Kunden mit Virtual Reality begeistern

Tim Mittelstaedt mit einer VR-Brille
Foto: Sascha Wolters
Tim Mittelstaedt ist Gründer und Geschäftsführer von timmersive. Das Unternehmen mit Sitz in Hannover und Berlin produziert für Kunden aller Branchen 360-Grad-Videos und entwickelt VR-/AR-Konzepte.

Herr Mittelstaedt, Sie beraten Unternehmen und Kommunen zu den Möglichkeiten, die VR- und AR-Technologien ihnen bieten. Welche Entwicklung der letzten Jahre hat Sie persönlich am meisten begeistert und warum?
Als ich vor über fünf Jahren damit angefangen habe, war es sehr teuer, Virtual und Augmented Reality anzuwenden und nicht wirklich schön. Ich freue mich sehr, dass die Auflösung von VR-Brillen deutlich besser geworden ist und wir auf große Rechner, Sensoren und Kabel verzichten können. Seit 2019 setzen wir sogenannte Stand-Alone-Geräte ein, also man setzt die Brillen auf, drückt einen Kopf und los geht’s. Das macht das Ganze mobil, leicht und günstig. Gute VR-Brillen wie die Oculus Quest liegen heute bei knapp 450 Euro.

Immobilienmakler  können Häuser und Wohnungen komplett visualisieren und virtuell begehbar machen.

In welchen Bereichen wird die erweiterte Realität heute eingesetzt?
Oft sind es die Bereiche Marketing, Bildung und Ausbildung. Immobilienmakler beispielsweise können Häuser und Wohnungen komplett visualisieren und virtuell begehbar machen. Auch Fabrikanlagen lassen sich virtuell herstellen und prüfen, ob die Anlage in die Werkhalle passt. Und Mitarbeitende können schon mal an Maschinen trainieren, die noch gar nicht gebaut sind. Auch Autos werden mittlerweile in VR erstellt. Audi beispielsweise stattet gerade ganze Autohäuser mit VR aus, sodass Kunden bei virtuellen Testfahrten im Auto mit ihrer Wunschfarbe und -ausstattung die Fahreigenschaften testen können. Im Bereich Tourismus werden nicht nur 3D-generierte Räume genutzt, sondern oft auch 360-Grad-Videos oder -Bilder. Dafür nutzt man 360-Grad-Kameras, die den Nutzer der Brille in diesen Ort versetzt. Man fühlt sich dahin gebeamt. Viele Tourismusorte nutzen die Anwendungen, um die Schönheiten der Region zu zeigen, Hotels bewerben so ihre Hotelzimmer, weil Gäste sich schon beim Buchen im Reisebüro oder von zu Hause ein sehr gutes Bild machen können.

Braucht der Nutzer dafür immer eine VR-Brille?
Ideal ist das Ganze natürlich mit einem Headset anzuschauen, aber 360-Grad-Videos funktionieren mittlerweile auf jedem Smartphone. Das ist zwar nicht ganz so immersiv wie mit einer VR-Brille, man taucht also nicht so wirklich ein, kriegt aber trotzdem einen besseren Eindruck, als mit einem normalen 2D-Bild.

In New York, wo Flächen sehr teuer sind, präsentieren Möbelhäuser ein großes Repertoire an Waren mit AR- und VR-Anwendungen.

IKEA hat eine Lösung entwickelt, mit der Kunden zunächst in der erweiterten Realität testen können, wie ein Sofa im heimischen Wohnzimmer aussieht, bevor sie es letztlich kaufen. In welchen Bereichen des Handels wird das die Zukunft sein?
Die IKEA-App habe ich selbst schon genutzt und das war schon wirklich eine große planerische Hilfe. Im Einzelhandel bringt das Vor- und Nachteile. Vorteil ist natürlich, dass man beispielsweise Tablets oder ein Handy im Laden einsetzen kann und Möbelstücke und Objekte auch in anderen Variationen zeigen kann. In New York, wo Flächen sehr teuer sind, gibt es Möbelhäuser, die ein großes Repertoire an Waren mit Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen präsentieren. So können Kunden dort viel entdecken und profitieren gleichzeitig von der persönlichen Beratung. Auf der anderen Seite heißt das natürlich auch, wie bei Ikea: Der Kunde hat die App in der Hosentasche und kann auch zu Hause shoppen – und das ist ein weiterer Schritt dahin, dass sich die Innenstädte verändern werden.

Die Innenstadt wird ein Ort der Begegnung bleiben, an dem man Freunde in Cafés und Restaurants trifft und sich parallel inspirieren lässt von Produkten.

Wie wird diese Veränderung der Innenstädte aussehen?
Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass die Innenstadt komplett aus Handel besteht. Sie wird ein Ort der Begegnung bleiben, an dem man gerne Zeit verbringt, Freunde in Cafés und Restaurants trifft und sich parallel inspirieren lässt von Produkten. Schon heute brauchen wir die Innenstadt nicht unbedingt mehr zum Einkaufen, das kriegen wir – auch mit Augmented Reality – einfach im Wohnzimmer zu Hause hin. Ich habe zum Beispiel eine App auf dem Handy, mit der ich mit Blick durch die Kamera des Handys neue Sneaker anprobieren kann. Man richtet die Kamera einfach auf seine Füße und dann werden die neuen Schuhe darauf projiziert. Anwendungen, mit denen man sich ganze Kleidungsstücke auf den Leib schneidern lässt, gibt es bisher aber nur als Prototyp. Damit könnten zum Beispiel Modehäuser punkten, wenn sie diese Monitore, die ähnlich wie Spiegel funktionieren, im Schaufenster installieren. So könnten Menschen auch nach Ladenschluss und am Sonntag die neueste Kollektion ausprobieren. Lego hat beispielsweise Monitore mit Kameras in den Lego-Stores eingebaut und wenn man eine Packung Lego dort in die Kamera hält, baut sich mittels Augmented Reality auf dem Monitor das Lego-Set auf. Der richtige Durchbruch wird kommen, sobald wir die Anwendungen auf den normalen mobilen Endgeräten oder den VR-/AR-Brillen nutzen können.

Gerade erst werden wegen der Insolvenz von Karstadt/Galeria Kaufhof vielerorts große Kaufhäuser geschlossen. Mit welchen Konzepten könnten Städte und Gemeinden gegensteuern?
Ich bin überzeugt, dass Städte und Kommunen gut investieren, wenn sie solche großen Flächen kaufen, bevor diese einfach veröden oder dort irgendein Ein-Euro-Shop einzieht. Zentrale Flächen sollten zu sozialen Orten für Bürgerinnen und Bürger werden – zu Bibliotheken, Kitas und Beratungsstellen mit Räumen für städtische Events, kulturelle Veranstaltungen und Konzerte. Und mit Cafés und kleinem Handel. Damit es funktioniert, braucht man eine hohe Frequenz an Menschen. Also muss man Abwechslung bieten und Plätze durch Pflanzen und Wasserflächen verschönern. Im Umkehrschluss würde es weniger Handelsflächen geben, also vielleicht auch weniger Gewerbesteuer und weniger Menschen, die im Einzelhandel beschäftigt sind. Aber damit müssen wir klarkommen.

Das Internet ist das Lagerfeuer unserer heutigen Zeit. Die Menschen versammeln sich dort, wo sie Empfang haben.

Welche Bedeutung hat der Breitbandausbau?
Das Internet ist das Lagerfeuer unserer heutigen Zeit. Die Menschen versammeln sich dort, wo sie Empfang haben. Der Breitband-Ausbau bestimmt die Zukunft. Er ist eine Grundvoraussetzung für freies WLAN in den Städten – und um Menschen dorthin zu locken. Das gilt auch für freies WLAN in Läden – schon heute und erst recht, wenn wir über VR-/AR-Anwendungen nachdenken. Um VR-/AR-Anwendungen braucht man zwar keine 5G-Anbindung – allerdings wird das Ganze mit 5G noch spannender. Dann wird die Rechenleistung aus der Brille in die Cloud verlagert, die Brillen werden dann schlanker, leichter und sind damit noch selbstverständlicher zu nutzen.

Viele Menschen begegnen digitalen Technologien eher skeptisch und stellen der zunehmenden Digitalisierung einen Verlust an persönlicher Beratung und zwischenmenschlicher Nähe gegenüber. Wie sehen Sie das?
Das ist, glaube ich, eine Frage der Generation. Während die Älteren noch sehr großen Wert auf eine persönliche Beratung legen, empfindet die jüngere Generation es oft eher als störend, wenn Verkäufer fragen, ob sie helfen können. Sie holen sich ihre Beratung bei Influencern auf Social-Media-Kanälen. Und sie suchen viel mehr online, auch, weil dort immer alles verfügbar ist. Das gibt der Einzelhandel ja nicht unbedingt immer her. Multichannel-Systeme, mit denen Verkäufer den Warenbestand in anderen Filialen im Blick haben und dem Kunden sofort sagen können, wo er den Schuh in der richtigen Größe erhält oder ihm anbieten, den Schuh zu bestellen und nach Hause zu liefern, das gibt es nur selten. Oft sind sie schon die ersten Schritte auf dem Weg zur Digitalisierung nicht gegangen: Kartenzahlung akzeptieren und bei Google die Öffnungszeiten hinterlegen. Ich gehe davon aus, dass alle Einzelhändler, die sich der Digitalisierung verweigern und keine wirklich interessante Nische belegen, untergehen werden. Auch wenn es bestimmt Menschen gibt, die digitalen Technologien eher skeptisch gegenüberstehen.

Ich gehe davon aus, dass alle Einzelhändler, die sich der Digitalisierung verweigern und keine wirklich interessante Nische belegen, untergehen werden.

Wie lautet Ihr Tipp für Einzelhändler, Hoteliers und Gastronomen, die damit starten wollen, ihre Waren via VR/AR zu präsentieren?
Zunächst würde ich empfehlen, 360-Grad-Bilder von den Läden, Restaurants oder Hotels zu erstellen und diese auch bei Google zu hinterlegen, sodass man, wenn man das Unternehmen über Google Maps findet, direkt virtuell hineingehen und sich umsehen kann. Und, wenn man schon mal dabei ist, empfehle ich im zweiten Schritt auch ein 360-Grad-Video als Imagefilm zu erstellen, den man bei YouTube und Facebook hochlädt, um einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. Diese Videos lassen sich übrigens wunderbar mit einer VR-Brille auf Jobmessen nutzen. So erreicht man die junge Generation sehr gut und kann authentische Einblicke in den Betrieb gewähren. 360-Grad-Fotos und -Videos sind der leichte Einstieg in die immersive Welt. VR-Anwendungen machen vor allem Sinn, wenn man große Dinge präsentieren will, also zum Beispiel für ein Küchenstudio. Eine Augmented-Reality-App bietet sich an für einen Händler, der seine eigenen Waren vertreibt, diese 3D scannen lässt und dann können Kunden die Objekte über eine kleine App zu Hause virtuell hinstellen – und direkt bestellen. Das ist alles inzwischen relativ simpel umzusetzen und kostet nicht die Welt.

Können Sie grobe Richtwerte für Preise nennen?
Simple 360-Grad-Fotos sind ab etwa 500 Euro zu haben – für den Preis empfiehlt es sich allerdings schon eine eigene 360-Grad-Kamera anzuschaffen. Ein 360-Grad-Video fängt bei 3.000 bis 5.000 Euro an. Eine VR-Anwendung geht bei 30.000 bis 50.000 Euro los und eine simple Augmented-Reality-App kann im ersten Schritt schon bei unter 10.000 Euro starten. Man kann übrigens Augmented Reality auch ganz einfach in seine mobile Website integrieren, das ist eine Zeile Code, die der Webmaster einbinden muss. Dann kann man sich die 3D-Modelle mit einem Knopfdruck auf dem Bildschirm anzeigen lassen und mit einem weiteren Knopfdruck in den Raum stellen. Dazu bräuchte man dann noch nicht mal eine eigene App im Appstore und läge je nach vorhandenem 3D-Material bei etwa 3.000 Euro.

Tim Mittelstaedt, VR-/AR-Experte Tim Mittelstaedt, VR-/AR-Experte

Foto: Sascha Wolters

Zur Person

Tim Mittelstaedt ist Gründer und Geschäftsführer von timmersive. Das Unternehmen mit Sitz in Hannover und Berlin produziert für Kunden aller Branchen 360-Grad-Videos und entwickelt VR-/AR-Konzepte. Der Wirtschaftspsychologe mit einem Masterabschluss in Digital Media Management gilt als Experte für VR- und AR-Anwendungen und ist neben der Geschäftsführung als Koordinator Digitalisierung für die Region Hannover unterwegs. Außerdem gibt er sein Wissen als Dozent unter anderem an der Uni Leipzig weiter und promoviert dort aktuell zur Wirkung von Virtual Reality auf die politische Meinungsbildung.