Neue Räume für neue Arbeit

Marco Smith (l.) und Florian Kienast sitzen auf einem flachen Tisch in einem Büro, im Hintergrund sind Stellwände mit Fotos und Bildern zu sehen, die an der Wand lehnen.
Foto: tonwert21.de
Experten für Raum und Design: Marco Smith (l.) und Florian Kienast vom Innenarchitektur-Büro Formwaende in Lüneburg.

Der Raum ist lichtdurchflutet. Holzfußboden, hohe Decken, ein bisschen Kunst an den Wänden, stylischer Schreibtisch – Florian Kienast sitzt in einem dieser Büros, in denen sich wohl jeder sofort wohlfühlt. Und er baut solche Räume auch für andere. Sein Credo: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Ein Leitsatz, der heute aktueller denn je scheint.

Fachkräftemangel erfordert Investitionen – auch in Büros

Seit 2001 entwickelt Kienast mit seinem Lüneburger Unternehmen Formwaende Raumkonzepte für Kunden aus Handel, Hotellerie und Gastronomie. Für Unternehmen also, bei denen Wohlfühlen zum Kerngeschäft gehört. Inzwischen erhält der Interior-Designer aber auch immer mehr Anfragen von Arbeitgebern aus Industrie und Handwerk. „Es hat ein ganz neues Denken eingesetzt, das sich durch alle Branchen zieht“, sagt Kienast. Die Unternehmen müssten sich aufgrund des Fachkräftemangels mehr anstrengen im Werben um Mitarbeiter und investieren entsprechend – in durchgestylte Arbeitsplätze, Kantinen und Umkleiden mit Duschen für diejenigen, die mit dem Fahrrad kommen. „Genau dieser Situation müssen sich Unternehmer stellen und jetzt in die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter investieren, um später nicht das Nachsehen zu haben“, sagt Kienast.

Blick in das Formwaende-Büro in Lüneburg: Ein Albauraum mit Holzdielen und viel Licht, das auf moderne Schreibtische fällt. Auf einem sitzt ein Mann un telefoniert, zwei weitere Mitarbeiter besprechen an einem anderen Schreibtisch. Besonders die junge Generation wünscht sich kreative und kommunikative Arbeitsräume.

Foto: Dan Hannen

Arbeitsplatz ist Bestandteil der Arbeitgebermarke

Der Arbeitsplatz ist zum wichtigen Bestandteil der Arbeitgebermarke avanciert. Und für oder gegen Marken entscheiden wir uns nicht aus rationalen Gründen, sondern weil Marken Emotionen triggern. Die Zeiten, in denen es für einen Logistikdienstleister reichte, sein Logo auf der Lkw-Plane zu platzieren, seien längst vorbei, sagt Kienast: „Es geht um eine ganzheitlich zielgruppengerechte Ansprache und dafür muss man die Bedürfnisse derer, die man für sich gewinnen will, kennen.“

Die Bedürfnisse der Generation Z, also derjenigen, die von 1997 bis 2012 geboren wurden, rückte im Oktober vergangenen Jahres die Fachkonferenz des Weiterbildungsanbieters Management Circle in den Mittelpunkt. Eine der Expertinnen, die geeignete Immobilientypen für die junge Generation diskutierten, ist Dr. Dewi Schönbeck, Director des Architekturberatungsunternehmens CSMM. Sie sagt: „Die Büroplanung orientiert sich immer mehr an den Nutzerbedürfnissen der Mitarbeiter. Besonders junge Menschen sehnen sich nach einem kreativen und kommunikativen Arbeits- und Gestaltungsraum.“

Meetingräume und Musikzimmer

Die großen Player legen die Messlatte. Im Google-Hauptquartier in Dublin beispielsweise gibt es neben kommunikativen Großraumbüros und Meetingräumen gondel-artige Lounges für Arbeitsgespräche. Neue Kreativität können die Mitarbeiter im Musikzimmer, beim Billard, in der Schwimmhalle oder im Sportraum schöpfen. Das mag für manch einen zu abgehoben klingen, zu weit weg. „Ist es aber nicht“, sagt Florian Kienast. „Vor allem Unternehmen im ländlichen Raum sollten sich an diesen Trends orientieren, um dem demografischen Wandel und der Abwanderung in Zentren entgegenzusteuern.“

Der Fachkräftemangel ist das eine, es gibt aber noch eine weitere Entwicklung, die unmittelbar auf die Gestaltung unserer Büros wirkt: die Digitalisierung. Agile Arbeitswelten, smarte Technologien und flexible Arbeitszeiten haben unsere Art und Weise zu arbeiten verändert. Längst arbeiten wir nicht nur im Büro, sondern auch zu Hause, im Hotel oder von überall auf der Welt. „Heute wird Arbeit als integraler Bestandteil des Lebens betrachtet“, bringt es die Berliner Beratungsagentur Dark Horse Innovation den Trend in ihrem Buch „New Workspace Playbook“ auf den Punkt und folgert daraus: „Das Arbeiten soll schön sein. Und das Arbeiten wird schöner, wenn es dem Leben stärker ähnelt.“

Florian Kienast steht hinter seinem Schreibtisch und liest, an der Wand des großen, hellen Raums lehnen dunkle Tafeln mit Fotos und Bildern. Mit seinem Innenarchitekturbüro Formwaende hat Florian Kienast schon weit über 300 Designprojekte realisiert.

Foto: Dan Hannen

Das Leben kommt mit ins Büro

Der Begriff Work-Life-Blending beschreibt dieses Phänomen. Gemeint ist „die clevere Integration von Arbeitspaketen in den persönlichen Tagesablauf, die Möglichkeit, Meetings und Anrufe rund um Yoga und Termine im Bürgeramt planen zu können, all das bleibt für Mitarbeiter interessant“, so die Dark-Horse-Autoren. Während es in den 90er-Jahren jedoch darum ging, mehr Arbeit ins Leben zu mischen – Stichwort Homeoffice – drehe sich dieser Trend gerade. Das Leben kommt mit ins Büro: Der Hund unterm Schreibtisch, Kollegen werden zu Freunden, die mittags zusammen kochen und essen und mit denen wir abends noch eine Runde Kickern. Und plötzlich klingt das Google-Modell doch nicht mehr so abgehoben, oder?

Es wird wohnlicher im Büro und dazu gehört auch der zwischenmenschliche Austausch – nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Den Plausch zwischen Kollegen gab es zwar schon immer, aber heute findet er nicht mehr zwischen Tür und Angel statt, sondern wird besonders gefördert – bei Mitarbeiterfrühstücken, Abend-Events und den dafür erforderlichen Räumen.

Durchdachte Konzepte für mehr Effizienz

„Natürlich muss sich all das auch wirtschaftlich darstellen lassen. Durchdachte Raumkonzepte sind aber eben auch vielfach effizienter“, sagt Interior-Designer Kienast und nennt ein Beispiel: Während Kantinen früher vor allem um die Mittagszeit genutzt wurden und den Rest des Tages leer standen, konzipiere das Formwaende-Team die Räume heute mit Blick auf die Mehrfachnutzung für Essen, Meetings, Präsentationen und Abendveranstaltungen. „Die Rund-um-die-Uhr-Nutzung sorgt für erhebliche Effizienzsteigerungen, vor allem in teuren Mietlagen“, sagt Kienast. In gut geplanten Räumen können beispielsweise durch Desksharing bis zu 20 Prozent mehr Mitarbeiter auf der gleichen Fläche untergebracht werden, als bei einer konventionellen Planung, schätzt auch Dark Horse.

Wer sich wohlfühlt, ist produktiver

Wie wichtig Kienasts Credo vom Menschen im Mittelpunkt dabei ist, zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Industrieverbands Büro und Arbeitswelt (Iba) aus 2017. Demnach sind 78 Prozent der 1.013 Befragten überzeugt, dass sie produktiver sind, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, in dem sie sich wohlfühlen. Und ob sie sich wohlfühlen, hängt der Umfrage zufolge stark von der Qualität des eigenen Arbeitsplatzes ab.

Das moderne Büro überzeugt mit lichten Raumhöhen, flexibler Gebäudetechnik und viel Glas. Fenster, die helle Räume bei Präsentationen automatisch verdunkeln; Lichtkonzepte, die dem natürlichen Tageszyklus entsprechen, also morgens vitalisierend und abends beruhigend wirken; und durch eine Akustik, die konzentriertes Arbeiten auch im Großraumbüro ermöglicht. „Die Möglichkeiten haben wir schon heute“, sagt Florian Kienast. Und die Gelegenheit, Arbeitsumgebungen neu zu denken, haben Chefs alle paar Jahre, wenn ein Umzug, ein Umbau, ein Neubau oder eine Renovierung anstehen. Kienasts Tipp: „Überlegen Sie langfristig, wie sich das Arbeitsplatzverhalten in den nächsten Jahren in Ihrem Unternehmen verändert wird. Denn dank flexibler Wandelemente und Raumteiler können wir heute Gebäudegrundrisse so flexibel gestalten, dass eine Umgestaltung jederzeit möglich ist.“