Plädoyer für ein gefestigtes Europa

Ein Mädchen schwingt eine Europa-Flagge mit ausgebreiteten Armen hinter ihrem Rücken.
Foto: shutterstock.com
Heute wichtiger denn je: Ein geeintes Europa, das nach außen als starker Handelspartner für einen freien, regelbasierten Handel und offene Märkte eintritt.

Wir haben ein turbulentes Jahr 2018 hinter uns, das von Begriffen wie Handelskrieg, und Protektionismus geprägt war. Auch wenn die USA und China im Anschluss an den G20-Gipfel Anfang Dezember in Buenos Aires eine vorläufige Einigung in ihrem Handelsstreit erzielt haben, ist das Thema Strafzölle noch lange nicht abgeschlossen. Aus Washington drohen neue Zölle gegen Europa, von denen die deutsche Automobilindustrie betroffen sein könnte.

Die sich verändernde außenwirtschaftliche Gemengelage ist auch für die international agierenden Betriebe unserer Region alles andere als leicht. Zeigte die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte noch in Richtung einer zunehmenden Tendenz internationaler Verflechtungen und offener Märkte, bringen nun protektionistische Barrieren und mitunter merkantilistisch agierende Regierungen, die Freihandel per se mit Misstrauen betrachten, Unternehmen in schwieriges Fahrwasser. Auch der EU-Austritt Großbritanniens wird uns weiter beschäftigen. Es ist das erste Mal, dass ein Land den Staatenbund verlässt – eine Zäsur für die Europäische Union, ganz gleich, ob vorher ein Brexit-Abkommen zustande kommt oder nicht.

Umso wichtiger ist ein geeintes Europa, das nach außen als starker Handelspartner für einen freien, regelbasierten Handel und offene Märkte eintritt. Die EU ist der größte Wirtschafts- und Handelsblock der Welt, tätigt und empfängt weltweit die meisten Auslandsinvestitionen und ist der wichtigste Handelspartner von mehr als 80 Ländern. Besonders im Dienstleistungsbereich und gegenüber Entwicklungsländern ist die EU einer der offensten Märkte weltweit. Rund 30 Millionen Arbeitsplätze in der EU – alleine in Deutschland über zehn Millionen – hängen von Exporten ab. Unser Wohlstand beruht auf einem freien und regelbasierten Welthandel. Sich gegen protektionistische Tendenzen zu stellen, ist ein offensives EU-Interesse.

Viele Herausforderungen lassen sich weder lokal, regional noch national schultern – nur europäisch. Bei aller (berechtigten) Kritik an einer kalt und fern wirkenden EU und Brüsseler Bürokratie: Unter dem Strich liefert die europäische Kooperation bemerkenswerte Ergebnisse. Im Innern räumten Zollunion und EU-Binnenmarkt Hürden für die Wirtschaft aus dem Weg und eröffneten auch kleinen und mittleren Betrieben enorme unternehmerische Chancen.

Die Versuche der britischen Regierung nach dem Brexit über ein Handels- oder Assoziierungsabkommen die wirtschaftliche Nähe zur EU zu wahren, um so die Schäden für die heimische Wirtschaft in Grenzen zu halten, verdeutlichen den hohen Stellenwert des europäischen Binnenmarkts. Dessen Rolle für die niedersächsische Wirtschaft ist nicht weniger bedeutsam: 2017 gingen knapp 67 Prozent aller Exporte aus Niedersachsen in Mitgliedsstaaten der EU. Gleichzeitig hat Niedersachsen rund 57 Prozent seiner Einfuhren aus EU-Ländern bezogen. Von der Stärke und Einheit Europas ist auch der wirtschaftliche Erfolg in Nordostniedersachsen abhängig.

Spätestens bei den Wahlen zum europäischen Parlament im Mai wird es zu einer Richtungsentscheidung für oder gegen eine starke EU kommen. Die europäische Wirtschaft ist gut beraten, sich für eine vertiefte europäische Integration, den Multilateralismus und einen regelbasierten globalen Wettbewerb einzusetzen. Die Unternehmen brauchen Europa und Europa braucht die Unternehmen. Dazu müssen sich Unternehmen auch verstärkt in der öffentlichen Debatte für Offenheit und internationale Zusammenarbeit einsetzen. 

Über den Autor

Porträt Lars Heidemann

Lars Heidemann ist Außenwirtschaftsberater unserer IHK und unterstützt bei allen Fragen zum internationalen Geschäft. Aktuell dreht sich in seinem Arbeitsalltag viel um den Brexit, aber er steht Unternehmen auch zur Seite, die neue Märkte erschließen wollen. Zu erreichen ist Lars Heidemann unter Tel. 04131 742-125.