Humanoide Roboter werden kommen

Herr Professor Hild, warum sind Roboter so faszinierend?
Weil sie uns helfen können, herauszufinden, warum wir Menschen so faszinierend sind. Im Forschungslabor Neurorobotik beschäftigen wir uns damit, wie Intelligenz entsteht, welche Formen der Intelligenz es gibt. Dahinter steht auch die erkenntnistheoretisch-philosophische Fragestellung: Was macht uns aus? Wir versuchen uns dem zu nähern, indem wir mit dem Roboter Myon interagieren und uns dadurch selbst reflektieren.

Sie haben Myon 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt und tatsächlich hat er mit 1,25 Meter etwa die Größe eines achtjährigen Kindes. Ist Myon auch im Kopf schon so weit?
Nein, das kann man generell so nicht sagen. In einigen Fähigkeiten ist er wie gerade geboren, in anderen aber auch schon deutlich weiter. Myon kann bereits stabil stehen und geführt gehen, ähnlich wie ein Kleinkind. Dafür sind seine sprachlichen Fähigkeiten noch nicht so stark entwickelt. Was Myon wie gut kann, hängt davon ab, wer in unserem Team ist. Wenn sich ein Mitarbeiter zum Beispiel besonders für abstraktes Denkvermögen oder für Rhythmusgefühl interessiert, dann kommt der Roboter – wenn es gut läuft – in diesem Bereich etwas voran.

Und was lernen Sie von Myon?
Dass die menschliche Entwicklung, körperlich und intellektuell, sehr komplex ist. Wenn wir zum Beispiel „Tasse“ sagen, haben wir nicht nur eine Vorstellung von dem Gegenstand. Wir wissen, dass wir daraus trinken können, dass die Tasse zerbricht und möglicherweise Flüssigkeit ausläuft, wenn sie vom Tisch fällt. Erst all diese Aspekte machen ein tiefgründiges Begreifen möglich. Myon kennt diese Aspekte noch nicht. Und manche sind sogar irrelevant, weil Roboter schließlich nicht trinken.

Wie muss man sich Ihre Arbeit mit Myon vorstellen?
Der Roboter hat eine SD-Karte, die alle Daten aus seinen Erlebnissen speichert. Das ähnelt einem episodischen Gedächtnis. Wenn ein Mitarbeiter mit dem Roboter etwas weiterentwickeln will, wird er entweder ein Stück Programmcode hinzufügen oder bereits existierende Daten verwenden und dann mit Myon interagieren. So entstehen wieder neue Daten. Über die Jahre wachsen auf diese Weise die Möglichkeiten des Roboters.

Also werden wir uns eines Tages an Roboter als Kollegen gewöhnen müssen?
Eines ist klar: Humanoide Roboter werden kommen. Vor allem im medizinischen Bereich, in der Gastronomie und im Handel herrscht großes Interesse. Supermärkte könnten Roboter als Kassierer einsetzen – sie bräuchten nicht mal Beine, nur Torso, Arme und den Kopf. Sie ermüden nicht, berücksichtigen Produktupdates und würden sogar am Wochenende oder spätabends bereitwillig arbeiten.

Klingt fast, als wären Roboter die besseren Menschen. Werden sie uns irgendwann beherrschen?
Ich finde es interessant, dass sich Menschen Sorgen machen, dass die Roboter die Herrschaft übernehmen – und sich offenbar weniger sorgen, welche Gruppe Menschen derzeit die Herrschaft übernimmt. Ich kann nur hoffen, dass wir Menschen uns anderen Lebewesen diplomatisch nähern, nicht nur mit Gewalt. Das werden wir brauchen, wenn Roboter einst eigene Interessen haben. Aber das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Bei Myon können wir immer noch den Stecker ziehen.

Interview: Christina Betz

Professor Manfred Hild
Foto: Neurorobotics Research Laboratory

Manfred Hild
Manfred Hild ist Professor für Digitale Systeme an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Er leitet das Forschungslabor Neurorobotik, in dem der Roboter Myon entwickelt wurde. Manfred Hild spricht am 16. Mai auf der GedankenGut-Veranstaltung in Gifhorn zum Thema „Künstliche Intelligenz: Was lernen Roboter von uns – und wir von ihnen?“ Myon kommt selbstverständlich mit. Bitte melden Sie sich online an: gedankengut.ihklw.de

Roboter Myon an einer Bushaltestelle
Foto: Neurorobotics Research Laboratory

Professor Manfred Hild spricht am 16. Mai in Gifhorn der Boxmühle in Gifhorn über die Frage „Was lernen Roboter von uns – und wir von ihnen?“. Melden Sie sich an unter gedankengut.ihklw.de