Klare Kante gegen Rassismus

Das Foto zeigt Hände unterschiedlicher Hautfarben, die die Menschen übereinander gelegt haben.
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Was können Unternehmen tun für ein demokratisch geprägtes Betriebsklima? Haltung zeigen und aktiv gegen demokratiefeindliche Tendenzen Position beziehen.

Herr Allmendinger, die AfD sitzt im Deutschen Bundestag, auch in anderen europäischen Ländern feiern Rechtspopulisten Erfolge bei Wahlen. Insbesondere Arbeiterinnen und Arbeiter wählen rechtspopulistische Parteien. Warum?
Es ist ein Paradoxon: In Österreich haben die Rechtspopulisten der FPÖ bei den letzten Wahlen unter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern enorme Erfolge erzielt. In Regierungsverantwortung (mit der ÖVP) hat die Partei dann allerdings unter anderem den Zwölf-Stunden-Arbeitstag und die 60-Stunden-Woche durchgesetzt. Mit der Folge, dass in Wien und anderen Städten Zehntausende Menschen gegen das Arbeitszeitgesetz auf die Straße gingen. Die sozialpopulistische Rhetorik der Rechtspopulisten greift das Bedürfnis nach einfachen Konzepten in einer immer komplexer wirkenden, global vernetzten Welt auf. Bedient wird ein Unsicherheitsgefühl, die Angst vor sozialem Abstieg, vor Arbeitsplatzverlust und Armut. In der politischen Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten ist es häufig sehr mühsam, deren Argumente zu demaskieren, da meist nur Probleme genannt, nicht aber konkrete Lösungsvorschläge aufgezeigt werden.

Klare Kante zeigen gegen fremdenfeindliche, diskriminierende, rassistische Äußerungen, zugleich aber jenen eine offene Tür anbieten, die in ihrer Meinung noch nicht gefestigt sind.

Was können Gewerkschaften tun?
Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, hat die Strategie der „klaren Kante und offenen Tür“ geprägt: Klare Kante zeigen gegen fremdenfeindliche, diskriminierende, rassistische Äußerungen, zugleich aber jenen eine offene Tür anbieten, die in ihrer Meinung noch nicht gefestigt sind. Ich glaube, diese Strategie kann erfolgreich sein. Viele Wählerinnen und Wähler rechtspopulistischer Parteien sind nicht überzeugte Rechtsextreme. Allerdings gibt es durchaus Personen, die rechtsextreme Sichtweisen teilen und fest davon überzeugt sind. Diese sind gewiss sehr viel schwieriger zu erreichen und für die Demokratie zurückzugewinnen.

Was bedeutet der „Aufstieg der neuen Rechten“ für Unternehmen?
Rechtspopulisten in Europa fordern den Austritt aus der Europäischen Union und eine stärker nationalistisch geprägte Wirtschaftspolitik. Das bedroht nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das friedliche Miteinander, sondern auch konkret den Wirtschaftsstandort. Als Export-Europameister ist Deutschland auf den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen angewiesen. Vom europäischen Binnenmarkt hängt in weiten Teilen unser Wohlstand ab. Bilder von den Ausschreitungen in Chemnitz gingen um die Welt und können das Image einer Region, teilweise sogar eines ganzen Landes nachhaltig beschädigen. Es gibt zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die nach diesen Vorkommnissen Anfragen aus dem Ausland erhalten haben, von Investoren, Geschäftspartnern und Kunden, die verunsichert waren. So gefährden rassistisch motivierte Übergriffe letztlich auch das Unternehmensimage. Und natürlich ist die Anwerbung ausländischer Fachkräfte in bestimmten Regionen schwierig, wenn in der internationalen Presse von „No-Go-Areas“ die Rede ist.

Ein Positivbeispiel ist der sächsische Uhrenhersteller Nomos Glashütte, etwa 40 km von Dresden entfernt. Das Unternehmen ist offensiv mit den Geschehnissen in seiner Region umgegangen und hat sich klar gegen Rechtspopulismus positioniert.

Was sollten Unternehmen in so einer Situation tun?
Haltung zeigen und aktiv gegen demokratiefeindliche Tendenzen Position beziehen. Ein Positivbeispiel ist der sächsische Uhrenhersteller Nomos Glashütte, etwa 40 Kilometer von Dresden entfernt. Das Unternehmen ist offensiv mit den Geschehnissen in seiner Region umgegangen und hat sich klar gegen Rechtspopulismus positioniert, professionelle externe Hilfe eingeholt und sogar Schulungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeboten, um für das Themenfeld zu sensibilisieren und eine hausinterne Debatte anzustoßen.

Wie sollen Betriebe mit rechter Hetze von Arbeitnehmern umgehen?
Der Betrieb ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Dementsprechend können rechtsextreme Einstellungsmuster in allen Betriebsbereichen auftauchen. Grundsätzlich gibt es verschiedene Handlungsoptionen: Unternehmer können ein Leitbild entwickeln, ihre Hausordnung überprüfen, eine Betriebsvereinbarung ausarbeiten, einen gemeinsamen Wertekanon definieren. Beeindruckendes Beispiel ist hier Siemens: Letztes Jahr veröffentlichten Vorstand, Gesamtbetriebsrat, leitende Angestellte und die IG Metall eine gemeinsame Erklärung gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass und Nationalismus. Auch erwähnenswert ist die bundesweite Kampagne von 50 Familienunternehmen unter dem Motto „Made in Germany – Made by Vielfalt“ gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und zunehmenden Rechtspopulismus. Unternehmen können und sollten sich für demokratische Werte einsetzen. In einer Allianz mit anderen ist dies natürlich oftmals einfacher.

Unternehmer können ein Leitbild entwickeln, ihre Hausordnung überprüfen, eine Betriebsvereinbarung ausarbeiten, einen gemeinsamen Wertekanon definieren.

Ihre drei konkreten Tipps für Unternehmer?
Eine demokratische Haltung zeigen und diese inner- wie außerbetrieblich offen kommunizieren. Politische Bildungsprozesse anstoßen, etwa mit hausinternen Schulungen oder offenen Diskussionsangeboten. In Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine gemeinsame Unternehmensleitlinie definieren. Es gibt kein Patentrezept, aber jeder kann etwas tun.