Mehr als nur eine Herausforderung

Ein Jahr ohne Freunde und Familie, ohne einen Tag in den eigenen vier Wänden, ohne den gewohnten Alltag. Da kann es nur eine erste Frage geben: Warum?
Neugier! Ich wollte einfach wissen, wie es ist, mit wenigen anderen Menschen auf engem Raum isoliert zu sein. Ich hatte vorher schon ein wenig Kontakt mit dem Leben auf dem Mars: Im Rahmen des Auswahlprozesses für ein einjähriges Projekt in der Arktis habe ich mit fünf anderen – darunter auch zwei meiner späteren HI-SEAS Crewmitglieder – auf einer Station in Utah, der Mars Desert Research Station,  zwei Wochen unter ähnlichen Bedingungen gelebt. Ich fand die Vorstellung faszinierend, das ein ganzes Jahr durchzuziehen. Die Herausforderungen sind dann natürlich ganz andere. Die psychische Belastung ist deutlich höher.

Wie haben Sie sich auf diese Zeit vorbereitet?
Das kann man nicht groß vorbereiten. Wir waren zusammen eine knappe Woche lang in den Rocky Mountains trekken, und wir haben diverse Trainings zum Umgang mit Stress und Konflikten durchlaufen. Aber viel wichtiger ist, dass das Team von vornherein gut ausgewählt wird: Auch das beste Training macht aus einem Narzissten keinen Teamplayer. Dementsprechend wurde bei unserer Auswahl neben der fachlichen Qualifikation auch auf die psychologische Eignung geschaut.

Was hat Ihnen in dem Jahr der Mars-Mission besonders gefehlt?
Frische Himbeeren. Reisen. Der Austausch mit anderen Menschen. Abwechslung. Das klingt vielleicht banal, aber die Sehnsucht danach ergab sich einfach durch unsere Lebensumstände in der Isolation. Während unserer Mission waren wir 365 Tage ganz unter uns auf engstem Raum. Mit anderen Menschen hatten wir nur eingeschränkt und zeitverzögert Kontakt. Außerhalb unserer Station konnten wir uns nur mit einem simulierten Raumanzug bewegen. Unser Essen war anders als gewohnt: kein frisches Obst oder Gemüse, keine Eier, keine Milch. Deshalb habe ich mich nach dem Auszug ganz besonders auf frisches Obst und Gemüse gefreut. 

Wie sah ein typischer Tagesablauf aus?
An einem normalen Tag ohne Außeneinsatz ist jeder aufgestanden, wann er oder sie wollte. Ich war in der Regel zwischen 8.30 Uhr und 9 Uhr auf den Beinen. Wenn ein Außeneinsatz anstand, haben wir uns zu einer vorher verabredeten Zeit getroffen – und sind danach unseren Arbeiten nachgegangen. Wir haben Experimente durchgeführt, Proben analysiert und sehr viel am Computer gearbeitet. Im Grunde haben wir nach unserem eigenen Zeitplan gelebt. Die einzigen Strukturen, die vorgegeben waren, waren die Fragebögen und Experimente, die wir zu bestimmten Zeiten durchführen mussten. Einige feste Termine hatten wir gruppenintern festgelegt. Wir haben uns zum Beispiel jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr zum Abendessen getroffen. Davon abgesehen war unser Tagesablauf stark von der Sonneneinstrahlung beeinflusst: Wir haben unseren Strom aus Solarpaneelen bezogen und konnten elektrische Geräte daher vor allem tagsüber betreiben. Wir haben deshalb meist am frühen Nachmittag, lange vor Sonnenuntergang, gekocht. Mittags gab es häufig Reste vom Vortag. Nach dem Abendessen haben wir häufig etwas zusammen gemacht: Salsa tanzen, Filme schauen, Brett- oder Kartenspiele spielen.

Sechs Menschen auf engstem Raum. Eine Zweck-WG für ein Jahr. Wie hat sich das Miteinander im Laufe des Jahres entwickelt?
So wenige Menschen auf so engem Raum geraten in so einer langen Zeitspanne zwangsläufig in Konflikte. Unsere Herausforderung war, diese Konflikte frühzeitig zur Sprache zu bringen, bevor sie eskalieren konnten – um auch nach einem Jahr Isolation noch produktiv zusammen arbeiten zu können. Es klingt vielleicht banal, aber unsere große Leistung bestand tatsächlich darin, auch nach Monaten noch miteinander zu sprechen und zusammen zu arbeiten, auch wenn die Stimmung vielleicht gerade nicht so gut war.

Was war die größte Herausforderung während dieser Zeit?
Es gab mehr als nur eine Herausforderung. Am Anfang bestand die Herausforderung darin, uns in der neuen, fremden Umgebung zurechtzufinden. Nach etwa sechs Monaten in der Station war uns die volle Tragweite der Simulation bewusst: Wir waren allein und bei Problemen auf uns allein gestellt. Unser Mission Support konnte uns zwar mit Ratschlägen hilfreich zur Seite stehen, aber bei technischen und anderen Probleme gab es eben nur genau sechs Menschen, die sprichwörtlich Hand anlegen konnten. Wir waren allein und fühlten uns manchmal regelrecht verlassen.

Die größte Herausforderung war für mich aber vor allem die Isolation zusammen mit fünf anderen Menschen. Insgesamt sechs unterschiedliche Charaktere auf so engem Raum – da lassen sich Spannungen und Konflikte gar nicht vermeiden. Unser Glück war, dass für keinen von uns ein Aufgeben in Frage kam und wir uns deshalb immer wieder zusammen rauften und unsere Missionsaufgaben immer wieder aufs Neue gemeinsam angingen.

Eine weitere Herausforderung war auch die „Rückkehr“ auf die Erde. Jeden Tag duschen? Per Telefon jederzeit erreichbar sein? Mein Tischnachbar wirft frische Beeren weg, auf die er keine Lust mehr hat? Ich habe mich an diese „Gepflogenheiten“ mittlerweile wieder gewöhnt, wenngleich ich mir nicht ganz sicher bin, ob diese Gewöhnung an sich etwas Erstrebenswertes gewesen ist.

Was haben Sie direkt nach dem Ende der Mission gemacht?
Ich habe frische Himbeeren und Tomaten gegessen. Dazu gab es einen Orangensaft. Das passte natürlich überhaupt nicht zusammen. Aber das war mir egal. Mein Heißhunger auf frisches Obst und Gemüse war einfach zu groß. In einer unbeobachteten Minute kletterte ich auf einen Hügel. Dort war es so ruhig, dass ich den Wind hören konnte. Meine Hände prickelten, von dem ungewohnten Gefühl bewegter Luft. Ohne Schutzanzug in der Natur. Das war einfach großartig nach so einer langen Zeit der Bewegungseinschränkung.

Unmittelbar nach der Mission wurden wir auf eine Ranch gebracht, wo wir uns eine Woche lang in einer überschaubaren Menschengruppe aufhielten. Mit den beteiligten Wissenschaftlern gab es ausführliche Nachbesprechungen. Anschließend verbrachten wir eine paar Urlaubstage auf Hawaii. Und erst dann kehrte ich nach Europa zurück.

Wie war das „Danach“? Haben Sie sich schnell wieder im normalen Alltag zurechtgefunden?
Das Leben danach war auf jeden Fall ungewohnt. In der Zeit der Mission fehlte mir Bewegungsfreiheit. Als ich zurück in Deutschland war, fühlte ich mich paradoxerweise auf der Erde deutlich eingeschränkter als auf den endlos weiten Hängen des simulierten Mars. Unsere Unterkunft stand frei, umgeben von einer weiten, leeren Ebene. Zurück im normalen Leben musste ich mich wieder an Straßen, Zäune, Mauern und Autos gewöhnen.

Außerdem lief auf dem simulierten Mars die Zeit viel langsamer ab. Interaktionen mit Menschen, denen man nicht gerade gegenüber stand, dauerten mindestens 40 Minuten, meistens deutlich länger, gelegentlich Tage und Wochen. Darum gab es kein „dringend“, das jemand von außen hätte diktieren können, allenfalls wenn wir selbst einen Notfall hatten. An die Kommunikationsregeln zurück auf der Erde konnte ich mich deshalb nur sehr langsam wieder gewöhnen. Am Anfang nahm ich Telefonanrufe praktisch nur nach vorheriger Anmeldung entgegen, wenn der Anrufer nicht gerade aus dem engeren Bekanntenkreis stammte. Ich konnte mich lange nicht dazu durchringen, für jeden sofort verfügbar zu sein.

Vermissen Sie heute etwas von dem „Mars-Leben“?
Am Anfang hatte ich ein wenig „Heimweh“, heute eher nicht mehr.

Wüssten Sie jetzt, wie man ein Team zusammenstellen sollte für eine Marsmission?
Ich weiß es zumindest besser als vorher. Vor allem kann ich heute die Anzeichen erkennen, wenn ein Team später Probleme bekommen wird: Scheinbar kleine Reibungspunkte, die aber früher oder später zu Frust führen können.

Wie eng ist der Kontakt zu den anderen Crewmitgliedern heute?
Mit drei Crewmitgliedern stehe ich noch in engem Kontakt, wir mailen und skypen wann immer sich die Möglichkeit ergibt. Zwei davon habe ich erst vor einigen Monaten wieder gesehen.

Wenn Sie es nochmals zu entscheiden hätten: Würden Sie wieder an einer Exkursion dieser Art teilnehmen?
Das kommt darauf an: Wenn es etwas Neues zu entdecken gibt, würde ich zumindest darüber nachdenken. Zudem muss die Crew zu mir passen. Aber an HI-SEAS selbst würde ich wohl eher nicht nochmal teilnehmen – diese „Mars“-Landschaft kenne ich ja jetzt schon.