Italienisches Lebensgefühl auf zwei Rädern

Thomas Lüdde steht im Verkaufsraum seines Piaggio-Centers hinter einem knallblauen Roller. Im Hintergrund stehen weitere Modelle in Reih und Glied.
Foto: Frank Bierstedt
Thomas Lüdde, Inhaber des Piaggio-Centers Küttner, ist leidenschaftlicher Vespa-Fan. “Man muss mit Herzblut dabei sein, sonst funktioniert das nicht“, sagt er.

Als Enrico Piaggio seine Erfindung 1946 zum Patent anmeldete, konnte er nicht ahnen, dass sein Vespa-Roller alles andere als eine Eintagsfliege sein würde. Die Wespe aus Italien – schmale Taille, breites Hinterteil – ist längst Kult: Dafür sprechen 17 Millionen verkaufte Exemplare und eine Erfolgsgeschichte, die nicht abreißt. Einer, der daran mitschreibt, ist Thomas Lüdde. In seinem Gifhorner Piaggio-Center ist die Vespa eindeutig die Königin. Kann man den Kult erklären? „Es ist das italienische Lebensgefühl genauso wie das einzigartige ästhetische Design“, sagt Lüdde und schmunzelt: „Unsere Kunden holen sich eine Portion dolce vita in die Südheide.“ Dazu kommen handfeste Argumente: „Die Vespa ist schnell, wendig und in der Stadt unschlagbar“, sagt der Händler.

Rund 60 Exemplare des Kult-Rollers stehen in Lüddes Ausstellung am Schillerplatz auf 300 Quadratmetern in Reih und Glied. Die Modellpalette ist weit gefächert: Farben von knallig bunt bis klassisch, Motorisierungen für alle Führerscheinklassen. Besonders gefragt ist auch das Modell MP3 – das Dreirad unter den Zweirädern. „Das hat einen starken 500 Kubikzentimeter Motor, aber man braucht keinen Motorradführerschein. Für viele Kunden also der praktische Autoersatz, der die Parkplatzsuche überflüssig macht.“

Auch wenn Lüdde schon als Teenager in der väterlichen Werkstatt an allem geschraubt hat, was ihm unter die Finger kam – die Liebe zum Roller musste reifen. Denn es war reiner Zufall, dass sich die Firma Küttner Ende der Sechziger Jahre den Zweirädern aus italienischer Herstellung zuwandte. Ursprünglich 1864 als Stellmacherei gegründet, hatte sich das alteingesessene Unternehmen schon immer als vielseitig erwiesen. Die Vorfahren bauten Spezialanhänger als Schutzhütten für Waldarbeiter. Georg Lüdde handelte mit Fahrzeugteilen und Werkzeugen.

Mehrere Roller stehen hintereinander in Reih und Glied. Rund 60 Exemplare des Kult-Rollers sind im Piaggio-Center Küttner zu finden.

Foto: Frank Bierstedt

„Ein Kunde fragte meinen Vater eines Tages: Kannst du mir nicht ein Mofa besorgen?“, erzählt Thomas Lüdde, der das Geschäft 1994 in der vierten Generation übernahm. Lüdde konnte, orderte ein „Ciao“-Mofa aus Italien und fing an, einen kleinen Teil des Hauses am Schillerplatz für die Zweiräder zu reservieren. „Zuerst war das tatsächlich noch unser Nischenprodukt“, sagt der Sohn. „Aber die Nachfrage wuchs und zog dann in den Achtzigern mit Einführung der 80-Kubikzentimetermeter-Klasse richtig stark an.“

Lüdde erweiterte das Geschäft und eröffnete 1997 als Piaggio-Center. Zwölf Jahre später kam mit Aprilia eine weitere Marke des italienischen Konzerns dazu. Auch als Billigmopeds aus Fernost zeitweise den Markt regelrecht überschwemmten, blieb der Händler relativ gelassen: „Qualität setzt sich am Ende immer durch“, lautet seine Erfahrung. Zuverlässigkeit, Langlebigkeit und umfassender Service seien das, was die Kunden wollten. „Wer sich einmal über ein Billigmodell aus dem Baumarkt geärgert hat, der kommt zu uns zurück.“

Ab 2.000 Euro aufwärts finden Kunden hier das passende Moped: Schüler sind genauso dabei wie Leute, die im Urlaub den Spaß am Rollerfahren entdeckt haben. Bei einer Probefahrt kann man sich den Wind um die Nase wehen lassen. Und Zubehör von Helmen über Kleidung bis zum Top-Case gibt es in reicher Auswahl, Werkstatt- und TÜV-Service runden das Angebot ab.  

Längst ist Lüdde zum leidenschaftlichen Vespa-Fan geworden, der betagte Maschinen liebevoll aufarbeitet. Kenner schätzen seine Expertise, Kunden bewundern seine historische Sammlung. “Man muss mit Herzblut dabei sein, sonst funktioniert das nicht“, sagt er.  Auch wenn die schmucke „Primavera“ von 1966 sein ganzer Stolz ist, auf den jüngsten Zugang der Flotte war Lüdde gespannt wie lange nicht: Neu auf dem Markt und im Gifhorner Geschäft ist die „Vespa Elettrica“ – vier Stunden Ladezeit, mindestens 80 Kilometer Reichweite.

„Elektromobilität ist die Zukunft“, sagt Lüdde. Aber ob das legendäre Vespa-Fahrgefühl leiden würde, das war die große Sorge des Spezialisten. Die Probefahrt hat sofort überzeugt: „Es ist unglaublich, wie viel Kraft tatsächlich in einem Elektromotor steckt.“ Er ist sicher: Der Kult bleibt – auch elektrisch.