Kultur in der Krise

Leere Bühne
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Ohne Kunst und Kultur wird es still. Damit es soweit aber nicht kommt, zeigt sich die Branche kreativ und setzt auf Digitale Formate und Vernetzung untereinander.

Normalerweise verdient Timm Markgraf sein Geld mit Musik und Film. Doch seit Monaten lebt der Singer-Songwriter und Filmemacher aus Vögelsen bei Lüneburg quasi von der Hand in den Mund. Denn seit im Frühjahr die COVID19-Pandemie Deutschland erreichte, ist seine Einkommensquelle praktisch versiegt. „Ich hatte kaum Rücklagen und bin froh, dass mir Freunde helfen und ich in einer Wohngemeinschaft lebe“, so Markgraf.

Timm Markgraf sitzt hinter Sebastina Weiß auf einer Treppe, Weiß steht an eine Wand gelehnt. Timm Markgraf (l.) und Sebastian Weiß haben die #coronakünstlerhilfe gegründet.

So wie ihm geht es vielen Künstlerinnen und Künstlern in der Region. Seit Monaten können sie ihrem Beruf nicht nachgehen. Eine echte Perspektive fehlt: Wann Konzerte, Theatervorstellungen und andere Veranstaltungen mit Publikum wieder möglich sein werden, ist ungewiss. „Ohne Kunst und Kultur wird`s still“, warnt eine bundesweite Kampagne. Denn viele Freiberufler, die mit Musik, Tanz oder Theater bislang ihren Lebensunterhalt als Soloselbständige verdient haben, fallen offenbar durchs (Auffang-)Netz.

Kultur- und Kreativbranche als eine der ersten betroffen

Gleich zu Beginn der Corona-Maßnahmen im Frühjahr hat Markgraf zusammen mit dem Unternehmer Benjamin Klein deshalb die Initiative #coronakünstlerhilfe ins Leben gerufen, um diejenigen der Branche zu unterstützen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Es begann mit einer eher mäßig erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne. „Wir hatten symbolisch ein Crowdfunding-Ziel von zehn Millionen Euro angegeben“, so Markgraf. Am Ende kamen rund 3.000 Euro zusammen. Dabei waren die zehn Millionen nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern eher noch zu tief gestapelt.

Immerhin waren 2019 bundesweit mehr als 190.000 Kulturschaffende in der Künstlersozialkasse (KSK) versichert. Die meisten im Bereich der bildenden Kunst, gefolgt von Musik, Wort und darstellender Kunst. Der Frauen- und Männeranteil ist laut KSK in allen Bereichen recht ausgeglichen. Die Altersstruktur zeigt größere Unterschiede: Fast 63.000 der Versicherten sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Die 40- bis 50-Jährigen bilden die zweitgrößte Gruppe. Etwa gleich viele sind entweder zwischen 30 und 40 oder aber über 60 Jahre alt. Die wenigsten Versicherten (rund 5.500) sind jünger als 30. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der KSK-Versicherten betrug 2019 rund 18.500 Euro. Unter der Annahme, dass fast alle Versicherten ab dem zweiten Quartal bis Jahresende 2020 null Einkommen hatten, ergibt sich ein Ausfallvolumen von fast 2,6 Milliarden Euro. Eine Summe, die nicht annähernd von den Hilfspaketen aufgefangen wird.

Dabei war die Kultur- und Kreativbranche als eine der ersten Zwangsschließungen betroffen und hat bis jetzt keinerlei Planungssicherheit, wann wieder losgelegt werden kann. „Aufklärungsarbeit ist in diesem Fall sehr wichtig und gleichzeitig schwierig“, so Markgraf. „Es wird suggeriert, dass geholfen wird, aber in der Realität haben wir Kulturschaffenden nichts davon.“ Deshalb gründeten er und Klein in Kooperation mit dem bereits bestehenden „1st Class Session e.V.“ in Lüneburg den mildtätigen Verein „1st Class Session – Artist support“ und sammeln nun Spenden, die sie an Künstlerinnen und Künstler, die sich bei ihnen um Förderung bewerben, weiterleiten. Beim Lesen der Berichte von Kulturschaffenden, die auf eine Finanzspritze in Höhe von 1000 Euro hoffen, ist Markgraf mitunter erschüttert: „Da gab es eine Opernsängerin, der zig Auftritte abgesagt wurden und gleichzeitig wegen Eigenbedarfs die Wohnung gekündigt wurde – das sind schon bedrohliche Schicksale.“

Unternehmen und Influencer unterstützen Künstler

Das erste halbe Jahr sei schleppend angelaufen, „aber im letzten Monat haben wir rund 30.000 Euro Spendengelder erhalten“, freut sich Markgraf. „Seit dem zweiten Lockdown hat sich das Bewusstsein geändert. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, melden sich immer mehr Unternehmen und auch Influencer, die uns unterstützen möchten. Und es kommen täglich kleinere Spenden von Privatpersonen.“ Bis Ende des Jahres rechnet er mit insgesamt bis zu 90.000 Euro. Prominentester Unterstützer ist aktuell der Influencer Rezo, der versprochen hat, pro verkauftem Kleidungsstück seiner Modelinie einen Euro an den Verein zu spenden.

Porträt von Meike Bergmann mit Corona-Mundschutz In den Edeka-Märkten von Meike Bergmann können Kunden ihre Leergut-Bons spenden.

Foto: Edeka Bergmann

Ein Lüneburger Unternehmen, das sich bereits in dritter Familiengeneration die regionale Verantwortung auf die Fahne geschrieben hat, ist Edeka Bergmann. In den drei Märkten Saline, Adendorf sowie im Loewe-Center können Kundinnen und Kunden ihre Leergut-Bons spenden. „Im Frühjahr haben wir von den so zusammen gekommenen Spendengeldern Gutscheine in der benachbarten Gastronomie gekauft und diese an Pflegekräfte und das Krankenhaus in Lüneburg verschenkt“, so Inhaberin Meike Bergmann. Immerhin kämen auf diese Weise im Monat meist mehrere Hundert Euro zusammen. „Eine gute Möglichkeit, Kleinbeträge zu sammeln“, findet sie. Aktuell unterstützt die Unternehmerin mit den Kundenspenden Musiker und Künstler aus der Region. Weil auch ihre musikalisch begleiteten Edeka-Schlemmerabende zurzeit nicht stattfinden dürfen, plant Bergmann für das letzte Adventswochenende nun eine musikalische Begleitung von den schon gebuchten Musikern in ihren Märkten. „Und statt einer Weihnachtsfeier bekommen unsere Angestellten in diesem Jahr ein Paket mit Produkten aus der Region sowie einen Gastronomiegutschein.“

Die Krise gemeinsam stemmen und das Beste draus machen – das versuchen viele Betroffene in der Region. In der Lüneburger KulturBäckerei können Ausstellungen oder Theatervorstellungen derzeit nicht stattfinden. Auch der Besuch der Ateliers sei nur bedingt möglich, berichtet Geschäftsführerin Kristin Halm: „Wir sind gerade dabei, als Betreiber der KulturBäckerei einen gemeinsamen Onlineshop für die Ateliermieter aufzubauen.“

Und so geht das Jahr langsam zu Ende, doch die Probleme sind für viele dieselben wie im Frühjahr. Die größte Schwierigkeit: Es gibt keine Perspektive, wie lange dieser Zustand noch anhalten wird. „Man weiß einfach nicht, wann es wieder los geht“, sagt auch Liedermacherin Marie Diot aus Hannover. „Die meisten Veranstalter trauen sich auch für 2021 noch nichts zu planen.“ Über Monate musste sie etliche Auftritte absagen. „Vorher war ich viel auf Poetry Slams unterwegs und wurde für Comedy-Auftritte gebucht. Im Herbst wollte ich mit meinem neuen Album „Apfel im Strudel der ewigen Liebe“ auf Tour gehen. Nun fällt alles aus“, so die Künstlerin. Als Soloselbständige konnte sie von den ersten Hilfspaketen im Frühjahr nicht profitieren. „Da diese zur Deckung der Betriebsausgaben vorgesehen waren, ich aber kaum Betriebsausgaben habe, habe ich weder beim Bund noch beim Land irgendetwas beantragt.“

Marie Diot steht an einem Keyboard, im Hintergrund saugt ein Mann Staub. Liedermacherin Marie Diot: „Man weiß einfach nicht, wann es wieder los geht.“

Das Konzert zu ihrer Album-Veröffentlichung gab sie für ihre Fans nun online über ihren eigenen Youtube-Kanal. Obwohl sich auch das zunächst schwieriger gestaltete als gedacht: „Mit meinem Gitarristen und den drei Technikern, die wir für das Konzert gern dabei gehabt hätten, wären mehr als die erlaubten zwei Haushalte in einem Raum gewesen – also haben wir Musiker uns auf die Schnelle selbst beigebracht, wie wir einen Live Stream machen können und auf welche technischen Details wir achten müssen.“

Auch die aktuell in Aussicht gestellten Hilfspakete, die nun aufgrund der erneuten Schließung von Kultureinrichtungen ausgezahlt werden sollen, nimmt sie nicht in Anspruch. „Voraussetzung ist ein bestimmtes Mindesteinkommen, das ich jedoch nie hatte. Wie mir geht es vielen Künstlerinnen und Künstlern – die Hilfsmaßnahmen gehen an der Realität vieler Betroffenen einfach vorbei“, findet Diot. Miete, Verpflegung und anderes kosten natürlich weiter Geld. Sie bleibt trotz allem optimistisch. „Verhungern muss ich glücklicherweise nicht, meine Eltern und Großeltern unterstützen mich in dieser harten Zeit finanziell.“

Viel unbezahlte Arbeit 

Auch sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ihre Fans seien dankbar über jede Performance im Netz, viele seien mittlerweile kulturell ausgehungert. Mit den Menschen in Kontakt zu bleiben ist Diot wichtig, sie vernetzt sich mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Ihr Comedy-Programm musste sie indes ganz auf Eis legen: „Ohne Publikum ist Comedy schwierig, das funktioniert nur mit dem direkten Feedback“.

Ihre Künstleragentur dapper.entertainment in Celle vertritt neben Diot eine weitere Liedermacherin, einen Kabarettisten und ein Orchester und hat in der „Kultur querbeet“-Reihe in der Vergangenheit bis zu 20 Konzerte im Jahr veranstaltet. „Unsere Künstlerinnen und Künstler waren für rund 300 Konzerte dieses Jahr engagiert, für sie ist der Lockdown hochgradig frustrierend“, bestätigt Geschäftsführer Carsten Dapper. Finanziell sei die Situation aber für alle, die mit Kunst und Kultur Geld verdienen, schwierig. Mit seiner Agentur könne er noch ein paar Monate durchhalten. „Ich weiß jedoch von befreundeten Agenten und Veranstaltern, deren Existenz mittlerweile bedroht ist.“

Porträt Carsten Dapper Künstleragent Carsten Dapper schätzt, dass seine Agentur noch ein paar Monate durchhalten kann.

Foto David Borghoff

Über zu wenig Arbeit kann er sich unterdessen nicht beschweren, im Gegenteil: Seit Monaten ist er dabei, Konzerte zu verlegen. Das Problem: Seine Provision fließt nur einmal – nach Veranstaltungsende. Auch in seiner Funktion als Veranstalter hat er mit Rückabwicklungen, Erstattungen, Terminverlegungen und Absagen rund um die Uhr zu tun. Vorverkaufsgebühren beispielsweise müsse er erstatten, ohne sie gegenrechnen zu können. „Für die Tätigkeit als Künstlervermittler gibt es bislang keine spezifischen Förderprogramme. In der Hinsicht gehen wir leer aus. Als Kulturveranstalter haben wir eine Förderung im Rahmen des Bundesprogramms „Neustart Kultur“ für unsere nächste Spielzeit beantragt und hoffen auf eine rasche Bewilligung, ebenso wie auf die versprochenen Novemberhilfen. Auch konnten wir Sofort- und Überbrückungshilfen beantragen, das hilft schonmal weiter“, so Dapper. „Für sehr viele Kulturschaffende sind die Umstände aber ungemein frustrierend, insbesondere für die Solo-Selbstständigen, die bei den bisherigen Hilfsprogrammen durch das Raster gefallen sind und auf Grundsicherung verwiesen wurden.“

Novemberhilfe des Bundes ab sofort abrufbar

Die sogenannte Novemberhilfe der Bundesregierung für Unternehmen, Betriebe, Selbstständige, Vereine und Einrichtungen, die von den temporären Schließungen aktuell betroffen sind, kann seit dem 25. November beantragt werden und soll in den Dezember verlängert werden. Sie beinhaltet Zuschüsse bis zu 75 Prozent des durchschnittlichen Wochenumsatzes im November 2019. Solo-Selbständige können alternativ den durchschnittlichen Wochenumsatz aus 2019 wählen. Damit schnell Geld fließt, sollen rasch Abschlagszahlungen erfolgen: Für Solo-Selbständige bis zu 5.000 Euro, Unternehmen erhalten bis zu 10.000 Euro Abschlag.

Dapper setzt auf Vernetzung in der Region. „Hier gab es hochwertige Streamingangebote wie music@home, bei dem zwei meiner Künstlerinnen vertreten waren. Die wurden sehr gut angenommen, das Spendenaufkommen war hoch“, weiß er zu berichten. Auch mit Sponsoring von Unternehmen hat er gute Erfahrungen gemacht und zwei „Pastinaken und Poeten“-Abende mit Hilfe des ansässigen Energieversorgers SVO auf die Beine gestellt. „Ohne die Unterstützung solcher Unternehmen kann Kunst und Kultur, die nicht staatlich subventioniert ist, unter Corona-Bedingungen nicht stattfinden.“

Porträt von Lea Dietrichs, Antje Blumenbach und Nils von Walcke-Schuldt Kooperieren für die digitalen Sonntagsperlen (v.l.): Lea Dietrichs, Antje Blumenbach und Nils von Walcke-Schuldt.

Foto: Jan-Rasmus Lippels I Frische Fotografie

Mit Kooperationen zwischen Kulturschaffenden und Unternehmen hat auch Antje Blumenbach gute Erfahrungen gemacht. Die Inhaberin der „Provinzperle“ bietet in ihrem Geschäft in der Lüneburger Altstadt neben Wein, Küchenutensilien und Dekorationsartikeln sonst auch Catering und Kulturabende an. Aus der Not heraus startete sie im April die „Sonntagsperlen“ und bietet in Zusammenarbeit mit dem Veranstaltungstechnik-Unternehmen Amphire Künstlerinnen und Künstlern eine digitale Bühne. Die bislang etwa einmal im Monat via Facebook und Youtube live übertragenen Videos mit Dokumentationen, Küchentalk, Interviews und anderem stellt sie auf die Website der Provinzperle (provinzperle.de). Das Motto: „Wein aufmachen und genießen.“ Kulturprogramm, zumindest via Bildschirm ins eigene Wohnzimmer übertragen.

Zusammenhalt in der Region stark

Ihre Sonntagsperlen sieht sie gemeinsam mit der Firma Amphire als „Non-Profit-Veranstaltung“. „Mit Hilfe von lokalen Sponsoren können wir die Ausgaben decken und den Künstlerinnen und Künstlern sowie den Technikern eine Aufwandsentschädigung zahlen“, so Blumenbach. Ihr gehe es darum, die Gemeinschaft zu stärken.

Bundesweit macht die Kampagne „Ohne Kunst und Kultur wird`s still“ mit Schwarzweiß-Fotomotiven von Kulturschaffenden auf sich aufmerksam. In Lüneburg gibt es jetzt die ähnliche Aktion „Ohne uns ist`s still“ mit Motiven von mehr als 80 „Lüneburger Kulturgesichtern“ des Fotografen Jan-Rasmus Lippels, der selbst ebenfalls in Lüneburg wohnt. Blumenbach unterstützt die Aktion und gibt zu bedenken: „Wer jetzt auf der Strecke bleibt, ist nachher vielleicht nicht mehr da! Kultur hat einfach keine Lobby, da müssen wir Unternehmerinnen und Unternehmer uns beteiligen.“

Sie selbst zapfe für ihre Ideen ihr großes Netzwerk an. „Der Zusammenhalt in der Region ist gerade sehr stark“, so Blumenbach. In der Sonntagsperlen-Folge vom 1. Advent ging es um die winterlich illuminierte Lüneburger Innenstadt. „Leider dürfen ja in diesem Jahr keine Weihnachtsmärkte stattfinden, da ist es umso wichtiger, das Positive zu sehen und zu zeigen, um trotzdem in Weihnachtsstimmung zu kommen.“

Mit Incentives Kultur fördern

Unternehmen können ihren Mitarbeitenden eine Freude machen – und gleichzeitig Kultureinrichtungen und Künstlerinnen und Künstler unterstützen. „Sachbezüge, die Arbeitgeber kostenlos oder vergünstigt gewähren, sind bis zur Grenze von 44 Euro im Monat steuerfrei. So auch unsere Konzert-Gutscheine für zwei Personen“, sagt Jens Thomsen, Erster Vorsitzender des „ONE WORLD“ Kulturzentrums in Reinstorf im Landkreis Lüneburg.

Das „ONE WORLD“ bietet ein umfangreiches Kulturprogramm mit Top-Jazzern, Musikern aus aller Welt und Heroes der lokalen Rockszene.

Weitere Informationen zu Mitarbeiter-Incentives und individuell zugeschnittene Programm-Angebote erhalten Unternehmen per Mail über meine_Reservierung@1w-lg.de. Telefonisch ist das „ONE WORLD“-Team zu erreichen unter 0172 5199031.