„Mit einem menschlichen Führungsstil kommt man weiter“

Annika Thimm betreut als Bauingenieurin und Bauleiterin bei Meyer Hochbau GmbH & Co. KG in Uelzen Baustellen in ganz Norddeutschland.

Wenn Annika Thimm zur Arbeit kommt, ist sie dort meist die einzige Frau: Die Bauingenieurin betreut als Bauleiterin bei Meyer Hochbau GmbH & Co. KG in Uelzen Baustellen in ganz Norddeutschland, zuletzt einen Komplex mit 56 Eigentumswohnungen und Büros in Hamburg-Harburg. „Im Arbeitsalltag habe ich relativ wenig Kontakt mit Frauen – die Poliere, Vorarbeiter und das Baustellenpersonal sind eigentlich immer Männer.“ In der Unternehmensgruppe gibt es zwar weitere Frauen in Führungspositionen, im Bereich Hochbau ist sie die einzige Frau von rund 20 Bauleitungen.

Die Exotenrolle ist sie gewöhnt. „Das war schon im Studium an der Fachhochschule in Lübeck so, auch dort waren kaum Studentinnen in meinem Fach“, sagt sie. Seit drei Jahren arbeitet sie bei der Meyer Hochbau GmbH & Co. KG. Anfangs sei es mitunter schwierig gewesen, sich zu behaupten. Sie erinnert sich an Situationen, in denen Gewerke nicht so reagierten, wie sie es sich gewünscht hätte.

Zunächst begleitete Thimm erfahrene Kollegen zu deren Projekten. „Das war ein guter Einstieg und hat mir geholfen. Ich habe mir vieles im Umgang auf dem Bau von ihnen abgucken können.“ Bald übernahm sie selbst Führungsaufgaben. „Dass ich eine Frau bin, kann auch von Vorteil sein – auf die Bitte, noch einmal etwas zu verändern, sagte mal jemand zu mir: Na gut, weil du es bist, mache ich das.“

Foto: tonwert21.de

Letztendlich, ist Thimm überzeugt, punktete sie mit Fachwissen. „Die Männer haben einfach gemerkt, dass ich Ahnung habe und dass sie nicht einfach alles machen können. Ich spreche die Dinge immer offen und ehrlich an, auch, wenn es ein Problem gibt. Damit bin ich bisher gut gefahren.“ Gleichzeitig sei es gerade auf dem Bau wichtig, nicht den eigenen Hochschulabschluss vor sich her zu tragen und erfahrenen Handwerkern von oben herab Ansagen zu machen. Thimm: „Ich gebe ehrlich zu, wenn ich etwas nicht weiß und bin dankbar, wenn mir jemand eine Lösung anbietet. Die Leute wissen inzwischen, dass ich ihre Kompetenz und Erfahrung zu schätzen weiß und zollen mir dafür Respekt.“

Der Freund der 28-Jährigen ist ebenfalls Bauingenieur, ihr Vater Diplomingenieur für Flugzeugbau. Es sei hilfreich, Vertrauenspersonen zu haben, bei denen sie auch mal eine weitere Meinung einholen kann.

„Gemeinschaftliches Arbeiten“ sei ihr wichtig. „Ich glaube, dass man mit einem menschlichen Führungsstil weiter kommt, weil man die Leute mitnimmt. Wer nicht kommunizieren kann, dem nützt auch das beste Fachwissen nichts.“ Stressige Situationen eskalierten schneller, wenn ausschließlich Männer anwesend sind, so Thimm. Der Ton auf dem Bau kann mitunter rau sein, es gibt eine strenge Hierarchie. „Da ist es umso wichtiger, klare Aussagen zu treffen“, so Thimm.

Sie selbst scheint ein pragmatischer Typ zu sein. Sie bleibe sachlich, spreche auch unangenehme Dinge möglichst direkt und persönlich an. „Als mal eine Situation zu eskalieren drohte, weil die Beteiligten immer lauter wurden, habe ich gesagt: Niemand muss hier brüllen, wir sollten stattdessen konstruktiv nach einer Lösung suchen.“ Am Ende sei die Aufregung meist kurz und alles nicht halb so wild.