Maß nehmen mit dem Avatar

Ein Mann mit einem
Oneasme erstellt mithilfe eines speziellen 3D-Scanners einen virtuellen Avatar.

Avatar – seit dem gleichnamigen Kinofilm umschwebt den Begriff ein Hauch von Science Fiction. Doch die Geschichte auf der Leinwand ist mittlerweile zehn Jahre alt und die Idee eines digitalen menschlichen Abbilds ist längst auch außerhalb der Spieleindustrie angekommen. Zum Beispiel in Buchholz, in einem jungen Start-up-Unternehmen im ISI-Zentrum für Gründung, Business und Innovation.

Oneasme“ hat Nabil Moser seine Firma genannt, zu Deutsch: einer wie ich. Denn genau das sollen seine Avatare sein. Das gilt zumindest für die Maße, die ihre lebendigen Vorbilder besitzen.

Avatare testen bei Dailmer Abläufe in der Montage

Wer an einen Avatar denke, hat vermutlich als Erstes Computerspiele vor Augen: virtuelle Welten, die das digitale Doppel der Spielerin oder des Spielers erkundet. Doch ein Avatar bietet auch ganz pragmatische Einsatzmöglichkeiten. So wie bei Daimler zum Beispiel: Der Automobilhersteller testet die Abläufe in der Montage vorab mit Avataren an Bildschirmen. Und so wie diejenigen, auf die sich Nabil Moser mit seiner Firma spezialisiert hat. Denn Moser, studierter Maschinenbauingenieur, bietet seine Avatare in erster Linie in der Berufsbekleidungsbranche an.

Eine normale Anprobe dauert etwa 15 Minuten, der Scan nur 90 Sekunden.

Die Avatare sollen die Bestellabläufe für Berufsbekleidung schneller und günstiger machen, als wenn Vertreter der Hersteller mit verschiedenen Modellen in den Betrieb kommen und die Mitarbeitenden zu festgelegten Zeitpunkten die entsprechenden Hosen, Jacken und Hemden anprobieren müssen.

Anprobe mit dem Avatar

Der von Nabil Moser erdachte Ablauf funktioniert so: Die Person stellt sich bekleidet auf einen Drehteller, und innerhalb kürzester Zeit tastet ein 3D-Scanner die Oberfläche des Körpers ab. Als Oberteil ist eine von der Firma mitgelieferte enganliegende Strickjacke Pflicht, damit die Maße möglichst genau genommen werden. Einen mobilen Scanner können sich die Betriebe entweder bei „Oneasme“ leihen oder aber selbst anschaffen.

„Das alles ist erheblich einfacher als früher, als es ausschließlich stationäre Scanner gab“, erklärt Moser. „Der Scanner ist mobil, wir können also überall Maß nehmen.“ Im Gegensatz zur konventionellen Anprobe sei vor allem die Zeitersparnis ein wesentlicher Faktor: „Eine normale Anprobe dauert etwa 15 Minuten, der Scan nur 90 Sekunden.“ Die eingescannten Daten wandelt die von Moser entwickelte Software in einen Avatar um. Die Maße des Avatars lassen sich anschließend mit den Angaben in den Größentabellen der Hersteller vergleichen – und schnell ist klar, welche Größe für welche Frau und welchen Mann zu bestellen ist. 

Die Software kooperiert mit nahezu jedem 3D-Scanner

Moser selbst hat in einem Industriebetrieb gearbeitet und dabei bemerkt, „wie aufwendig, zeitintensiv und daher lästig“ die Anproben von Musterstücken für die Berufskleidung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein können. „Die Auswahl der richtigen Größe ist besonders wichtig, gerade wenn Namen eingestickt werden“, sagt Moser. „Die Kleidung kann schließlich nicht zurückgegeben werden.“ Den Avatar, der dafür zum Einsatz kommt, gibt es ab zwölf Euro inklusive Körpermaße. Moser möchte sich mit seiner Dienstleistung an Unternehmen wenden, die ihre Beschaffungsprozesse digitalisieren wollen. Als seine Zielgruppe sieht er vor allem die Industrie, Fluggesellschaften, öffentliche Behörden wie etwa Verkehrsbetriebe, Post, Polizei oder Feuerwehr. 

„Das bietet sonst niemand an“, sagt Moser.

Besonders an der Buchholzer Software ist dabei vor allem eines: Sie kann mit jedem marktgängigen mobilen 3D-Scanner kooperieren. „Alle anderen Programme für Avatare können nur mit einem bestimmten, dazugehörigen Scanner arbeiten.“ 

Doch theoretisch kann die Software aus Buchholz noch viel mehr: Da die „Oneasmes“ auch Knochen und Gelenke besitzen, lassen sie sich auch animieren. Das heißt: Der Avatar könnte eben auch als Menschenabbild durch die Welt eines Computerspiels laufen. Doch bis dahin ist noch Zeit. Schließlich bietet die Firma ihre Avatare erst seit vorigem Sommer auf dem Markt an.