Mensch, Technik!

Mann fährt Gabelstapler im Lager und hält einen Handscanner auf ein Regal.
Foto: tonwert21.de

Pascal Wächter tippt mit seinem Zeigefinger an den rechten Bügel des Geräts auf seiner Nase. Eine Art überdimensionierte Brille – die modernste Technik birgt: einen Computer samt Bildschirm, der dem 28-Jährigen anzeigt, welchen Code er als nächstes scannen muss und welches Teil er als nächstes holen muss, damit am Ende das Produkt entsteht, von dem seine Kollegen und er täglich 1.900 Stück montieren: Formhimmel für Fahrzeuge.

Pascal Wächter arbeitet als Kommissionierer bei Schnellecke Logistics in Wolfsburg. Der Logistikdienstleister zählt zu den Vorreitern bei der Implementierung digitaler Technologien in seine Arbeitsabläufe. „Wir haben Mut zur Veränderung“, lautet einer von drei zentralen Sätzen der Unternehmenskultur, nach denen die zu einer internationalen Gruppe angewachsene Firma arbeitet. Und diesen Mut brauchen die 1.000 Mitarbeiter in Wolfsburg auch, denn was der vor rund 80 Jahren als Spediteur gestartete Familienbetrieb und heutige Anbieter von Fertigung und Logistik in der Automobilindustrie für die nahe Zukunft plant, ist nicht weniger als eine Revolution.

Wie diese Revolution aussehen wird, das wissen drei Männer in Wolfsburg sehr genau. Dr. Abaid Goda, Denis Wirries und Karsten Keil arbeiten für die Konzern-IT und haben für Schnellecke die Supply Chain, die Lieferkette der Zukunft entworfen. Und in diesem Szenario ist die Brille auf der Nase von Pascal Wächter nur der Anfang. „Wir wollen, dass die Logistik die Produktion steuert“, sagt Dr. Abaid Goda, Senior Manager IT. „Unsere Vision ist eine dynamische Lieferkette. Wir wollen proaktiv Ereignisse überwachen. Wir wollen genau wissen, was gerade wo passiert: in unserer Halle, auf dem Weg zum Kunden und in der Halle des Kunden.“ Denis Wirries, Competence Manager IoT (Internet of Things) ergänzt: „Wir wollen just in time, just in sequence liefern. Deswegen soll alles, was sich im Lager bewegt, intelligent sein. Wir wollen mögliche Störungen voraussehen und dadurch vermeiden können. Das funktioniert nur, wenn wir sämtliche System miteinander verbinden. Eins allein wird niemals alle Fragen beantworten.“

Wer damit rechnet, dass Zukunftstechnologien in zehn Jahren die Logistik bestimmen werden, der muss dafür heute die Weichen stellen und mit den Lösungen zumindest experimentieren

IT ist bei Schnellecke nicht nur ein Instrument der Umsetzung, sondern spielt eine wesentliche Rolle im Kontext der Unternehmensstrategie, sagt Karsten Keil, Vice President IT: „Wir wollen mit digitalen Lösungen unsere Effizienz steigern, unsere Prozesskosten reduzieren und eine Null-Fehler-Rate erreichen.“ Schnellecke Logistics setzt dabei schon heute Geräte und Systeme ein, die in der Branche zurzeit noch aus der Zukunft in die Gegenwart gereist zu sein scheinen. Das jedenfalls lässt sich aus einer Studie des Digitalverbands Bitkom herauslesen, nach der lediglich acht Prozent der mehr als 500 befragten deutschen Unternehmen bereits Datenbrillen wie die auf der Nase von Pascal Wächter nutzen.

Der Hauptgeschäftsführer der Branchenvertretung ist daher überzeugt, dass die Realität der Gegenwart und die Vorstellungen von der Zukunft der Betriebe in einem Missverhältnis stehen. „Wenn man die Zukunftsszenarien, von denen die Unternehmen überzeugt sind, mit dem heutigen Einsatz und den konkreten Planungen vergleicht, dann ist das ein Warnsignal”, sagt Dr. Bernhard Rohleder nach Auswertung der vom eigenen Verband in Auftrag gegebenen Studie. „Wer damit rechnet, dass Zukunftstechnologien wie Drohnen, selbstlernende Systeme oder Datenbrillen bereits in zehn Jahren die Logistik bestimmen werden, der muss dafür heute die Weichen stellen und mit den Lösungen zumindest experimentieren.“

Das sieht auch Dr. Abaid Goda so. Denn als einer der Wolfsburger IT-Vorreiter ist er sich sicher, dass er neue Wege gehen muss, selbst wenn andere noch nicht davon überzeugt sind – auch eigene Kunden nicht. „Wir wollen ein Muster sein für andere“, sagt Goda. „Dafür müssen wir Dinge ausprobieren, die bislang nicht realisiert sind. Sonst kann sich diese Dinge niemand vorstellen.”

Frau mit Brille und Scanner

Und so arbeiten Schnelleckes Picker wie Pascal Wächter schon heute nicht mehr ausschließlich mit Scannern, die Barcodes auf den Einzelteilen ablesen. Sie tragen auch intelligente Multi-Sensor-Armbänder, die Schnellecke innerhalb von sechs Monaten gemeinsam mit der Firma Ubimax erprobt hat: Auf dem sogenannten „xBand“ befindet sich ein RFID-Reader, der über elektromagnetische Wellen automatisch jedes Teil identifiziert, das die Kommissionierer für jeden einzelnen Fahrzeughimmel aus dem Lager zusammenpacken, zum Beispiel Griffe oder Schalter. Die Vorteile der smarten Arbeitskleidung: Der Picker hat nicht nur beide Hände frei zum Greifen, sondern der Transponder meldet auch, ob wirklich immer das korrekte Stück aus dem Regal genommen wurde. Greift der Mensch einmal daneben, gibt der kleine schwarze Kasten einen lauten Warnton von sich: Achtung, falsches Teil!

Die Auswirkungen der neuen Lösungen sind schon jetzt mehr als deutlich: Seit dem Einsatz der Datenbrillen der Marke „Google Glasses” und den „xBand“-Armbänder hat nicht nur die Fehlerquote bei Schnellecke den geringsten Stand der Firmengeschichte erreicht, sondern auch die Prozesszeit hat sich um 25 Prozent verringert.

Brille und Handschuhe sind zwar die greifbarsten digitalen Technologien, die im Lager des Logistikdienstleisters zu beobachten sind. Doch die digitale Transformation ist in Wolfsburg schon viel weiter fortgeschritten – wenn auch unsichtbar. So hat Schnellecke sämtliche Systeme in eine Cloud ausgelagert, sodass die Gruppe ihre Dienste theoretisch in der Wüste anbieten könnte. Hauptsache, es gibt Strom und Internet.

Schon 2018 will das Unternehmen Roboter und autonome Gabelstapler einführen. Am Ende der Vision steht eine voll digitale Kette, die mit autonomen Staplern beginnt, die ankommende Lkws ausladen und die Ware nicht nur selbstständig ins Regal hieven, sondern die Information über die gelieferten Teile auch per RFID ins System laden. Am Ende der Kette bringen autonome Stapler die montierten Fahrzeughimmel zum Lkw und informieren das System darüber, dass sie nun das Lager verlassen.

Doch damit sind die Wolfsburger immer noch nicht am Ende ihrer Vision: Das sogenannte Internet of Things (IoT) soll in Zukunft über Sensoren sichtbar machen, an welcher Stelle sich welche Fertigungsteile in welcher Anzahl befinden, wann vermutlich welcher Lkw wo eintreffen wird und ob aufseiten von Schnellecke selbst oder des Kunden möglicherweise Engpässe oder andere Störungen drohen, die das Zahnrad zum Stillstand bringen könnten und sich über vorhersehende Systeme vermeiden ließen. Prädiktives Planen und Arbeiten, das ist den Logistikern klar, wird immer wichtiger, je geringer die Lagerbestände auf allen Seiten gehalten werden.

In der Himmel-Halle zeigt die Uhr an der Wand mittlerweile Schlag zwölf. Pascal Wächter tippt ein letztes Mal an den rechten Bügel seiner Brille, nimmt die Datenbrille ab und wechselt von der digitalen Welt in die analoge: In der Mittagspause spielt der Kommissionierer aus der Zukunft mit seinen Kollegen Kicker. Am Tisch, nicht auf dem Bildschirm.