„Das Leitbild ist das Führungsinstrument von heute“

Eine Illustration zeigt Männchen, die auf blauen Pfeilen laufen. Alle Pfeile zielen in Richtung eines roten Pfeils mit Raketenantrieb, auf dem ein goldenes Männchen sitzt.
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Ein Leitbild zu entwickeln, kann eine große Orientierungshilfe für jeden Mitarbeiter eines Betriebs sein: Jeder weiß, wo man als Unternehmen hin will, wie man miteinander und vor dem Kunden auftreten will.

Herr Ulbrich, was genau ist unter einem Leitbild zu verstehen?
Ein Leitbild erläutert das Selbstverständnis des Unternehmens und vermittelt die Grundprinzipien des unternehmerischen Handelns. Es ist im Grunde eine klare Positionierung, die nach innen und außen wirkt. Wenn sich Unternehmen mit den eigenen Stärken, Fähigkeiten und Werten auseinandersetzen, bringt das Klarheit und  Orientierung und beides schafft Vertrauen – für Mitarbeiter ebenso wie für Kunden und Lieferanten. Wichtig ist, dass mit dem Leitbild ein realistisches Idealbild entsteht, das authentisch gelebt werden kann. 

Normen Ulbrich ist Inhaber von imnu – Personalentwicklung aus Bardowick. Er trainiert und begleitet Teams und Führungskräfte und hat zusammen mit dem Marketingexperten Frank Leuz das Workbook Leitbildentwicklung geschrieben, das jetzt im Haufe-Verlag erschienen ist. Normen Ulbrich ist Inhaber von imnu – Personalentwicklung aus Bardowick. Er trainiert und begleitet Teams und Führungskräfte und hat zusammen mit dem Marketingexperten Frank Leuz das Workbook Leitbildentwicklung geschrieben.

Credit: imnu – Personalentwicklung

Warum sollte ein Unternehmen ein Leitbild entwickeln?
Als Inhaber eines kleinen Unternehmens ist es noch relativ einfach, viel Kontakt zu allen Mitarbeitenden zu haben und ihnen täglich vorzuleben, für welche Werte man steht und wie diese im Kontakt mit Kunden, Lieferanten und untereinander gelebt werden. Ab einer gewissen Unternehmensgröße wird das bedeutend schwieriger. Ein Leitbild zu entwickeln, kann eine große Orientierungshilfe für jeden Mitarbeiter eines Betriebs sein: Jeder weiß, wo man als Unternehmen hin will, wie man miteinander und vor dem Kunden auftreten will. Ich würde sogar sagen, das Leitbild ist das Führungswerkzeug der heutigen Zeit. Denn unsere Welt hat sich in den letzten Jahren unfassbar schnell verändert und digitalisiert. Die Geschwindigkeit der „Evolution“, wie ich sie fachlich inkorrekt nenne, hat sich fast verzwanzigfacht. Denken Sie nur an Smartphones. Mein iPhone X gab es vor elf, zwölf Jahren noch gar nicht und heute trägt es einen ganz wesentlichen Anteil an der Produktivität. Was heute richtig erscheint, kann morgen schon ganz falsch sein und vice versa.

Welche Bestandteile sollte das Unternehmensleitbild enthalten?
Das Leitbild, wie ich es definiere, besteht aus einer Vision, Werten und einer Mission. Die Vision zeigt auf, wo ich in den nächsten fünf bis zehn Jahren mit dem Unternehmen hin möchte, was ich erreichen und schaffen will. Dabei darf sie groß, wenn nicht gar utopisch sein, denn eine zu kleine Vision inspiriert niemanden. So hat es auch Microsoft gemacht. In den 70ern hatte Bill Gates die Vision, dass auf den Schreibtischen der ganzen Welt ein PC stehen solle. Damals waren diese Geräte natürlich so groß, dass höchstens eines in ein Büro gepasst hat – geschweige denn eines auf den Tisch eines jeden Mitarbeiters. Aber schauen Sie, welcher Antrieb aus dieser, damals völlig unrealisitischen Vision entstanden ist und was sie bis heute geschaffen haben.

Und welche Rolle spielen die Werte?
Werte geben jedem Mitarbeiter die Möglichkeit, das eigene Verhalten an ihnen auszurichten, zu reflektieren und gegebenenfalls daran zu wachsen. Sie zielen also nach innen, während der dritte Bestandteil des Leitbilds, die Mission, das Unternehmen nach außen porträtiert. Die Mission beeinflusst, was der Kunde von uns als Unternehmen sieht und erwarten kann.

Wie sieht der ideale Weg zu einem Leitbild aus?
Der ideale Weg fängt damit an, dass der Inhaber, der CEO oder der Geschäftsführer als Visionär vorangeht und als aller Erstes seine Führungskräfte begeistert. Alle müssen den Sinn hinter dem Leitbildprozess verstehen und an einem Strang ziehen. Es sollten immer wieder Workshops zu den einzelnen Themen Vision, Mission und Werte stattfinden. Unser Buch bietet einen Ansatz, sodass Unternehmen die Workshops in Eigenregie durchführen können.

Inwiefern sollten Mitarbeiter einbezogen werden?
Das müsste man in der ersten Phase diskutieren. Um im weiteren Verlauf aber eine zutreffende und realistische Positionierung zu erreichen, ist es hilfreich, Mitarbeiter einzubinden. Sie kennen ihr Unternehmen bis ins Detail – und wissen, was gut läuft und wo es weniger gut aussieht. Aber man kann es sich ja vorstellen: Bei mehreren hundert Mitarbeitern ist es nicht möglich, alle einzubeziehen. Dort empfehle ich dann, ein Projektteam von zehn bis 15 Mitarbeitern unterschiedlichster Funktionsgruppen aufzustellen und sie konzentriert an dem Prozess mitarbeiten zu lassen. Das kann dann auch schon mal ein halbes Jahr oder länger dauern, denn diese Zeit braucht ein ehrliches Leitbild, um zu reifen – genau wie guter Wein oder Käse.

Wenn man das Leitbild erstellt hat, wie geht es dann weiter?
Dann fängt die richtige Arbeit erst an: Dem Leitbild Leben einhauchen. Genau diese Integration ins Unternehmen ist die eigentliche Herausforderung. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein 300-Mann-Unternehmen im Baugewerbe. Wie begeistert man auch die Facharbeiter, die eventuell noch nie was von einem Leitbild gehört haben und denen solche neumodischen Management-Tools im Grunde völlig egal sind? Einer meiner Kunden hat dafür für alle Mitarbeiter eine Art Kreuzfahrt nach Norderney organisiert. Seine Mission war es, den ganzen Tag seinen Mitarbeitern zu widmen, damit der Gedanke des Leitbilds jeden abholt. Ein solches Event verdeutlicht die Relevanz des Leitbilds im gesamten Unternehmen. Wichtig ist auch, das Leitbild durch Kommunikation präsent zu halten. In der Zentrale der Upstalsboom Hotelkette, die ich persönlich kennen lernen durfte, hängen beispielsweise im Treppenhaus kleine Kärtchen. Jeder Mitarbeiter kann sich eine Karte nehmen, darauf schreiben, wofür er sich bedanken möchte und sie dem entsprechenden Kollegen auf den Tisch legen. Das ist ein gutes Beispiel, wie es gelingt, dem Leitbild Leben einzuhauchen. Besonders wichtig ist es natürlich, dass auch die Führungskräfte ein positives Beispiel vorleben.

Inwiefern hilft eine solche grundsätzliche Positionierung dabei, strategische Entscheidungen zu treffen? Jede Entscheidung und jede Aufgabe, die im Unternehmen getroffen wird, sollte immer mit Blick auf die Vision getroffen werden. Das ist wie mit einem Leuchtturm, der irgendwo ganz weit hinten steht. Man kann ihn nur schemenhaft erkennen, überlegt sich aber dennoch bei jeder Entscheidung: Kann mich das in diese Richtung führen? Konkret machen kann man das am Beispiel der Personalsuche. Die Personalverantwortlichen achten nicht mehr nur auf die Fachkompetenz eines Bewerbers, sondern auch darauf, ob seine persönlichen Werte mit denen der Firma übereinstimmen. Die erfolgreichsten Unternehmen haben ihre größten Fans bei sich im Unternehmen. Denken Sie nur an Elon Musks Wissenschaftler, die bei jedem der SpaceX-Raketenstarts und auch vieler kleinerer Erfolge in Jubelstürme ausbrechen – sie können das live bei Youtube mitverfolgen. Sie treiben das Unternehmen voran.

Wie lautet eigentlich das Leitbild oder der Leitsatz Ihres Unternehmens?
(lacht) Da trifft das Sprichwort „Der Schuster hat die schlechten Schuhe“ zu. Tatsächlich habe ich mein Leitbild nicht oder noch aufgeschrieben, sondern nur in meinem Kopf. Ich bin überzeugt, dass jede Handlung immer auf eine Haltung folgt. Dahingehend versuche ich, meine Persönlichkeit stetig weiterzuentwickeln und beziehe meine Mitarbeiter im Grunde täglich in diese Entwicklung mit ein. Im Kern geht es darum, mehr vom Kopf in mein Herz zu kommen. Das versuche ich im Übrigen auch den Führungskräften, die ich begleite, zu vermitteln: Ich lade sie ein, sinn- und menschenorientiert zu führen. Das ist das, wofür ich morgens aufstehe und brenne.