„Öfter mal die Klappe halten“

Ein kleiner Junge hält sich ein Blechdosentelefon ans Ohr und lauscht.
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Zuhören ist aktive Wertschätzung. Wenn sich jemand wirklich für das interessiert, was wir zu sagen haben, wenn sich jemand Zeit für unsere Ideen, Erlebnisse und Geschichten nimmt, dann fühlen wir uns als Mensch gesehen.

Frau Niekerken, man sagt ja Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Warum fällt uns zuhören so schwer? 
Die Redewendung würde ich gern in „Reden ist Silber, Zuhören ist Gold“ ummünzen. Denn „Schweigen“ an sich ist ja noch nicht Zuhören. Aber selbst Schweigen fällt uns wahnsinnig schwer. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass Sprechen tatsächlich geil ist. Zumindest für unser Gehirn. Das haben Diana I. Tamir and Jason P. Mitchell in Harvard 2012 rausgefunden. Sie haben Probanden in einen PET Scan – einen Positronenemissionstomografen – gesteckt und sprechen lassen. Dabei haben sie festgestellt, dass im limbischen System, also im Gefühlszentrum ihrer Versuchspersonen, beim

Beim Erzählen werden genau die gleichen Bereiche im Gehirn aktiviert wie beim Sex. 

Erzählen genau die gleichen Bereiche im Hirn geleuchtet haben wie bei Sex oder wenn jemand Heroin nimmt. Und wer dann auch noch von sich selbst spricht, bei dem leuchtet es nochmal bunter. Warum das so ist, können die Forscher nicht genau sagen. Es wird vermutet, dass der verbale Austausch einfach überlebenswichtig war und deshalb vom Gehirn mit Endorphinen belohnt wird. Beim Zuhören passiert das auch, aber die Anstrengung, die wir dafür im ersten Moment aufwenden müssen, ist gefühlt höher. Vermutlich, weil wir heute einfach viel mehr erleben und dies weitergeben wollen. In den Zeiten von Fred und Wilma Feuerstein, hat man sich noch über eine gute Geschichte gefreut und sie wahrscheinlich als Abwechslung empfunden und hatte auch mehr Freude am Zuhören.

Porträt Anja Niekerken Anja Niekerken ist Autorin, Trainerin und Beraterin.

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Wieso halten Sie aktives Zuhören für Mist?
Die Idee des aktiven Zuhörens ist leider zum Bodenturnen für Anfänger verkommen. Da werden die Körperbewegungen des Gegenübers nachgemacht, es werden zustimmende Laute gemacht, eifrig an der richtige Stelle genickt und halbe Sätze paraphrasiert, um dem Gegenüber das Gefühl zu geben, man würde zuhören. Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie würden das alles nicht tun und einfach nur interessiert zuhören. Ich gehe jede Wette ein, Ihr Gegenüber wird das Gefühl haben, Sie würden ihm interessiert zuhören. Im Prinzip war das auch mal die ursprüngliche Idee des aktiven Zuhörens. Sie ist nur leider in Vergessenheit geraten.

Wir lieben Menschen, die an uns glauben, die uns vertrauen, die uns zuhören.

Was hat all das mit Führungskompetenz zu tun?
Zuhören ist aktive Wertschätzung. Und Wertschätzung ist einer der Hauptantreiber des Menschen. So einfach ist das. Wir lieben Menschen, die an uns glauben, die uns vertrauen, die uns zuhören. Wenn sich jemand wirklich für das interessiert, was wir zu sagen haben, wenn sich jemand Zeit für unsere Ideen, Erlebnisse und Geschichten nimmt, dann fühlen wir uns als Mensch gesehen und maximal wertgeschätzt. Für mich ist das die Hauptaufgabe von Führungspersönlichkeiten, eben von Natural Leadern. Bei Führung geht es nicht um mich selbst. Führung ist eine Dienstleistung. Eine Dienstleistung für die Menschen, die ich führe und für die Idee meines Unternehmens. Das bedeutet nicht, dass ich keine eigenen Ideen haben darf, im Gegenteil. Es geht darum, die besten Ideen zu finden, zu kanalisieren und einzubringen. Und so schließt sich der Kreis zum Zuhören: Wer nicht zuhört, wird auch nicht in der Lage sein, die besten Ideen zu finden.