Beispiel von Widerstand und Zuversicht.
ISBN 978-3-10-397317-4, S. Fischer Verlag, 20 Euro

Das-Kaff

Jan Böttcher
Das Kaff

Man muss ihn nicht lieben, den ehemaligen Tischler, jetzt Architekt, Herrn Schürtz. Aber spannend ist es schon, wie er die dörfliche „Idylle“ beschreibt, in die er zurückkehrt, nachdem er lange in Berlin gelebt hat. Eigentlich betreut er als Bauleiter nur den Hausbau in dem kleinen Kaff, in dem er aufwuchs. Doch je länger er sich dort aufhält, desto mehr kommen die Erinnerungen. An seine Kindheit, die nicht nur glücklich war, und an viele Gelegenheiten, in denen er sich sicher anders hätte verhalten können und müssen. Doch dieses Muster zieht sich weiterhin durch sein Leben – und wieder stößt er fast jeden vor den Kopf, hinterlässt zum Beispiel die ihm zur Verfügung gestellte Wohnung des einzigen Freundes zugequalmt und im Chaos. Aber dann wird Herr Schürtz gefragt, ob er ehrenamtlich als Jugendfußballtrainer arbeiten wolle. Ihm wird klar, dass er nicht wieder fortgehen möchte, vor allem nicht nach Berlin zurück. Doch bis zu seiner eigentlichen Ankunft im Kaff ist es noch ein weiter Weg.

Ich war fasziniert davon, wie sich dörfliche Strukturen doch überall wiederfinden – etwas, das Jan Böttcher, der aus Lüneburg stammt, sehr gut beschrieben hat. Er lebt inzwischen mit seiner Familie in Berlin.

ISBN 978-3-351-03716-1, Aufbau Verlag, 20 Euro

Wiesenstein

Hans Pleschinski
Wiesenstein

1945, das Ende des Zweiten Weltkriegs, Bombardierung Dresdens, Rückblick auf ein Dichterleben: Der hinfällige Gerhart Hauptmann, einst Bewohner und Bewunderer dieser Stadt, möchte nur noch nach Hause, nach Schlesien. Wiesenstein heißt seine Burg zum Schutz und Trutz, einst hat er sie erbauen lassen, am Fuße des Riesengebirges. Hier wird er die letzten Monate seines Lebens verbringen, umsorgt von einer kleinen Schar Dienstpersonal in einem Haus, das – noch – den Anschein eines halbwegs geordneten Lebens hat. So wie damals, als er nicht mehr ganz auf der Höhe seiner Zeit umworben und umschwärmt wurde. Aber auch hier in seiner „Heimat“ ist der Niedergang nicht aufzuhalten: Gewalt und Mord, Flucht und Vertreibung. Es ist ein Stück deutscher Geschichte.

Pleschinski erzählt in seiner hervorragend recherchierten Romanbiografie vielschichtig und anspruchsvoll von einem bemerkenswert beeindruckenden, aber auch widersprüchlichen Dramatiker- und Dichterleben.

ISBN 978-3-406-70061-3, C.H. Beck, 24 Euro